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Europawahl:"Das war eine gewaltige Umstellung"

Politischer Aschermittwoch in Bayern

Die 56-jährige Landwirtin Ulrike Müller hätte durchaus auch Karriere als bayerische Landwirtschaftsministerin machen können. Doch 2014 wurde sie Spitzenkandidatin der Freien Wähler für die Europa-Wahl.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

2014 errang Ulrike Müller für die Freien Wähler überraschenderweise ein Mandat im Europa-Parlament - und kam so vom Allgäu nach Straßburg. Inzwischen ist sie keine Einzelkämpferin mehr.

Natürlich hätte Ulrike Müller auch in Bayern politische Karriere machen können. Das Zeug zur Landwirtschaftsministerin zum Beispiel hätte die 56-jährige Landwirtin aus dem Allgäu allemal. Das haben Beobachter schon vor Jahren gesagt, als die Freie-Wähler-Politikerin erst kurz dem Landtag angehörte und der CSU-Männerriege im Agrarausschuss Paroli bot.

Doch dann kam die Europawahl 2014. Parteichef Hubert Aiwanger ist kein glühender Europa-Fan. Aber sein Credo lautet, dass seine Partei zu jeder Wahl antreten muss, egal ob in den Ländern, im Bund oder in Europa. Also suchte er einen Spitzenkandidaten. Die Allgäuerin Ulrike Müller übernahm den Job - und errang zu aller Überraschung ein Mandat im Straßburger Parlament. "Das war eine gewaltige Umstellung", sagt Müller, "zumal ich anfangs Einzelkämpferin war." Bei der Europawahl an diesem Sonntag kämpfen die FW nicht nur um Müllers Wiederwahl. Die Partei will dieses Mal zwei, womöglich sogar drei Mandate erringen.

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Die Freien Wähler und die EU - das ist und bleibt eine ambivalente Beziehung. Parteichef Aiwanger hat die EU unlängst mit einer großen Familie verglichen. "Da mag man auch nicht alle Mitglieder gleich gerne", erklärte er auf dem Landesparteitag in Amberg. "Auf den Familientreffen sieht man manche Tante sogar am liebsten von hinten, wenn sie wieder geht." So wie eine Familie muss aus Aiwangers Sicht aber auch die EU "unbedingt zusammenhalten". Bisweilen gibt sich der Parteichef richtig europäisch. "Wir Freie Wähler stehen zu Europa, wenn es ein Europa der Regionen und der Bürger ist", sagt er, und lobt die EU vor allem als Garant für wirtschaftliche Stabilität in einer globalisierten Welt.

Aiwanger sagt derzeit auch immer wieder, dass er den Brexit am liebsten rückgängig machen würde. Das mag damit zu tun haben, dass er seit einem halben Jahr Wirtschaftsminister ist und nun gelernt hat, dass der Brexit vielen großen, aber auch kleinen Firmen allerlei Probleme bereitet. Auf der anderen Seite knüpft der Parteichef immer wieder an seine alten Ressentiments an. Zum Beispiel wenn er ausruft: "Wir wollen kein Europa, das sich bis in unseren Alltag hinein einmischt und uns die Hausordnung an die Tür nagelt."

Ulrike Müller tritt sehr viel diplomatischer auf. Ihr Slogan lautet "Bayern im Herzen - unsere Heimat Europa". Wenn sie ihn in ihrem weichen Allgäuerisch ausspricht, wirkt das durchaus glaubhaft. Zumal Müller den Spagat auch politisch macht. Daheim im Oberallgäu gehört sie dem Kreistag an und debattiert dort über Nahverkehrskonzepte, Sozialarbeit an Grundschulen und dergleichen mehr, was die Bevölkerung auf den Dörfern umtreibt. Ein paar Tage später streitet sie im Straßburger Parlament über die künftige Agrarpolitik der EU, den Datenschutz und die Verbraucherpolitik. Müller nennt die EU "das größte Friedensprojekt aller Zeiten". Für sie ist "Europa unser Garant für Sicherheit und Wohlstand". Die Wahl am 26. Mai bezeichnet sie als "Abstimmung darüber, welches Europa wir wollen: nationale Egoismen oder gemeinsame Stärken".

Daheim ist Müller in einem der idyllischsten Winkel im Oberallgäu. In Missen-Wilhams, einer 1500-Einwohner-Gemeinde unweit des Großen Alpsees, betreiben ihr Mann und sie einen Bauernhof. Müller ist stolz darauf, dass auf der Hofstelle "vier Generationen unter einem Dach leben - die Oma, mein Mann und ich, unsere Kinder und die Enkel". Zur Politik gekommen ist die gelernte Hauswirtschafterin als junge Mutter. "Wie gut sind unsere Kindergärten, was kann man für die Grundschulen tun - das waren die Fragen, die mich damals umgetrieben haben", sagt sie.

Die Freien Wähler haben sich der ALDE angeschlossen

1987 ist sie den Freien Wählern beigetreten. Alsbald war sie Gemeinderätin und zweite Bürgermeisterin, Kreisrätin und stellvertretende Landrätin. Als die Freien Wähler 2008 erstmals in den Landtag einzogen, war natürlich auch Ulrike Müller mit dabei. Im Europaparlament ist Müller längst keine Einzelkämpferin mehr. Die Freien Wähler haben sich der ALDE, der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa, angeschlossen. Das ist ein Bündnis aus liberalen und konservativen, pro-europäischen Parteien, dem zum Beispiel auch die FDP-Europaabgeordneten angehören. Mit ihren 69 Mitgliedern ist die ALDE die viertstärkste Kraft in Straßburg.

Die Chancen für Müllers Wiedereinzug ins Europaparlament stehen übrigens gut. Sie gilt sogar als fest gesetzt. In den bundesweiten Umfragen rangieren die FW seit Längerem stabil zwischen 2,5 und drei Prozent. Das ist ungefähr doppelt so viel wie bei der Wahl 2014. In Bayern erreichen sie nach Prognosen mit vier Prozent annähernd den gleichen Wert wie bei der letzten EU-Wahl. Da es keine Fünf-Prozent-Hürde gibt, wird Müller aller Voraussicht nach dem EU-Parlament auch in der nächsten Periode angehören.

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