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Bergsteigen:Bergretter müssen immer häufiger ausrücken

Alpenverein stellt Bergunfallstatistik vor

Das Risiko, am Berg zu verunglücken, ist seit Jahren rückläufig. Hier üben Polizei und Bergwacht die Bergung eines Verletzten an der Kampenwand.

(Foto: dpa)
  • Die Zahl der alpinen Notfälle nimmt zu. Nach Stürzen sind inzwischen Blockierungen, etwa im Klettersteig, die häufigste Ursache. Tödlich enden dagegen immer weniger Unfälle.
  • Bergwacht und DAV warnen Anfänger davor, sich zu überschätzen: "Bergsteigen ist kein Videospiel."

Von Christian Sebald

Es war eine reichlich spontane Aktion. Die drei Münchner Studenten fuhren vormittags mit dem Zug nach Berchtesgaden, gegen 15 Uhr brachen sie zu der anspruchsvollen Klettertour auf den Kleinen Watzmann auf. Die Infos hatten sich die junge Frau und ihre beiden Kameraden im Internet besorgt. Prompt verstiegen sich die drei im Fels. Nur einer fand heraus auf einen sicheren Steig, die junge Frau konnte irgendwann nicht mehr weiter.

Am schlimmsten traf es den dritten Bergsteiger. Der 24-Jährige verlor den Halt, stürzte 50 Meter in die Tiefe und blieb schwer verletzt liegen. In einem stundenlangen Einsatz bargen Berchtesgadener Bergwachtler die drei, der Abgestürzte wurde per Helikopter in eine Klinik gebracht. Die anderen zwei überstanden das Ganze unbeschadet.

"Unfälle und Notfälle am Berg treffen vor allem die Unerfahrenen und diejenigen, die nicht die passenden Touren für sich auswählen", sagt Stefan Winter. Roland Ampenberger betont: "Bergsteigen ist kein Videospiel. Wer in die Berge geht, muss Respekt haben vor der Natur und ihren Gefahren."

Die beiden wissen, wovon sie sprechen. Winter ist Chef der Sicherheitsforschung beim Alpenverein (DAV). Ampenberger ist Sprecher der Bergwacht in Bayern. Die beiden werten von Beruf her alle möglichen Unfälle in den Bergen aus - ob sie nun im Sommer passieren oder im Winter, auf Wanderwegen, auf Klettersteigen, im ungesicherten Fels oder in Eis und Schnee.

Die gute Nachricht ist: Bergsport ist vergleichsweise sicher. 2015 sind von den 1,1 Millionen DAV-Mitgliedern nur 1095 am Berg verunglückt - 42 davon tödlich. "Das Risiko, beim Bergsport zu verunglücken, sinkt seit mehr als 60 Jahren und befindet sich auf historischem Tiefststand", sagt der DAV-Mann Winter.

Das bestätigt auch die Bergwacht. Nach ihrer Statistik pendelt die Zahl der tödlichen Bergunfälle in Bayern seit Jahren zwischen 80 und 100 pro Jahr. Und zwar trotz des Booms, den Bergwandern, Bergsteigen und Klettern, aber auch Mountainbiken, Skibergsteigen und andere Bergsportarten seit Jahren erleben.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn auf der anderen Seite nimmt die absolute Zahl der alpinen Notfälle beständig zu. 2015 rückte die Bergwacht 8148 Mal aus, allein die Zahl ihrer Sommereinsätze kletterte binnen zehn Jahren von 1500 auf zuletzt 2500.

Auch der DAV verzeichnet immer mehr Notfälle. Die Steigerung betrifft vor allem solche, bei denen die Opfer nicht mehr weiterkönnen, sei es, weil die Tour zu anspruchsvoll ist für ihr Können, sei es, weil sie sich konditionell verausgabt haben oder weil sie nicht mehr weiterwissen. "Fast ein Fünftel der Notfälle sind solche Blockierungen, sie sind nach den Stürzen die zweithäufigsten Notfälle am Berg", sagt Winter. "Besonders hoch ist ihre Zahl auf Klettersteigen."

Die drei Studenten, die am Kleinen Watzmann verunglückt sind, waren immerhin einsichtig. "Wir haben bereits auf den Anschiss gewartet", sagte die Studentin zu den Bergwachtlern, als diese sie und ihren unverletzten Kameraden nach dem Ende des Einsatzes um zwei Uhr nachts zum Schlafen im Ramsauer Rathaus einquartierten.

© SZ vom 21.09.2016/imei
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