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European Campus Rottal-Inn:"Ich hatte ja keine Ahnung, dass Pfarrkirchen ein Dorf ist"

"Kuhkaff" würde Georg Riedl nie sagen. "Pfarrkirchen war ein weißer Fleck auf der Hochschulkarte, hier war nichts", sagt der Altbürgermeister. In den Neunzigern hatte er die Idee zu einer Hochschule, sprach oft in der Staatskanzlei vor. 2014 sagte der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer schließlich zu. Riedl musste weiter bangen. Die Hochschule stand auf der Kippe. Andere Bürgermeister seien neidisch gewesen, sagt er. CSU-Abgeordnete protestierten in München. Riedl und THD-Präsident Peter Sperber warfen das Konzept um und erfanden den internationalen Campus im Herzen Europas.

Im Herbst 2015 ging es schließlich los. Von den ersten 172 Studenten kamen 140 aus dem Ausland. "Dass sich sofort so viele anmeldeten, war für uns alle überraschend", sagt Horst Kunhardt, der Leiter des European Campus und Vizepräsident Gesundheit der THD. Und warum haben sie sich fürs Rottal entschieden? Die Antwort der Studenten ist einfach: Zufall. Die Studiengänge klangen auf der DAAD-Homepage (Deutscher Akademischer Austauschdienst) gut, Hochschulsprache ist Englisch, das Studium quasi gratis. Von Pfarrkirchen hatten sie noch nie gehört.

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Aber englischsprachige Studiengänge sind abseits der Ballungszentren rar. Die Chilenin Salas kannte Bayern und suchte eine Hochschule, um oft Skifahren zu können. Für Dumtochi Ezenwa war es eine Kostenfrage: Der Bachelor kostete ihren Vater 50 000 Pfund. Den Master hätte sie selbst finanzieren müssen. Die Nigerianerin orientierte sich um, weg aus London, "wo die Leute einen auf dem Weg zur U-Bahn überrennen". Sie fand den "Bachelor of Health Informatics". "Aber ich hatte ja keine Ahnung, dass Pfarrkirchen ein Dorf ist", sagt Ezenwa und lacht. Nach neun Monaten schwärmt sie von der Idylle und Verkäuferinnen, die Croissants verschenken.

Mittlerweile lernen 700 Studenten aus 56 Nationen in Pfarrkirchen, es gibt drei Bachelor- und drei Masterstudiengänge in Gesundheitswissenschaften, Tourismus und nachhaltigem Bauen. Das Gebäude auf der Wiese sieht innen aus wie andere Hochschulen. Seminarräume voller Tischreihen, plaudernde Studenten in der Cafeteria. Geht es nach THD-Präsident Sperber, sollen noch deutlich mehr nach Pfarrkirchen kommen. Von bis zu 2000 Studenten in zehn Studiengängen ist die Rede. Zum Wintersemester 2019 soll Pfarrkirchen zur eigenständigen Fakultät werden.

Und was bietet der Campus den Studenten? Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind ohnehin gefragt. Die Schnittmenge aus Gesundheitswissenschaften und Tourismus werde ihnen im Bäderdreieck Jobperspektiven eröffnen, sagt Gründungsdekan Christian Steckenbauer. Gesundheitstourismus liegt im Trend, und die Kurorte im Rottal sowie im Landkreis Passau haben eine lange Tradition.