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Bildungspolitik in Bayern:Wie gut ist es um Bayerns Schulen wirklich bestellt?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder als Schülerlotse an einer Münchner Schule

Ministerpräsident Markus Söder in seiner Paradedisziplin, dem politischen Nahkampf: diesmal als Schülerlotse im Münchner Lehel.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)
  • 115 000 Erstklässler, 5200 neu eingestellte Lehrer, davon 1000 zusätzliche Stellen - die Staatsregierung lobt sich selbst für ihre Bildungspolitik.
  • Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, warnt bereits seit Wochen, dass das nicht reicht.
  • Im Jahr 2025 werde es knapp 80 000 Grundschüler mehr geben als jetzt - da reichen 5000 zusätzliche Lehrerstellen bis 2023 nicht.

Dem Mann im leuchtend gelben Mantel ist wahrlich nicht leicht zu entkommen. Erst regelt er mit großer Geste den Straßenverkehr, dann nimmt er sich die Kinder vor, die er sicher über den Zebrastreifen geleitet hat. "Wer braucht noch eine Schultüte?" Wer nicht zugreift, wird sofort zwangsversorgt. "Junger Mann, hier." Schier unerschöpflich ist der Vorrat, wieder und wieder reichen Mitarbeiter ihrem Chef eine weiß-blaue Schultüte. Auf einem Schildchen steht: "Wir wünschen Euch einen guten Schulstart." Eine Mutter sagt resigniert zu ihrem Kind: "Komm, wir gehen außen, wir kommen da nicht durch."

Jetzt weiß auch die Münchner Sankt-Anna-Grundschule, was es bedeutet, wenn Bayerns meistgefürchteter politischer Nahkämpfer über einen hereinbricht. Der erste Schultag ist ein Ereignis, das man nicht leicht vergisst im Leben. Dieser 10. September wird den 66 Erstklässlern, ihren Eltern und Lehrern für immer in Erinnerung bleiben. Man weiß nur nicht, was sie mehr beeindruckt. Dass da der leibhaftige Ministerpräsident vor ihnen steht. Oder dass er Markus Söder heißt, der nicht nur für einen sicheren Schulweg wirbt, sondern gerade erstaunlich konsequent eine Imagekorrektur in eigener Sache vornimmt.

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In den Schultüten befinden sich reflektierende Bänder, Stifte, Bastelblöcke, keine Süßigkeiten. Söder hat aber nicht nur etwas mitgebracht, er will auch etwas mitnehmen. Jeder Schulstart liefert eine Momentaufnahme, wie es um die Zufriedenheit im Bildungsland Bayern bestellt ist. Alle Politiker wissen, dass bei Schulthemen wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren ist. Nun liegt die Sankt-Anna-Grundschule im Regierungsviertel zwischen Staatskanzlei und Isarufer, das Münchner Lehel lässt sich schwerlich als sozialer Brennpunkt bezeichnen. Aber so viel erfährt Söder am Dienstag dann doch, dass die Stimmung schon mal schlechter war.

Gut vier Stunden nach dem Exkurs zum Zebrastreifen steht Kultusminister Michael Piazolo - er hatte Söder begleitet - in der Münchner Staatskanzlei und referiert mit Blick aufs neue Schuljahr die Ergebnisse der Kabinettssitzung: 115 000 Erstklässler, 5200 neu eingestellte Lehrer, davon 1000 zusätzliche Stellen, obwohl die Schülerzahlen um ein halbes Prozent gesunken sind. Piazolo wiederholt den Satz: tausend zusätzliche Stellen trotz leicht sinkender Schülerzahlen. Sein Fazit: "Vor jeder Klasse steht ein Lehrer. Die Unterrichtsversorgung müsste eine bessere sein."

Als Piazolo mit den Freien Wählern in der Opposition saß und noch nicht in der Regierung, forderte er von der CSU regelmäßig mehr Lehrer. Eine hundertprozentige Abdeckung sollte es sein und obendrein eine achtprozentige Reserve. Am Acht-Prozent-Ziel hat sich nichts geändert. Nur sagt er jetzt: "Diese haben wir auch." Wenn man der Regierung angehöre, kriege man eben "ganz viele neue Zahlen". Er könne guten Gewissens behaupten: "Wir stehen in Bayern seit vielen Jahren sehr gut da."

Nicht alle sehen das so. Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), kommt nach ihren Rechnungen zu einem anderen Ergebnis. Im Jahr 2025 werde es knapp 80 000 Grundschüler mehr geben als jetzt. Die 5000 zusätzlichen Lehrerstellen bis 2023, die im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern festgelegt wurden, dürften allein von diesem Bedarf aufgefressen werden. Seit Wochen warnt Fleischmann, dass "die Hütte brennt".

"Wir haben eine hohe Qualität im Vergleich zu anderen Bundesländern", sagt Piazolo, zahlreiche Rankings belegten das. Nur ein halbes Prozent aller bayerischen Lehrer seien Quereinsteiger, alle anderen dafür ausgebildet - mehr als überall sonst in Deutschland. Ein Drittel aller Ausgaben des bayerischen Staatshaushalts fließen in die Bildung. Und doch kommt die Staatsregierung kaum hinterher, den Lehrerbedarf im Freistaat zu decken.

1400 Gymnasial- und Realschullehrer haben sich Piazolo zufolge bereits für einen Job an Grund- und Mittelschulen umschulen lassen, weitere 1200 seien gerade dabei. Weil das nicht ausreicht, wurden 700 neue Studienplätze geschaffen. Als nächstes sollen Lehrer, die in Teilzeit arbeiten (an der Grundschule sind das zwei Drittel), gefragt werden, ob sie ihre Stunden aufzustocken bereit sind. Und dann setzt die Staatsregierung darauf, dass Lehrer aus anderen Bundesländern nach Bayern kommen. Nur Luxemburg zahle im internationalen Vergleich besser, bundesweit liege Bayern an der Spitze.

Für die SPD ist das immer noch zu wenig. Die Bildungspolitikerin Margit Wild fordert, dass Lehrer an Grund- und Mittelschulen das gleiche Einstiegsgehalt bekommen wie an Realschulen und Gymnasien. Auch Piazolo wünscht sich mehr Wertschätzung: "Ein Kultusminister, der nicht mehr Geld für seine Lehrer will, wäre an der falschen Stelle." Aber auch andere Minister hätten Wünsche. Eine Milliarde Euro wird in den nächsten fünf Jahren an die Kommunen für die Digitalisierung der Schulen fließen, 778 Millionen stammen aus dem Digitalpakt mit dem Bund. Aber bei aller Technik, sagt Piazolo: "Pädagogik und Didaktik haben immer Vorrang."

Als Söder die Sankt-Anna-Schule gut gelaunt verlässt, sagt er: "Erster Schultag ist immer Honeymoon." Aber der Weg zum Abschluss ist weit, auch für den Freistaat. Söder will den internationalen Wettstreit um kluge Köpfe mitfechten. Er will Professoren entlasten, damit sie nicht abgeworben werden. Für Studenten braucht es obendrein bezahlbaren Wohnraum. An diesem Mittwoch lädt die Staatsregierung zum "Wohnungsgipfel". Um bei der Nachverdichtung in Ballungsräumen voranzukommen, wird sich Söder in den Nahkampf mit der Bauordnung stürzen müssen.

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