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Bildung in Bayern:Der Religionsunterricht gerät unter Druck

Religionsunterricht

Katholischer oder evangelischer Religionsunterricht steht nur noch für drei Viertel aller bayerischen Schüler fest auf dem Stundenplan.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Immer weniger Kinder nehmen am christlichen Religionsunterricht teil. Die katholische und die evangelische Kirche suchen nach Konzepten - während mancher Schulleiter auf voll ausgebildete Ethiklehrer wartet.

Kirchen, die nur noch als säkulare Nachbarschaftstreffs und ungewöhnliche Partylocations genutzt oder aus Sparzwang ganz geschlossen werden. Was in anderen Bundesländern längst üblich ist, weil den großen Kirchen jedes Jahr Tausende Mitglieder verloren gehen, hat in Bayern noch Seltenheitswert. Doch auch im Freistaat steigt die Zahl der Kirchenaustritte, immer weniger Kinder nehmen am christlichen Religionsunterricht teil. Besuchten vor zehn Jahren noch mehr als 80 Prozent aller Mädchen und Buben den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht, sind es mittlerweile nur noch etwa drei Viertel der 1,25 Millionen Schüler. 331 000 waren im vergangenen Schuljahr für evangelischen, 630 000 für katholischen Religionsunterricht angemeldet. Fast 281 000 besuchten Ethik, dazu kamen 16 230 Schüler im Islamunterricht.

"Die Statistiken, die umeinanderschwirren, beeindrucken mich nicht so stark", sagt Prälat Lorenz Wolf, Leiter des Katholischen Schulkommissariats in Bayern. Insgesamt gebe es halt weniger Schüler als vor zehn Jahren. "Und noch immer ist mehr als die Hälfte katholisch." Dass die Anmeldungen stärker zurückgehen als beim evangelischen Religionsunterricht, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Schon vor Jahren sei prophezeit worden, dass in München der Religionsunterricht wegen fehlender Kinder nicht mehr organisierbar wäre. "Das Gegenteil ist wahr. Die Zahl der Kinder ist gestiegen." Wolf vertraut also auf höhere Geburtenzahlen und Zuzug. Gerade in Grundschulen seien Kinder "unheimlich religiös interessiert". Immer wieder wollten ungetaufte Kinder getauft werden, um zur Kommunion gehen zu können. "Das Hindernis ist nicht der Religionsunterricht", sagt er und meint die Eltern.

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Detlev Bierbaum, im evangelischen Landeskirchenamt für Religionsunterricht zuständig, ist weniger stoisch: "Das schmerzt mich. Wir müssen sehr guten Unterricht machen und versuchen, Schüler zu gewinnen." Als Gründe für das Desinteresse nennt Bierbaum, dass weniger Eltern in der Kirche sind, weil sie von Missbrauchsfällen irritiert oder persönlichen negativen Erfahrungen frustriert sind. Auch Antipathien gegen Lehrer spielten eine Rolle. Den Unwillen spürten dann beide Kirchen. Eine Statistik gibt Bierbaum aber Hoffnung: 50 700 ungetaufte Schüler lernten zuletzt mit evangelischen Kindern, nicht in Ethik.

Um den Abwärtstrend zu stoppen, haben Experten für die Evangelische Landeskirche eine Zukunftsstrategie für den Religionsunterricht entworfen. Verbesserungsmaßnahmen sind etwa eine intensive Begleitung von Studenten, die verpflichtende Fort- und Weiterbildung für Religionspädagogen und Pfarrer sowie der Einsatz nach Talent. Im Klartext: Wenn ein Pfarrer kaum pädagogisches Talent hat, muss er nicht unterrichten, sondern kann mit Religionspädagogen Aufgaben tauschen.

Und die Landeskirche will deutlicher kommunizieren, was Religionsunterricht so bringt. Wertebildung zum Beispiel. Die gehört seit Jahren zum Standardjargon bayerischer Schulminister und der Opposition. Klare Aufgabe des Religionsunterrichts? Für Bierbaum geht es darüber hinaus: "Wichtiger ist doch, Kindern zu vermitteln, dass sie Persönlichkeiten sind und unverzichtbare Geschöpfe für die Welt." Im Unterricht lernten Schüler Religionen überhaupt kennen, ergänzt Lorenz Wolf, sie sollen "urteilsfähig" werden, nicht andere "nachplappern".

Drängender als die sinkenden Anmeldezahlen ist für Wolf und Bierbaum, für jede Klasse einen Religionslehrer zu finden. Wegen des allgemeinen Lehrermangels unterrichten viele staatliche Religionslehrer andere Fächern statt Religion, die Kirchen müssen mit eigenem Personal nachjustieren. "Würden alle kirchlichen und staatlichen Lehrer mit vocatio und missio unterrichten, hätten wir eine Überversorgung", sagt Wolf.

Trotzdem ist der Trend klar: Während die Anmeldungen zum konfessionellen Religionsunterricht sinken, nimmt die Zahl der Kinder in Ethik seit Jahren zu. Im vergangenen Schuljahr waren es gut 100 000 mehr als vor zehn Jahren. Doch noch immer unterrichtet die Mehrheit der Lehrer dieses Fach fachfremd, also ohne komplettes Philosophiestudium. Hört man sich unter Schulleitern um, schwärmt einer sogar, weil er nach zwei Jahrzehnten endlich wieder eine Lehrerin mit Ethik-Zertifikat hat. Bei Grund- und Mittelschullehrern "schließt die Lehrbefähigung Ethik mit ein", heißt es aus dem Ministerium.

Das Fach Ethik gibt es seit 1972, aber erst seit 2002 müssen angehende Lehrer an Gymnasien und Realschulen ein Staatsexamen darin ablegen. Wie Unis Studenten darauf vorbereiten, bleibe ihnen überlassen, sagt ein Experte. Jahrelang kritisierten Ethikprofessoren, dass ihr Fach nicht als Hauptfach studiert werden kann. Die Grünen im Landtag waren im Sommer noch mit einem entsprechenden Antrag zur Aufwertung des Faches Ethik gescheitert. Nun soll die neue Lehramtsprüfungsordnung Verbesserungen bringen. Noch in diesem Jahr trete sie in Kraft, hört man aus dem Kultusministerium. Bis aber die Unis Ethik als Hauptfach anbieten und die ersten Studenten fertig sind, vergehen Jahre.

Im Ministerium will man die Zahlen zum Religionsunterricht nicht kommentieren. Religion sei allein Sache der Eltern, heißt es. Dagegen hatte sich der frühere Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) klar für den konfessionellen Religionsunterricht ausgesprochen. Spaenle verwies 2018, mit ähnlichen Zahlen konfrontiert, auf die bayerische Verfassung, in der die Ehrfurcht vor Gott festgehalten sei. Das sieht die Landtags-FDP grundsätzlich anders: Matthias Fischbach plädiert für einen Dialogunterricht ohne Trennung nach Glaubensrichtungen, der Religions- und Ethikunterricht ersetzen soll. Er sieht in der Mischung von Kulturen und Glaubensrichtungen große Chancen, sich über Werte, Religion und Politik auszutauschen.

In anderen Bundesländern gibt es bereits Mischklassen aus katholischen und evangelischen Schülern. Dieses Konzept des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts lobten Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm auf Bundesebene in entsprechenden Konzepten ausdrücklich. Gilt das auch für Bayern? Ja klar, sagt Detlev Bierbaum, einzelne Projekte gibt es seit wenigen Wochen als Modellversuch. Das "Aber" folgt prompt: nur in der Diaspora. Wenn so wenige Kinder katholisch oder evangelisch sind, dass sie sonst "in Ethik geschoben werden müssen", ergänzt Lorenz Wolf.

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