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Geschichte:Wie der Freistaat an Fritz Gerlichs Nachlass kam

Archivar, Publizist und Nazi-Opfer: Fritz Gerlich (1883-1934), dessen Nachlass wieder in Bayern ist.

Archivar, Publizist und Nazi-Opfer: Fritz Gerlich (1883-1934), dessen Nachlass wieder in Bayern ist.

(Foto: SZ Photo/Scherl)

Das Hauptstaatsarchiv erhält aus der Schweiz Korrespondenzen, Notizen und Redaktionsunterlagen des von den Nationalsozialisten ermordeten Publizisten.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Nachlässe von bedeutenden Persönlichkeiten aus Bayern stets im Freistaat verbleiben. Ein prominentes Beispiel ist der Münchner Künstler Karl Valentin (1882-1948). Ein bedeutender Teil seiner Hinterlassenschaft ist in Köln gelandet, weil sich die Münchner in den 50er-Jahren den Luxus gönnten, auf den Ankauf zu verzichten. Umso erfreulicher ist es, wenn ab und zu ein wichtiger Nachlass nach Bayern zurückkehrt, wie es aktuell bei dem von den Nazis ermordeten Publizisten Fritz Gerlich (1883-1934) der Fall ist. Das Bayerische Hauptstaatsarchiv bekam dessen Nachlass aus der Schweiz zurück.

"Dass dies gelungen ist, stimmt uns aus mehreren Gründen sehr froh", sagt Thomas Paringer, der Leiter der Abteilung V des Hauptstaatsarchivs, in der Nachlässe und Sammlungen verwahrt werden. Zum einen war Fritz Gerlich von seinem Brotberuf her Archivar im Staatsdienst. Als solcher wirkte er dort, wo nun sein Nachlass seinen endgültigen Verwahrungsort gefunden hat. Bereits im Oktober 2016 widmete ihm der Freistaat Bayern in Anerkennung seiner Rolle als Gegner des Nationalsozialismus eine Gedenktafel an einem Gebäudeteil des Hauptstaatsarchivs. Zudem hatte Gerlich vor seiner Ermordung viele Jahre lang als Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten und der Zeitung Der gerade Weg  amtiert.

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Kurz nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wurde Fritz Gerlich am 9. März 1933 in den Redaktionsräumen des geraden Wegs von SA-Truppen überfallen, misshandelt und in "Schutzhaft" genommen. Im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch kam er ins KZ Dachau, wo er am 1. Juli 1934 ermordet wurde.

Gerlichs Nachlass war lange nach dessen Tod über Verwandte an den Schweizer Unternehmer Max A. Hoefter verkauft worden. Vermutlich kannten sich die beiden Männer aus dem Umfeld der Mystikerin Therese Neumann aus Konnersreuth, zu deren Fürsprecher und Vertrauten Gerlich nach einer Begegnung mit ihr geworden war. Eigentlich wollte er damals einen kritischen Bericht über die stigmatisierte Leidensfrau verfassen, stattdessen trat er unter dem Eindruck ihrer Persönlichkeit zum katholischen Glauben über. Vom Sommer 1931 an begann Gerlich, Adolf Hitler publizistisch zu bekämpfen. Im März 1933 wurde er deshalb verhaftet, gefoltert und nach 16 Monaten ohne Anklage im Konzentrationslager Dachau erschossen.

Das Konvolut enthält Korrespondenzen, Entwürfe und Notizen Gerlichs aus mehreren Jahrzehnten. Dazu kommen Redaktions- und Geschäftsunterlagen. Hoefter ließ die Papiere, an denen ihm viel lag, archivalisch erschließen und aufarbeiten. Es dauerte lange, bis die Forschung auf Gerlichs Papiere aufmerksam wurde. Hoefter machte sie unter anderem dem Historiker Rudolf Morsey zugänglich, der maßgeblich zu Gerlich geforscht hat. Nur wenige Monate vor seinem Tod im Dezember 2018 übereignete Hoefter den Nachlass Fritz Gerlichs in einer Schenkung dem Freistaat Bayern.

Auch als Publizist, Journalist und Meinungsmacher passe Gerlich ganz generell in das Sammlungsgebiet der Abteilung V des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, sagt dessen Leiter Paringer. Dort lagert bereits eine Reihe von Journalistennachlässen. Auch als kritischer Beobachter des unaufhaltsamen Aufstiegs Adolf Hitlers und seiner Bewegung sei er eine überlieferungswürdige Figur. Das Hauptstaatsarchiv bemüht sich seit Langem um den Erwerb relevanter Quellen zur Erforschung des Nationalsozialismus. Die Nachlässe, die es diesbezüglich für die Forschung bereithält, betreffen allerdings sowohl Protagonisten als auch Gegner, Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus. Gerlichs Nachlass wird auch im Seligsprechungsverfahren für Gerlich eine wichtige Rolle spielen, welches das Erzbistum München und Freising 2017 eingeleitet hat.

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