Corona-Lage in Bayern:"Wir merken schon, dass die Zahl der Intensivbetten steigt"

Am Flur der Corona Station (Normalstation nicht Intensiv) in der München Klinik Schwabing, Schwabinger Krankenhaus

Noch liegen vergleichsweise wenige Patienten mit Covid-19 auf den Intensivstationen. Krankenhäuser nutzen die entspannte Lage, um verschobene Operationen nachzuholen. Doch es mangelt an Pflegepersonal. Das Foto zeigt eine Pflegerin, die aus einem Zimmer mit einem Corona-Patienten kommt.

(Foto: Florian Peljak)

In Bayern steigt die Zahl der Corona-Infektionen wieder an, einige Krankenhäuser sind bereits am Limit. Der Gesundheitsminister will sich noch nicht festlegen, was passiert, wenn die Ampel auf Rot springt.

Von Andreas Glas, Matthias Köpf und Dietrich Mittler, Rosenheim

Es ist schon ein paar Tage her, dass sich jemand bei den RoMed-Kliniken das mal rein intern und interessehalber ausgerechnet hat: Wenn die bayerische Krankenhaus-Ampel, die signalisieren soll, wann es Zeit für strengere Corona-Maßnahmen ist, nur für den Raum Rosenheim gelten würde, dann stünde sie schon lange nicht mehr auf Grün. Am direktesten ist das in den Krankenhäusern selbst zu spüren.

Schon seit etlichen Tagen werden in Rosenheim wieder Intensivpatienten verlegt, von einer der vier RoMed-Kliniken in eine andere oder auch in Krankenhäuser außerhalb. Denn die eigenen Intensivstationen sind voll - so voll, dass sich das tägliche OP-Programm inzwischen wieder danach richtet, ob im Ernstfall noch ein Intensivbett frei ist. Die Sieben-Tage-Inzidenz steht in der Stadt am Dienstag bei 239, der ewige Hotspot ist wieder mal Vorreiter - auch jetzt, in der vierten Welle.

"Wir merken schon, dass die Zahl der Intensivbetten steigt", sagt Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Stand Dienstagnachmittag mussten bayernweit 306 Menschen binnen sieben Tagen wegen Covid-19 stationär behandelt werden. Vor einer Woche waren es nach Angaben der Staatsregierung noch 271. Laut Infektionsschutzverordnung würde die neue Krankenhausampel aber erst ab einem Wert von 1200 auf gelb springen - und etwa die Rückkehr zur FFP2-Maskenpflicht und neuerliche, nicht näher definierte Kontaktbeschränkungen auslösen. Auch die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten lag demnach an diesem Dienstag (244) höher als eine Woche zuvor (183). Der aktuelle Wert entspricht acht Prozent der belegten Intensivbetten in Bayern. Zumindest vorerst beschränkt sich die Notlage auf den Intensivstationen auf einzelne Regionen wie eben das oberbayerische Rosenheim.

Für Wolfgang Hierl, den Leiter des Rosenheimer Gesundheitsamts, ist die Sieben-Tage-Inzidenz weiterhin "ein wichtiger Frühindikator für das Infektionsgeschehen". Dieser Wert sei in Rosenheim seit dem 9. August vom einstelligen Bereich auf über 200 angestiegen. Dabei haben die Stadt und der umliegende Landkreis Tausende Briefe in vielerlei Sprachen verschickt, um Reiserückkehrer insbesondere aus Südosteuropa für Tests und Impfungen zu sensibilisieren. Wie schon nach dem vergangen Sommer sind die Infektionszahlen speziell unter diesen Heimkehrern besonders hoch, und auch die Einweisungen ins Krankenhaus.

Zuletzt seien von 41 Intensiv-Coronapatienten 38 ungeimpft gewesen

In den Intensivstationen fehle es vor allem an Personal, sagt RoMed-Geschäftsführer Jens Deerberg-Wittram. Bei den Intensivpatienten dominieren in Rosenheim demnach inzwischen die 50- bis 60-Jährigen. Zuletzt seien von 41 Intensiv-Coronapatienten 38 ungeimpft gewesen. Man versuche inzwischen jeden, bei dem es irgendwie gehe, aus Rosenheim in andere Häuser zu verlegen. Nicht überall sei die Kooperationsbereitschaft gleich hoch. Eine Handhabe, Patienten notfalls einer Klinik einfach zuzuweisen, gibt es nicht mehr, denn der Katastrophenfall ist offiziell längst vorbei. Die Lage macht das aber nicht unbedingt besser. Denn jenseits aller offiziellen Ampel-Arithmetik des Freistaats: In Rosenheim zeigt die Ampel aus Deerberg-Wittrams Sicht längst die Farbe "dunkelrot".

Auch wenn die Krankenhausampel derzeit bayernweit auf grün steht: Längst nicht nur in Rosenheim gibt es Stadt- und Landkreise, die aktuell hohe Belegungszahlen im Intensivbereich aufweisen, so dass sie im sogenannten Divi-Intensivegister mit einem gelben, wenn nicht gar mit einem roten Fähnchen markiert sind. Dazu gehören zum Beispiel die Münchner Kliniken sowie Kliniken in Regensburg, Nürnberg, Würzburg, Schweinfurt, Bayreuth, Ingolstadt, Traunstein oder Weiden.

Von den derzeit 3643 Intensivbetten in Bayern waren am Dienstag 3089 belegt. Dies liegt - abgesehen von regionalen Ausreißern wie etwa Rosenheim - auch daran, dass Kliniken nun Operationen nachholen können, die aufgrund der zurückliegenden Corona-Wellen aufgeschoben werden mussten. "Im Moment ist alles stabil", sagt Roland Engehausen, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), auf Nachfrage. Die Belegung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten steige zwar an. "Zum Glück aber nicht explosionsartig", betont er. Sein momentanes Fazit: "In der Summe haben wir einen stabilen Regelbetrieb in den Kliniken." Bislang, so Engehausen, sei das Gesundheitsministerium nicht mit der Bitte an die Krankenhäuser herangetreten, erneut Intensiv-Kapazitäten für schwere Covid-19-Fälle freizuhalten. Er hoffe, dass das auch nicht nötig werde.

Diese Hoffnung hat auch die Staatsregierung, die - im Gegensatz zu anderen Bundesländern - weiterhin keine konkreten Maßnahmen festlegen will für den Fall, dass die Krankenhausampel auf rot springt. Derzeit hält die Infektionsschutzverordnung für ein solches Szenario "weitere Schutzmaßnahmen" für nötig, ohne diese näher zu benennen. Für Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) ist es "nicht klug, irgendwelche konkreten Regelungen zu machen für irgendeinen Zeitraum, der irgendwann kommt". Stattdessen will die Staatsregierung die Lage zunächst beobachten, regional und nach betroffenen Bevölkerungsgruppen. "So lernen wir ja auch wieder was dazu", sagt Herrmann. Und mit diesem Wissen könne die Politik "mit einem viel differenzierteren Instrumentarium reagieren", sollte sich die Lage in den Kliniken derart verschlechtern, dass die Ampel rot leuchtet.

Ruth Waldmann, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, würde sich mehr Vorbereitung auf eine mögliche rote Ampel wünschen. Sie kritisiert, dass derzeit unklar ist, welche einschneidenden Maßnahmen dann auf die Bürgerinnen und Bürger zukommen könnten. Ihr Verdacht: "Man will es sich offenbar vor der Bundestagswahl auf keinen Fall mit irgendjemanden verscherzen." Dagegen wehrt sich Gesundheitsminister Holetschek. Er versichert: "Das Virus kennt keinen Wahlkampf." Die Staatsregierung orientiere sich am "Schutz der Menschen, und das ist unser Maßstab".

Bayern will zumindest vorläufig noch bei 3G bleiben - auch wegen der Freien Wähler

Während andere Bundesländer von der sogenannten 3-G-Regelung, bei der Geimpfte, Genesene und Getestete Zutritt zu bestimmten Einrichtungen haben, in einigen Lebensbereichen auf 2 G umstellen, will Bayern zumindest vorläufig bei 3 G bleiben. Die Frage nach 2 G stelle sich nur, "wenn die Ampel auf Rot schaltet". Dann allerdings dürften sich weitergehende Einschränkungen "nicht gegen die Geimpften oder Genesenen richten", sondern "gegen Ungeimpfte". Während sich CSU-Minister Holetschek also vorstellen kann, von der 3-G-Regel abzurücken, ist man beim Koalitionspartner, den Freien Wählern, weiterhin gegen 2 G. In diesem Konflikt könnte ein Grund liegen, weshalb Bayern hier weniger entscheidungsfreudig ist als andere Länder.

Derweil ist in Rosenheim auch wieder ein Altenheim vom Virus betroffen. Derzeit sind ein gutes Dutzend Bewohner infiziert, fünf liegen im Krankenhaus. Alle waren geimpft, im Gegensatz zum Personal: Von acht Infizierten waren sieben ohne Impfschutz. Auch die RoMed-Kliniken nutzen die neuen Möglichkeiten, sich bei den eigenen Angestellten nach dem Impfstatus zu erkundigen. Die Quote, heißt es, liege deutlich über 80 Prozent.

© SZ vom 15.09.2021/wean
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