Hubert Aiwanger:Der Pate der Impfgegner

Ausgerechnet der stellvertretende Ministerpräsident konterkariert die Bemühungen der Staatsregierung, die Pandemie einzudämmen. Das ist keine Privatsache, sondern eine gefährliche Ansage.

Kommentar von Sebastian Beck

Neben dem eigenen Schutz ist Impfen vor allem eine solidarische Handlung. So steht es ganz oben auf der Homepage des bayerischen Gesundheitsministeriums zu lesen. Ausgerechnet bei Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ist diese ebenso schlichte wie zutreffende Botschaft noch nicht angekommen. Der Chef der Freien Wähler verblüffte am Dienstag mit dem Bekenntnis, dass er sich als einziges Mitglied des Ministerrats noch nicht habe impfen lassen: "Wir sollten hier nicht sagen, du agierst falsch, weil du dich noch nicht hast impfen lassen. Es ist eine persönliche Entscheidung und dabei sollte es bleiben."

Damit liegt Aiwanger leider voll daneben. Wenn der stellvertretende Ministerpräsident die Politik der eigenen Regierung in einem zentralen Punkt aus unerfindlichen Gründen konterkariert, dann ist das keine Privatsache, sondern eine Ansage. Und zwar eine gefährliche. Aiwanger hat sich damit zum Patenonkel der Corona-Leugner und Anti-Impf-Esoteriker gemacht, die sich in den sozialen Medien von jetzt an auf ihn berufen dürfen: Da schaut her, selbst einer, der es ja wissen muss, lässt sich nicht impfen.

An Aiwanger ist in den vergangenen eineinhalb Jahren offensichtlich einiges vorbeigegangen. Seit Januar 2020 beschäftigt sich das Kabinett fast ausschließlich mit der Pandemie und dem Schutz der Bevölkerung. Selbst wer in der Runde nur gelegentlich zugehört hat, müsste mitbekommen haben, dass Impfungen der einzig gangbare Weg aus der Katastrophe sind. Aiwanger fiel bisher vor allem dadurch auf, dass er Lockerungen forderte, als die Intensivstationen voll mit Corona-Patienten belegt waren und in Bayern jeden Tag mehr als hundert Menschen an der Infektion starben.

Natürlich muss gerade die Politik der Lockdowns hinterfragt werden, weil es hier um Grundrechte geht. Aiwanger aber hat einmal mehr demonstriert, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Ja, er ist ein Typ, wie es ihn in der Politik nicht oft gibt. An guten Tagen kann man über den "Hubsi" schmunzeln. An schlechten Tagen muss man sich für ihn fremdschämen. Der Dienstag war ein ganz schlechter Tag für ihn. Mit seinen Äußerungen hat er der Impfkampagne, die das Leben und die Gesundheit Tausender rettet, schweren Schaden zugefügt.

© SZ vom 02.07.2021/kafe
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