Bundestagswahl AfD in Bayern: Der Erfolg der Provokation

Der bayerische AfD-Landesvorsitzende Petr Bystron beobachtet die Auszählung der Stimmen zur Bundestagswahl.

(Foto: dpa)

Die AfD holt im Freistaat mehr als zwölf Prozent der Stimmen. Statt zu feiern, beobachten die Mitglieder die Auszählung.

Von Johann Osel

Man erwartet eigentlich Jubelschreie und Sekt, Weißbierhumpen zumindest: Die AfD kommt mit einem deutlich zweistelligen Ergebnis in den Bundestag, überraschend auch in Bayern. Doch der Landesvorsitzende Petr Bystron steht jetzt, um 18 Uhr, erst mal in der Münchner Grundschule an der Türkenstraße im Wahllokal, die Auszählung beginnt gleich.

Der AfD-Mann wirkt irgendwie, als ob er nicht so recht dazu gehört. Das gehört er auch nicht, er ist kein Wahlhelfer, sondern will die Auszählung beobachten. Jeder Bürger darf das. Die bayerische AfD hat dazu aufgerufen, die Auszählung zu überwachen - anstelle einer offiziellen Party.

Es ist eine Sensation geworden in Bayern

Bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr hatte es Fehler gegeben, das Ergebnis wurde später um 2200 Stimmen für die AfD nach oben korrigiert. Den "großen Wahlbetrug" des "Systems" wittern viele AfDler. Bystron drückt es gewählter aus. "Es ist nicht schlecht, das im Auge zu behalten." Um 18 Uhr schaut er etwas ungläubig aufs Handy. Und lächelt dann in die Kameras.

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Es ist eine Sensation geworden im Freistaat: mehr als zwölf Prozent nach der ersten Hochrechnung. "Und das gegen die CSU. Schon zehn Prozent in Bayern sind wie 30 in NRW", sagt Bystron. Hauptsache knapp zweistellig, das hatte die Partei in Bayern intern als Ziel ausgegeben. Umfragen hatten sie etwas niedriger taxiert. Ein Dutzend Leute von der AfD-Liste könnten in den Bundestag einziehen, Bystron auf jeden Fall, Listenplatz vier. 2013 lag die Partei bei 4,3 Prozent in Bayern und auch bundesweit unter der Fünf-Prozent-Hürde.

Ein Reservoir, in dem die AfD ungehindert wildern konnte

Allerdings: Diese AfD ist eine andere Partei als die vor vier Jahren, viele Gründungsmitglieder, die wegen der Kritik an der Euro-Politik eingetreten sind, haben die Partei wieder verlassen, seitdem verschob sich die Linie stetig nach rechts, Bystron hatte großen Anteil daran. Hatte die "alte AfD" Flyer gegen Zuwanderung lieber etwas versteckt an ihren Ständen platziert, gab es in diesem Wahlkampf kaum ein anderes Thema. Auch wenn zuletzt weniger Flüchtlinge kamen, schien bei diesem Thema ein Unmutspotenzial zu schlummern. So hatte die letzte Bayerntrend-Umfrage kurz vor der Wahl gezeigt, dass mehr als ein Drittel der CSU-Wähler die aufgenommenen Flüchtlinge als "Belastung" sehen. Ein Reservoir, in dem die AfD mit aggressiven Slogans wilderte - und mit Erfolg.

Die Hauptstrategie der Partei in Bayern scheint aufgegangen zu sein: die CSU attackieren und die Flüchtlingspolitik in den Fokus rücken. Den Streit der CSU mit Kanzlerin Angela Merkel um eine Obergrenze nahm die AfD gerne auf. "Es war von Anfang an klar, dass es sich bei der von der CSU geforderten Obergrenze um einen Versuch gezielter Wählertäuschung handelt." Damit verrate Seehofer nicht nur seine Partei und seine Wähler, sondern letztlich sein Land, sagte etwa Spitzenkandidat Martin Hebner. "Die Obergrenze der AfD beträgt null." Das Vorgehen zeigte sich an Plakaten wie: "Wer CSU wählt, bekommt Merkel."

Nicht abgeschreckt hat die Wähler anscheinend der provokante Wahlkampf - auf der Facebook-Seite ließ der AfD-Landesverband unverblümten Rassismus in den Kommentaren gewähren, stachelte ihn an. Provokation gab es auch bei öffentlichen Auftritten: Bei einer Rede von Merkel in Passau neulich machte eine niederbayerische Kandidatin Wirbel im Burka-Outfit, wollte damit eine angebliche "Islamisierung" anprangern. Dass dies gegen das Vermummungsverbot verstößt und angezeigt wurde, wertete die Partei als "Missbrauch des Polizeiapparats" durch eine "CSU in Panik". Ohnehin inszenierte sich die Bayern-AfD als Ausgestoßene, als Opfer eines angeblichen "Verschwörungskartells".

AfD-Chef Bystron: "Die Quittung für die Altparteien"

Tatsächlich gab es Versuche, die Partei auszubremsen. Die Stadt Nürnberg wollte eine Großveranstaltung mit Alexander Gauland verhindern, indem sie den Mietvertrag für die Meistersingerhalle kündigte - aus Sorge um den Ruf der Stadt. Zuvor hatte Gauland gesagt, man solle die SPD-Integrationsbeauftragte der Bundesregierung "in Anatolien entsorgen". Die AfD zog gegen die Kündigung vor Gericht. Dass sie damit Erfolg hatte, kam ihr zupass für die Behauptung, man werde von Kommunen und anderen Parteien "undemokratisch" behindert. "Das in Nürnberg waren nicht die Bürger und nicht die Stadt - sondern die Hetzer von der SPD", sagt Bystron.

Provokationen sind von "Wahlbeobachter" Petr Bystron in der Münchner Grundschule nicht zu vernehmen. Vielleicht ist es das baldige Mandat im Bundestag, das ihn nahezu staatsmännisch auftreten lässt. Er sagt, im schwarzen Anzug: "Die Quittung für die Altparteien." Will seine Partei auch im Bundestag die Outsiderrolle spielen? "Das hängt an der Frage, wie schnell Vernunft einkehrt." Bei wem, der AfD? "Nein, bei den anderen natürlich. Für bürgerliche Mehrheiten." Sonst kennt man andere Töne von Bystron. In einer Rede drohte er mal: "Gnade euch Gott, wenn wir an der Regierung sind! Wir werden euch alle zur Verantwortung ziehen!"

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