Coronavirus:Bayern soll schneller impfen

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Coronavirus: Verlockend und gefährlich: Jetzt im Sommer treffen sich wieder viel mehr Menschen - an schützenden Abstand wird dann nicht immer gedacht.

Verlockend und gefährlich: Jetzt im Sommer treffen sich wieder viel mehr Menschen - an schützenden Abstand wird dann nicht immer gedacht.

(Foto: Sebastian Beck)

Die nachlassende Bereitschaft für den Piks und der teils laxe Umgang mit den Regeln bereiten Virologen und dem Gesundheitsminister Sorge. Niemand schließt eine vierte Welle aus, nur das Ausmaß ist noch unklar.

Von Dietrich Mittler

Bayern, darin sind sich Ärzte wie Politiker einig, droht womöglich im Herbst, beziehungsweise im Winter, die vierte Corona-Welle. Die Frage ist nur: Mit welcher Wucht rollt diese Welle dann auf den Freistaat zu? Mit Blick auf die seit circa drei Wochen steigenden Fallzahlen spricht Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) von einer augenblicklich stattfindenden "Weichenstellung". Mittlerweile sei die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus mit 84,85 Prozent vorherrschend im Infektionsgeschehen. "Das Thema Impfen ist jetzt die zentrale Botschaft, um gut in den Herbst zu kommen", sagt er, "und wir haben da alle eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung."

Wenn es denn einen Damm gebe, der eine Corona-Welle brechen kann, dann sei das die Impfung gegen Sars-CoV-2, lautet Holetscheks Mantra. Ein Grund, wachsam zu sein, ergibt sich neben der derzeit geringeren Impfbereitschaft in Bayern auch aus den Zahlen, die dem Minister vorliegen. Im vergangenen Sommer, so Holetschek, lag der landesweite Inzidenzwert "deutlich niedriger als jetzt". Für den 28. Juli 2020 meldete das Robert Koch-Institut eine Sieben-Tage-Inzidenz von 5,0. Aktuell lag dieser Wert am Mittwoch bei 13,4 - mehr als doppelt so hoch. Hinzu kommt, dass nach Ablauf der Sommerferien die Infektionsgefahr steigen dürfte. "2020 waren die Reiserückkehrer absolut ein Treiber für das Thema Pandemie", sagt Holetschek.

"Wir haben in drei Wellen gesehen, wie erbarmungslos dieses Virus sein kann. Dieses Risiko sollten wir kein viertes Mal eingehen", warnte am Mittwoch der Münchner Immunologe Clemens Wendtner. Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am Schwabinger Krankenhaus, betonte, um dem Virus einen Schritt voraus zu bleiben, gelte es, jetzt bereits an den Herbst zu denken und nun das Impftempo "noch einmal deutlich anzuziehen".

"Mit den Lockerungen kommen natürlich die Menschen wieder mehr zusammen, und dann trifft es genau jene, die noch nicht geimpft sind", sagt die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität München. Die augenblickliche Delta-Variante des Corona-Erregers lasse "jetzt fast keine Nachlässigkeit mehr zu". Genau da aber liegt eines der Probleme, das am Ende zu steigenden Inzidenzwerten führt. Zu viele Menschen nehmen es mit den Schutzmaßnahmen gegen Corona nicht mehr so ernst, wie noch in den Monaten zuvor - sei es beim Aufsetzen von Masken, sei es beim Einhalten von Abstandsregeln. Im Juni und Juli 2021 hat die bayerische Polizei nach Angaben des Innenministeriums in Zusammenhang mit der Maskenpflicht allein im öffentlichen Nahverkehr "rund 36 000 Kontrollen durchgeführt und rund 450 Verstöße festgestellt".

"Wir Menschen sind es, die dieses Virus spazieren tragen. Und wir bestimmen, ob es sich weiterverbreiten kann", sagt Protzer. Wenn es darum gehe, wie Bayern auf den kommenden Herbst blicken kann, sagt sie: "Mit gespannter Aufmerksamkeit." Eine Impfpflicht hält Protzer für unwahrscheinlich - und das habe auch wissenschaftliche Gründe. "Das macht nur Sinn, wenn man den Erreger wirklich ausrotten kann", betont sie. Was bei Polio oder Pocken funktioniere, führe bei Sars-Corona-Viren nicht zum Erfolg, da der Erreger in "tierischen Reservoiren" weiterhin ein Verbreitungsgebiet finde. Zudem hinkten viele Länder bezüglich Impfung extrem hinter den westlichen Staaten hinterher.

Protzer beobachtet die in Bayern nachlassende Impfbereitschaft mit Sorge. Generell bescheinigt sie der Staatsregierung zwar, "die Lage schon ganz gut im Blick zu haben", doch sie sagt auch: "Was sicherlich wichtig ist, dass man noch einmal darüber nachdenkt, wie man auch ganz gezielt in Bayern die Impfquoten verbessern kann." Auch um zu verstehen, "warum wir beim Impfen schlechter sind als andere Bundesländer". Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind für den Freistaat wenig schmeichelhaft: Im Vergleich der 16 Bundesländer lag Bayern am Mittwochmorgen bei den Erstimpfungen mit 58,9 Prozent auf Platz zwölf, bei den vollständig Geimpften mit 47,9 Prozent gar nur auf Platz 13 - weit hinter dem vergleichbaren Flächenland Nordrhein-Westfalen. Um die Pandemie einzudämmen, müssten 85 Prozent der Bevölkerung geimpft werden. Holetschek baut darauf, dass Sonderimpfaktionen wieder Schwung in die Impfkampagne bringen. "Am Dienstag habe ich in Nürnberg eine lange Schlange auf dem Weg zum Impfbus gesehen", sagt er. Doch längst nicht überall entsprach der Andrang von Impfwilligen bislang den Erwartungen.

Am Montag leitet Holetschek die Konferenz der Gesundheitsminister. "Wir müssen uns über das Thema Testen in Pflege- und Altenheimen hinaus auch über das Thema der Auffrischungsimpfungen unterhalten", sagt er. Geht es nach Ruth Waldmann, der gesundheitspolitischen Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, so gehört auch das auf den Tisch: "Ich fordere seit vielen Wochen, systematische Impfangebote für die Schülerinnen und Schüler zu organisieren und zwar so, dass zu Beginn des neuen Schuljahres alle vollständig geimpft sein können."

Hoffnung macht dieser Aspekt: Bayerns Intensivstationen sind aktuell nur zu zwei Prozent mit Covid-19-Patienten belegt. Roland Engehausen, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhaus-Gesellschaft, sieht die Kliniken auch für den Herbst "gut gerüstet". Hierbei ist er mit der Virologin Ulrike Protzer auf einer Linie, die rät "nicht nur auf die Inzidenzwerte zu schauen, sondern auch auf die Krankenhausaufnahmen". Die Zahl der Covid-19-Fälle werde "durch den zunehmenden Schutz der gefährdeten Bevölkerungsgruppen nicht mehr so rasch ansteigen wie zuvor".

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Biochemiker Ernst-Ludwig Winnacker widmet sein ganzes Forscherleben den Viren. Er flog im Helikopter ins Kanzleramt, war mit dem jungen Christian Drosten in China unterwegs und denkt auch mit 80 noch nicht an Ruhestand.

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