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Wittelsbacher Palais:Verhör- und Folterszenen wie aus der Hölle

Das "Rote Palais" auf einer Ansichtskarte um 1900. Er sollte einmal Ausgangspunkt für den Aufbruch in eine neue Zeit sein und endete als Schreckenskammer.

(Foto: Privat)

Im Wittelsbacher Palais verhörten und quälten Gestapo-Beamte ihre Gefangenen. Heute steht auf dem Gelände die Zentrale der Bayerischen Landesbank.

Etwas mehr als hundert Jahre stand das Wittelsbacher Palais, backsteinrot und von einem Park umsäumt, an der Brienner Straße, und als wäre der 1848 vollendete Palast eine gigantische Theaterkulisse, haben sich in seinem Inneren Königs-, Revolutions- und Kriegsdramen abgespielt sowie Verhör- und Folterszenen wie aus der Hölle. 1950 hat man das im Krieg schwer beschädigte Gebäude abgerissen, nichts ist davon übrig geblieben - mit einer Ausnahme: Einer der steinernen Löwen, die einst das Eingangsportal flankierten, hat das Bombardement und die spätere Demontage überstanden.

Doch seinen alten Standort hat er verlassen, er posiert heute vor der Katholischen Akademie in Schwabing, wo er an den von den Nazis ermordeten Publizisten Fritz Gerlich erinnern soll. Man könnte den Löwen, der seinen Unterkiefer im Krieg verloren hat, aber auch als Denkmal für all die Menschen betrachten, die in den Gefängniszellen im Park des Wittelsbacher Palais von der Gestapo gequält und gefoltert wurden. Er ist alles, was von dem Palast geblieben ist, dem "Roten Palais", der einmal Ausgangspunkt für den Aufbruch in eine neue Zeit zu sein schien und der als Schreckenskammer endete.

Der Portal-Löwe steht jetzt in Schwabing.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Geschichte des Palais beginnt mit einem erfreulichen Ereignis, mit der Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Maximilian und der Prinzessin Marie Friederike von Preußen im Oktober 1842. Der künftige König, so sieht es dessen Vater Ludwig I., soll für sich und seine Familie ein angemessenes Domizil haben, und weil die vorhandenen Palais aus diversen Gründen für ungeeignet erachtet werden, entscheidet man sich für einen Neubau. Mit dem Projekt betraut König Ludwig den Architekten Friedrich von Gärtner, als Bauplatz wählt man ein Areal in der Maxvorstadt, das jedoch keineswegs Brachland ist. Dort stehen einige schicke Häuser, deren Schicksal nunmehr besiegelt ist. Sie werden kurzerhand abgerissen.

Kronprinz Max hat ein Faible für gotische Architektur, ganz im Gegensatz zu seinem Vater, der München am liebsten in ein Isar-Athen nach klassisch-antikem Vorbild verwandeln würde. Zum Glück ist Baumeister Gärtner in allen möglichen Baustilen zu Hause, und wenn der Kronprinz etwas Neugotisches wünscht, bitte sehr, dann liefert der königliche Baumeister eben etwas Neugotisches - sehr zum Missfallen des Königs, der später klagt: "Im Spitzbogenstil ist der Palast, der aber weder des Baumeisters Wahl, noch meine war, sondern nach dem Wunsch meines älteren Sohnes, für den ich ihn bestimmt, im Äußern und Innern durchgeführt worden. Für Kirchen finde ich ihn geeignet, nicht für uns." Nun ja, es kommt die Zeit, da wird der königliche Baurat Friedrich Bürklein aus dem "Spitzbogenstil" den "Maximilianstil" hervorzaubern.

Was Gärtner da errichtet, erinnert ein wenig an einen englischen Landsitz; man könnte aber auch von einer Märchenburg sprechen, hinter deren turmbewehrten Backsteinfassaden ein böser Zauberer haust. In ihrem Buch "Münchner Palais" beschreiben Konstantin Köppelmann und Dietlind Pedarnig einige Details der Architektur: "An der südlichen, zur Brienner Straße hin ausgerichteten Hauptfront des Gebäudes bildete der von zwei Löwen flankierte Eingang zur riesigen dreischiffigen Eingangshalle den repräsentativen Auftakt des Palais. Nach vier eher im Dämmerlicht liegenden Achsen, die eindrucksvoll die Tiefe des Hauptblocks demonstrierten, öffnete sich schließlich zur Linken das große Treppenhaus. Über den breiten einläufigen Treppenlauf mit zwei Wendepodesten waren sowohl das Piano nobile mit den offiziellen Fest- und Empfangsräumen wie auch die zweite Etage mit den für den Kronprinzen vorgesehenen Wohnräumen auf der Ostseite zu erreichen. Die für die Kronprinzessin vorgesehenen Räume lagen mit nahezu identischer Raumaufteilung im ersten Stockwerk unter denen des Kronprinzen." Umgeben ist das Palais von Parkanlagen im englischen und französischen Stil sowie von einer Kastanienallee, die von der Brienner Straße zum Hauptportal führt.

"Dieser Umzug ist mir äußerst zuwider"

Die Innenausstattung ist entgegen der ursprünglichen Planung nur mäßig glamourös. Zum einen kann Gärtner sein Werk nicht vollenden, weil er im April 1847 stirbt; vor allem aber endet Maximilians Kronprinzenzeit früher als erwartet, weshalb er das Palais nicht mehr benötigt. Noch ehe das Gebäude fertiggestellt ist, gerät König Ludwig I. wegen seiner Affäre mit der zwielichtigen Tänzerin Lola Montez, aber auch infolge der politischen Forderungen der Märzrevolutionäre in Bedrängnis, was er am 20. März 1848 mit seiner Abdankung quittiert. Während nun sein Sohn als König Maximilian II. in die Residenz einzieht, muss Ludwig im ungeliebten Palais an der Brienner Straße Quartier nehmen: "Dieser Umzug ist mir äußerst zuwider, besonders in spitzbogige Gemächer einzuziehen, da ich gegen meinen Geschmack nur Max zuliebe in diesem Stil das Wittelsbacher Palais ausführen ließ."

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Rund sieben Jahre hält es der Monarch a.D. in der Spitzbogenburg aus, lieber aber verweilt er in der Villa Malta in Rom oder in seiner pfälzischen Villa Ludwigshöhe. Im Herbst 1854, wenige Tage nach dem Tod seiner Frau Therese, entflieht er München endgültig. In den Jahren nach Ludwigs Tod - er stirbt 1868 in Nizza - führt das Wittelsbacher Palais ein Schattendasein, obgleich es Maximilians Bruder Luitpold und dessen ältester Sohn Ludwig, der spätere König Ludwig III., höher schätzen als die zeremonielle und mithin etwas steife Pracht der Residenz.

Ludwig ist es auch, der mit seiner Familie das Palais als Stadtwohnsitz bezieht, nachdem sein Vater Luitpold 1886 die Regentschaft übernommen hat. Dem Palais bleibt Ludwig III. auch treu, als er nach dem Tod des Prinzregenten im Jahr 1912 die Regierungsgeschäfte übernimmt und sich bald zum König ernennt, obwohl der eigentliche Monarch, der geistig kranke Otto I., noch lebt. Offiziell wohnte Ludwig selbstverständlich in der Residenz, am liebsten aber weilt er auf seinem Gut in Leutstetten, was ihm den Spottnamen "Millibauer" einbringt.

Als es dann ernst wird auf der Bühne der europäischen Machtpolitik, rückt das Wittelsbacher Palais wieder ins Licht. Dessen Balkon wählt Ludwig III. als Ort, um am 1. August 1914 die Mobilmachung zu verkünden. Vor dem Palais hatten sich ebenso wie auf anderen Plätzen Münchens die Menschen versammelt, und am Abend tritt der König sowie dessen Frau unter Jubelrufen und Huldigungen der Menge auf den Balkon. Am folgenden Tag steht in der Bayerischen Staatszeitung zu lesen: "Kurz nach 7 Uhr nachdem seine Majestät König Ludwig die Mobilisierungsordre unterschrieben hatte, erreichten die Kundgebungen vor dem Wittelsbacher Palais ihren Höhepunkt (. . .) Der König wandte sich, nachdem Ruhe eingetreten war, mit herzlichen Worten des Dankes an die Menge. Gestern, führte er aus, habe er gesagt, dass wir schweren Zeiten entgegengehen, heute stehen wir bereits mitten in denselben. Vor wenigen Stunden habe er seine Armee mobil gemacht und dieselbe dem Oberbefehl des Deutschen Kaisers unterstellt. Ich bin der festen Zuversicht, fuhr der König fort, dass sich meine braven Soldaten im Verein mit ihren deutschen Brüdern ebenso wie vor 44 Jahren tapfer schlagen werden und hoffe zu Gott, er möge sie ehrenvoll und mit Sieg gekrönt wieder in die Heimat zurückkehren lassen. (. . .) Nicht endenwollender Jubel lösten diese Worte aus, die so treffend, die so warm den Geist der Stunde kennzeichneten. Das deutsche Lied, das singt von deutscher Treue, deutscher Liebe, deutscher Kraft, drang aus tausend glühenden Herzen hinauf zu dem greisen Fürsten, der bewegten Herzens dankte."

Gut vier Jahre später kehren die braven Soldaten geschlagen in die Heimat zurück, sofern sie überlebt hatten. Der Krieg, den König Ludwig III. so salbungsvoll angekündigt hat, löst epochale Umwälzungen aus, die auch das Königreich Bayern in den Abgrund stürzen. Am 7. November 1918 entspringt aus einer Friedenskundgebung auf der Theresienwiese ein Demonstrationszug unter Führung des USPD-Politikers Kurt Eisner, dem sich viele Soldaten der Münchner Garnison anschließen und der schließlich eine revolutionäre Dynamik gewinnt. In der Nacht zum 8. November erklärt Eisner im Bayerischen Landtag die Herrschaft des Hauses Wittelsbach für beendet und ruft die Republik, den Freistaat Bayern, aus. König Ludwig III., für den kein Offizier und kein Leibgardist mehr seinen Kopf riskieren will, macht sich mitsamt seiner Familie aus dem Staub.