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Corona-Krise:Wie Kliniken mit unseriösen Angeboten überflutet werden

Coronavirus - Universitätsklinikum Mannheim

Ein hohes Gut: Intensivbetten mit Beatmungsgeräten gehören in Zeiten des Coronavirus zu einer gefragten Ware.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)
  • Der Mangel an dringend benötigter Schutzbekleidung und medizinischen Geräten ruft immer mehr Wucherer und unseriöse Angebote auf den Plan.
  • Es fehlt vor allem Schutzbekleidung, aber beispielsweise auch Beatmungsgeräte, Monitore, Infusionspumpen oder Analysegeräte.
  • Viele Kliniken haben Not und müssen sich so überteuerte Angebote anschauen.

Überall ist seit Tagen zu lesen und zu hören, es fehle vor allem an Atemschutzmasken und Schutzanzügen, dabei kann sich Dieter Wallström, 55, vor solchen Angeboten kaum retten.

Da ist der IT-Berater, der sonst Computer-Hardware in China kauft, nun aber dank seiner "sehr vertrauensvollen Beziehungen" dorthin angeblich auch Schutzbekleidung zuverlässig und schnell besorgen kann. Genauso wie der Sportartikel-Vertreter, der Lieferung Ende April verspricht, aber bitteschön gegen Vorkasse. Häufig ist es auch der Bekannte, der einen Bekannten hat, der wiederum jemanden kennt, der die Ware besorgen kann. Ganz sicher.

So geht das den ganzen Tag. Schon morgens, wenn Dieter Wallström ins Büro kommt, quillt sein Mailpostfach über mit all den Offerten, die über Nacht eingegangen sind. "Wir werden momentan überflutet von solchen Angeboten, von denen die meisten aber nur heiße Luft sind", sagt er.

Wallström ist Chefeinkäufer des Leopoldina-Krankenhauses in Schweinfurt, mit 670 Betten einem der größten Hospitäler in Unterfranken. 15 Corona-Patienten werden dort aktuell behandelt, fünf von ihnen hängen an Beatmungsmaschinen. Für den Ansturm an Erkrankten, der Experten zufolge erst noch bevorsteht, hat die Leopoldina-Klinik vorgesorgt. "Wir haben 300 Betten freigeräumt für solche Fälle", sagt Geschäftsführer Jürgen Winter. Sicherheitshalber hat er auch acht zusätzliche Beatmungsgeräte bestellt. "Lieferung allerdings frühestens im August", sagt Winter.

Flächendeckend bereiten sich die etwa 400 bayerischen Krankenhäuser auf die Corona-Welle vor. Sie tun dies schnell und entschlossen, sagt Siegfried Hasenbein, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG). Die Politik hat die Hospitäler angewiesen, ihre Stationen leer zu räumen, Patienten (soweit medizinisch vertretbar) nach Hause zu schicken, verschiebbare Operationen und Eingriffe zurückzustellen und freie Kapazitäten für die Behandlung von Corona-Patienten zu schaffen. Gleichzeitig sollen vor allem die Intensivstationen aufgerüstet werden. Hasenbein schätzt, dass diese Anforderungen "je nach Krankenhaus zu 40 bis 80 Prozent" bereits erfüllt sind. "Es gibt aktuell ausreichend verfügbare Kapazitäten auf den Intensivstationen", sagt der BKG-Geschäftsführer, und diese würden vielerorts weiter aufgestockt. Was es aber auch gibt sind massive Versorgungsengpässe.

Sie betreffen vor allem Schutzbekleidung, aber beispielsweise auch Beatmungsgeräte, Monitore, Infusionspumpen oder Analysegeräte, die auf Intensivstationen zur Behandlung der schweren Lungenkrankheit Covid-19 notwendig sind, die das Coronavirus auslösen kann. "Der Markt ist leergefegt, weil jeder versucht, an solche Dinge ranzukommen", sagt Siegfried Hasenbein. Auch niedergelassene Ärzte, Altenheime und ambulante Pflegedienste leiden unter dem Engpass vor allem bei Schutzkleidung.

Die Politik in Berlin und München hat Abhilfe versprochen und vorige Woche ist tatsächlich eine erste Tranche an Schutzbekleidung in Bayern eingetroffen. Für die Verteilung im Freistaat ist eine beim Erlanger Landesamt für Gesundheit eingerichtete zentrale Beschaffungsstelle zuständig. Sie teilt die Ware wiederum den Katastrophenschutz-Einrichtungen bei Landkreisen und kreisfreien Städten zu. "Wir haben bei Weitem nicht die benötigte Menge bekommen", sagt Hasenbein. "Der Bedarf ist bei Weitem noch nicht gedeckt." Zurückhaltend formuliert.

In Wirklichkeit herrscht vielerorts große Not. "Die Lage bei manchen ist so verzweifelt, dass sie fast alles kaufen und zwar zu fast jedem Preis", sagt Leopoldina-Einkaufschef Wallström. Auch ihm und seinen drei Mitarbeitern bleibe nichts anderes übrig, als die vielen Angebote zu sichten, Skepsis hin oder her. Dabei lege man vor allem zwei Kriterien an: "Wir brauchen die Ware gestern und die Preise müssen einigermaßen passen."

Genau das tun sie meistens nicht.

Die Abgrenzung zwischen steigenden Preisen angesichts höherer Nachfrage einerseits und reinem Wucher andererseits ist schwierig. Fakt ist in jedem Fall, dass es die Krankenhaus-Einkäufer keineswegs nur mit seriösen Anbietern zu tun haben. Unzählige Trittbrettfahrer sind als Händler, Hersteller oder Vermittler unterwegs auf der Jagd nach dem schnellen Euro. Abzocker und Glücksritter, Berufsbetrüger und Geschäftemacher. Viele, die gestern mit der Medizinbranche noch nichts zu tun hatten, versichern heute treuherzig, sie könnten Atemschutzmasken und allerhand mehr liefern. Natürlich nur beste Ware und alles ganz seriös.

Andere geben selbstlos vor, nur ganz uneigennützig helfen zu wollen. Ein regelrechtes "Sammelsurium von Anbietern, die keiner kennt und die man nur schwer überprüfen kann", hat Dieter Wallström ausgemacht. Wie jene chinesische Firma, die dem Leopoldina-Krankenhaus Atemschutzmasken anbot. Herkunft? Unklar. Das Unternehmen firmiert unter einer Adresse in Guangzhou, ein "General-Manager" hat ein Zertifikat unterschrieben, von dem Wallström nicht weiß, wie seriös es ist und was er davon halten soll. Dazu ein Foto von einem Computerbildschirm mit angeblichen Messwerten zeigt - und chinesischen Schriftzeichen.

Überhaupt vermehren sich angebliche Qualitäts-Urkunden, Zertifikate und Testberichte in diesen Tagen auf wundersame Weise. Für Einkäufer wie Wallström stellen sich viele Fragen: "Was ist das für Ware, welche Qualität hat sie, wie echt und aussagekräftig sind die Zertfikate? Für uns sind solche Fragen entscheidend, schließlich müssen wir vor allem an die Sicherheit unseres Personal der Patienten denken."

Normale Bestellvorgänge gibt es nicht mehr

In normalen Zeiten beziehen Krankenhäuser medizinische Produkte über eine der großen Einkaufsgenossenschaften wie Prospitalia, Clinicpartner oder Sana. Diese handeln mit Herstellern Basispreise aus, wobei naturgemäß gilt: Je größer die Mengen, desto höher auch die Rabatte. Klinik-Einkäufer wählen dann ihrerseits meist in Absprache mit den in ihren Häusern zuständigen Ärzten unter mehreren Produkten aus. Anschließend verhandeln und vereinbaren sie mit Blick auf ihren konkreten Bedarf Stückzahlen und Lieferzeiträume individuell mit dem Hersteller.

Doch das funktioniert in diesen Corona-Zeiten nur noch bedingt. Das Angebot an Schutzkleidung ist deswegen knapp geworden, weil viele Länder auf dem Weltmarkt auf einmal hohe Mengen kaufen. Damit schrumpft das Angebot und ganze Lieferketten seien gerissen, sagt Leopoldina-Geschäftsführer Jürgen Winter. US-Amerikaner etwa kaufen nach Angaben von Experten seit wenigen Tagen vor allem bei chinesischen Herstellern hektisch auf, was sie kriegen können und zahlen dafür Mondpreise. Andere Staaten greifen zu rigiden Mitteln. Lieferanten berichten, dass türkisches Militär Schutzmasken beschlagnahmt habe, die bereits bezahlt seien und ins Ausland exportiert werden sollten.

"Wenn die Krise vorbei ist wird man mit den Lehren daraus neu und intensiv über unser Gesundheitssystem und die Krankenhauslandschaft nachdenken müssen", sagt Leopoldina-Chef Winter. Im Tagesgeschäft ist dafür gerade keine Zeit. Kurzfristig will Bayern es schaffen, eine Million Atemschutzmasken täglich bereit zu stellen, so die Ankündigung vom Dienstag. Bis dahin müssen sich Kliniken mit Angeboten wie dem eines oberbayerischen Heilpraktikers befassen, der solche Masken anbietet. 50 000 Stück zu je 4,98 Euro. Der Preis in Corona-freien Zeiten: wenige Cent.

Er ein Wucherer? Seine Ware liege im mittleren Preissegment und bei einer Internetrecherche habe er nichts Günstigeres gefunden, so der Heilpraktiker auf Anfrage. "Würde es mir nur ums Geld verdienen gehen, wäre ich Diplom-Informatiker geblieben". Er aber wolle den Menschen helfen, die Preise seiner Lieferanten könne er nicht beeinflussen. Als "Freunde" ihm angeboten hätten, "Atemschutzmasken möglichst schnell zu den Menschen zu bringen, hat mein Herz sofort ja gesagt." Nur ein gutes Herz also.

© SZ vom 01.04.2020
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Nur so könne die Produktion von Schutzkleidung und Beatmungsgeräten deutlich erhöht werden. In Bayern arbeitet man zudem gerade an einem Corona-Schnelltest, der Zehntausende Ergebnisse pro Tag ermöglichen soll.

Von Lisa Schnell

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