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SZ-Serie: Vogelwuid - Ein Geier zieht aus:Der Eizahn wächst schon

Der Habichtskauz ist ein Beispiel für den Beitrag von Erhaltungszuchtprogrammen zur Bewahrung der Artenvielfalt.

(Foto: Tiergarten Nürnberg)

Bei der Brut des Bartgeier-Pärchens verläuft alles nach Plan. Im Nürnberger Zoo rechnet man mit dem Schlüpfen des ersten Kükens Anfang März.

Von Christian Sebald, Nürnberg

Bei der Brut des Bartgeier-Paares im Tiergarten Nürnberg verläuft alles nach Plan. "Die Elterntiere drehen die beiden Eier ungefähr jede Stunde um, damit sie von allen Seiten gleichmäßig bebrütet werden", sagt Toni Wegscheider, "und wie es sich gehört, wechseln sich das Männchen und das Weibchen vier Mal am Tag mit dem Brüten ab." Bisher hätten sie keine Brutpause gemacht, in der die Eier hätten auskühlen können. Auch eine andere Störung hat es nach Wegscheiders Worten nicht gegeben. "Man merkt halt einfach, dass die beiden ein eingespieltes Paar sind", sagt Wegscheider. Er ist zuversichtlich, dass Ende der ersten Märzwoche das erste Bartgeier-Küken schlüpfen wird.

Wenn alles klappt, wird einer der beiden Nürnberger Jungvögel zu den drei Bartgeiern gehören, die dieses Jahr im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert werden, damit die spektakuläre Greifvogelart wieder heimisch wird in den bayerischen Bergen. Träger des Projekts ist der Landesbund für Vogelschutz (LBV), der Biologe Wegscheider ist sein Leiter. Die Süddeutsche Zeitung wird die Aktion begleiten.

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Jörg Beckmann ist Vizechef des Tiergartens Nürnberg. Außerdem koordiniert er die Erhaltungszuchtprogramme für den Asiatischen Schabrackentapir und die Hirscheber.

(Foto: Tiergarten Nürnberg)

Ohne den Tiergarten Nürnberg und andere Zoos in Europa freilich wäre die Wiederansiedlung der Bartgeier in Bayern gar nicht möglich. Denn von den ungefähr 30 Jungvögeln, die in den nächsten zehn Jahren im Nationalpark Berchtesgaden angesiedelt werden sollen, wird keiner in freier Wildbahn geboren werden. Alle werden aus Tiergärten in Europa stammen, genauer gesagt, aus dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Bartgeier der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA).

Die EAZA ist der Dachverband von etwa 300 Zoos und Aquarien in Europa und dem Nahen Osten. Die EEP der EAZA sind das Paradebeispiel für die wichtige Funktion, die Zoos und Aquarien im weltweiten Arten- und Naturschutz innehaben. Denn es gibt ja nicht nur das EEP für den Bartgeier. Sondern auch welche für das Wisent, die Kegelrobbe, das Flusspferd, das Rote Riesenkänguru oder den Asiatischen Elefanten, das Ziesel, den Feldhamster und alle möglichen anderen mehr oder weniger bedrohten Arten. "Insgesamt summiert sich die Zahl der EEP auf etwa 400", berichtet der Vizedirektor des Nürnberger Tiergartens, Jörg Beckmann. "Allein wir hier in Nürnberg sind in ungefähr 50 EEP aktiv."

Das alles überragende Ziel der EEP ist die Bewahrung der Artenvielfalt. Die Zoos, die in der EAZA zusammengeschlossen sind, begreifen sich längst als Hüter der genetischen Schätze der unzähligen Tierarten, deren Bestände in freier Wildbahn immer weiter zurückgehen oder sogar schon ausgestorben sind. "Durch die gezielte Zucht mit Tierbeständen der EAZA-Zoos soll für eine jede EEP-Art eine stabile Population aufgebaut oder erhalten werden", sagt Beckmann. "Zum einen sind wir Zoos dadurch nicht auf Naturentnahmen angewiesen. Zum anderen können wir damit Tiere für Wiederansiedlungen und Bestandsstützungen in freier Wildbahn zur Verfügung stellen." Letzteres wird in Zeiten des galoppierenden Artenschwunds immer wichtiger.

Ein Hirscheber-Paar.

(Foto: Tiergarten Nürnberg)

Das Paradebeispiel für gelungene Erhaltungszucht ist das Wisent (Bos bonasus). Die mächtigen, wild lebenden Rinder kamen bis ins frühe Mittelalter fast überall in Europa bis weit nach Zentralasien vor. Wie so viele andere Wildtiere wurden die Wisente heftig gejagt. 1919 erlosch das letzte Vorkommen in Polen. Bereits 1923 wurde aber die "Internationalen Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents" im Zoo Berlin gegründet. Sie züchtete aus den nur 54 in Zoos verbliebenen Wisenten so viele Nachkommen heran, dass die ersten schon Anfang der Fünfzigerjahre in Polen in die freie Wildbahn entlassen werden konnten. Inzwischen gibt es - vorwiegend in Polen - wieder 2500 wild lebende Wisente. "Und die Art selbst gilt längst nicht mehr als gefährdet", sagt Beckmann.

Zwei Wisente.

(Foto: Tiergarten Nürnberg)

Ein anderer beachtlicher Erfolg ist die Rückkehr des Habichtskauzes (Strix uralensis) nach Bayern. Die Eulenart, die vor allem Mäuse jagt, kommt von Skandinavien bis nach Ostasien vor. Auch im Bayerischen Wald war sie weit verbreitet, wurde dort aber in den Zwanzigerjahren ausgerottet. Der Nürnberger Tiergarten ist sehr erfahren in der Zucht von Habichtskäuzen. 1965 gelang hier die weltweit erste erfolgreiche Brut in einem Zoo. Ab den Siebzigerjahren liefen Wiederansiedlungen im Bayerischen Wald, in Tschechien und auf österreichischer Seite. Auch in der Oberpfalz läuft ein Projekt. Allein von 2003 bis 2020 hat der Tiergarten 31 Habichtskäuze für Auswilderungen zur Verfügung gestellt.

Aber natürlich gibt es auch zahlreiche EEP für exotische Arten. Für den Asiatischen Schabrackentapir (Tapirus indicus), die Hirscheber (Babyrousa babyrussa) und die Karibik-Manati (Trichechus manatus) koordniert der Tiergarten Nürnberg sogar europaweit die Erhaltungszucht. Der Asiatische Schabrackentapir ist die größte und einzige Tapirart Asiens. Er bewohnt die tropischen Regenwälder der Flachländer ebenso wie die Bergwelt bis in Höhen über 2000 Meter. Die Pflanzenfresser sind Einzelgänger. Die Hirscheber, die zu den echten Schweinen zählen, kommen ausschließlich auf der indonesischen Insel Sulawesi und einigen vorgelagerten Inseln vor. Man erkennt sie gut an ihren langen, den Rüssel durchbrechenden Hauern.

Ein asiatischer Tapir.

(Foto: Tiergarten Nürnberg)

Die Karibik-Manati zählen zu den bekanntesten Arten des Tiergartens. Allein schon wegen des spektakulären ManatiHauses mit seiner tropischen Pflanzenvielfalt, die der Amazonas-Landschaft nachempfunden ist, und dem "Blauen Salon", in dem man die bis zu 4,5 Meter großen und 900 Kilogramm schweren Seekühe beim Schwimmen und Tauchen beobachten kann. Die Art ist an den Atlantikküsten Brasiliens und Venezuelas bis hinauf zum Golf von Mexiko zuhause. Die Kolosse leben dort in den flachen Küstengewässern, schwimmen aber auch in den Flüssen oft weit ins Landesinnere hinein. Wie die Schabrackentapire und Hirscheber sind auch die Karibik-Manati stark bedroht.

Karibik-Manati im Tiergarten Nürnberg.

(Foto: Tiergarten Nürnberg)

Zurück zu dem Nürnberger Bartgeier-Paar und seiner Brut. Sie ist schon recht fortgeschritten. "Wir sind bereits in zweiten Drittel", sagt Wegscheider. "In diesem Stadium sieht der Embryo schon aus wie ein richtiger kleiner Geier." Kopf, Flügel, Schnabel, Krallen, alles ist ausgebildet, derzeit entwickelt sich gerade das Daunenkleid des Jungvogels. Und der Eizahn. Das ist der Sporn auf dem Schnabel des Kükens, mit dem es sich beim Schlüpfen aus dem Ei säbeln wird.

© SZ vom 22.02.2021/vewo
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