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SZ-Serie: Vogelwuid - Ein Geier zieht aus:Eine ausgerottete Spezies kehrt zurück nach Bayern

Bartgeier aus Nürnberg zieht vielleicht in die Alpen

Mit beinahe drei Metern Spannweite zählen Bartgeier zu den mächtigsten Greifvögeln der Welt. In Bayern sollen sie nun wieder heimisch werden.

(Foto: dpa)

Der Landesbund für Vogelschutz will drei Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden auswildern, einer davon soll Anfang März in Nürnberg schlüpfen. Die "Süddeutsche Zeitung" begleitet das Großprojekt.

Von Christian Sebald

Es sind zwei außergewöhnliche Eier, auf denen die Hoffnungen des Biologen Toni Wegscheider und des Vize-Direktors des Nürnberger Tiergartens, Jörg Beckmann, ruhen. Ein jedes ist so groß wie eine Männerfaust und wiegt ungefähr 200 Gramm. Sie sind beige-braun gefleckt, mit einem ganz leichten Stich ins Rötliche, und wirken fast ein wenig schmuddelig. Das eine ist am 10. Januar gelegt worden, das andere eine Woche später. So wie das bei Bartgeiern üblich ist. Wegscheider und Beckmann hoffen sehr, dass die Brut des Bartgeier-Paars im Tiergarten Nürnberg erfolgreich ist.

Denn wenn alles klappt, soll ein Jungvogel aus dem Gelege zu den drei Bartgeiern zählen, die der Landesbund für Vogelschutz (LBV) dieses Jahr im Nationalpark Berchtesgaden auswildern will, auf dass die spektakuläre Art wieder heimisch wird im Freistaat. Auch die Bayernredaktion der Süddeutschen Zeitung hofft sehr auf ein gutes Gelingen. Sie wird das neue Großprojekt des LBV begleiten. Nach dem Kuckuck "Käpt'n Kuck" und dem Großen Brachvogel-Weibchen "Schnepfingerin" will sie wieder einen Vogel haben. Dieses Mal sogar einen aus Franken.

Bartgeier im Schnee

Das Bartgeier-Paar aus dem Nürnberger Tiergarten. Links das Männchen, rechts das Weibchen.

(Foto: Nicole Freidrich/LBV)

Mit beinahe drei Metern Spannweite zählen Bartgeier (Gypaetus barbatus) zu den mächtigsten Greifvögeln der Welt. Wenn so ein Bartgeier hoch am Himmel durch die Luft segelt, ist das ein majestätischer Anblick. Von Nahem wirken die Tiere aber fast ein wenig furchteinflößend. Das liegt an der imposanten Größe, den rötlichen Brustfedern und dem hellen Kopf der Tiere. Vor allem aber hat es mit ihrem hakenförmigen Schnabel und den schwarzen Federn zu tun, die borstenartig nach unten abstehen. Von ihnen hat der Bartgeier seinen Namen. Obwohl sie so imposant aussehen, sind Bartgeier harmlos und ungefährlich. Denn sie fressen ausschließlich Knochen und Aas.

Weltweit sind Bartgeier weit verbreitet. Sie sind in Afrika ebenso anzutreffen wie in den spanischen Pyrenäen und den Bergregionen Griechenlands, der Türkei und weiter hinüber bis in den Himalaja, wo sie in Höhen bis zu 7800 Metern vorkommen. In den Alpen freilich sind sie ausgerottet worden. Das hat mit dem Jahrhunderte langen Irrglauben zu tun, dass Bartgeier Schafen und sogar Kleinkindern nachstellen und sie durch die Luft hinweg entführen. Deshalb wurden die Greifvögel gnadenlos gejagt. 1906 wurde der letzte in Österreich abgeschossen, wenig später wurde die Art im Aostatal ausgerottet.

In den Achtzigerjahren startete die Wiederansiedlung der Bartgeier in den Alpen. Die Führung übernahm der Alpenzoo in Innsbruck. Dort züchtete man seit den Siebzigerjahren junge Bartgeier heran, die ersten wurden 1986 in den Hohen Tauern ausgewildert. Später folgten das Mont-Blanc-Gebiet und der Ortler. Die Projekte waren erfolgreich. Aktuell leben wieder etwa 300 Bartgeier in den Alpen. Nun also will der LBV welche im Nationalpark Berchtesgaden ansiedeln.

Der LBV kooperiert dabei mit dem Tiergarten Nürnberg. Dort werden mit kurzen Unterbrechungen schon seit 1965 Bartgeier gehalten, 1997 wurde dort zum ersten Mal ein Jungvogel erfolgreich aufgezogen. Inzwischen gehört der Tiergarten längst dem europäischen Bartgeier-Zuchtnetzwerk an. Es umfasst etwa 40 Zoos und Aufzuchtstationen und liefert gleichsam permanent Nachschub für Auswilderungen. Das Nürnberger Bartgeier-Paar hat bereits mehrmals erfolgreich gebrütet, ein Abkömmling lebt im Nationalpark Segura und Cazorla in Südspanien, ein anderer auf Sizilien.

Die Bartgeier-Brut in diesem Winter hat sich vielversprechend angelassen. "Unser Paar ist ja sehr erfahren und vertraut miteinander", berichtet Tiergarten-Vize Beckmann. "Das Männchen ist bereits 42 Jahre alt, das Weibchen 22 Jahre." Sie sind also im besten Alter. In Zoos werden Bartgeier regelmäßig um die 50 Jahre alt, in freier Wildbahn sind 30 Jahre alte Tiere keine Seltenheit. Die beiden Nürnberger Greifvögel, die keine Namen tragen, leben in einer weitläufigen Voliere mit mehr als 800 Quadratmetern Fläche, bis zu 18 Metern Höhe und vielen Felsblöcken.

Bartgeier-Eier sind faustgroß, beige-braun gefleckt und 200 Gramm schwer.

(Foto: Didier Descouens)

Die Anlage, in die Besucher durch einen speziellen Gang gleichsam hineingehen können, ist erst vor vier Jahren eröffnet worden. In der Voliere sind nicht nur die beiden Bartgeier daheim. Sondern auch Murmeltiere, Alpensteinhühner, Tannenhäher und Alpenkrähen. Das Zusammenleben klappt gut, die anderen Tiere müssen von den Bartgeiern nichts befürchten. Denn die fressen ja nur die Knochen von den Rindern, Schafen oder Ziegen, die ihnen die Tierpfleger einmal am Tag vorlegen. Derzeit kann man die Anlage allerdings nicht besichtigen. Der Tiergarten ist wegen der Corona-Pandemie geschlossen.

Der Horst der Bartgeier liegt unter einem Vorsprung in einem geschütztem, von rötlichem Gestein umgebenen Teil der Voliere. Der Vorsprung ist wichtig, damit das Nest trocken bleibt. Schon vor Wochen haben die Greifvögel es mit Kiefernzweigen und Wolle ausgepolstert, sodass es weich ist und die Wärme gut hält. Bartgeier-Männchen und -Weibchen wechseln sich beim Brüten vier Mal am Tag ab. Dabei sind sie extrem vorsichtig. "Sie lassen sich zum Beispiel partout nicht zusehen, wenn sie sich den Platz auf dem Gelege tauschen", sagt der Biologe Wegscheider. Er hat seit 15 Jahren Erfahrung mit Bartgeiern und leitet das Auswilderungsprojekt. "So lange sich ein Bartgeierpaar beobachtet fühlt, lösen sich die Tiere nicht ab beim Brüten", sagt Wegscheider.

Die Bartgeier im Nürnberger Tiergarten kann man dennoch dabei beobachten, wie sie sich beim Brüten abwechseln. Denn die Mitarbeiter von Tiergarten-Vize Beckmann haben in der Voliere zwei Webcams installiert. Deren Clips werden auf die Internetseite des LBV übertragen. Dort kann man sich nicht nur ansehen, wie die beiden Bartgeier brüten. Sondern sie außerdem bei der zurückliegenden Balz und beim Nestbau beobachten. Ein Clip zeigt sie sogar nächtens (www.lbv.de/bartgeier-auswilderung).

Dass Bartgeier im Hochwinter balzen und brüten, ist keine Laune der Natur. "Es macht Sinn", sagt Wegscheider, "und zwar obwohl zu dieser Zeit in ihrer Bergheimat teils extrem tiefe Minusgrade herrschen, tagelang Schnee fällt und die Lawinengefahr sehr groß ist." Der Grund: Junge Bartgeier können noch keine Knochen verdauen, sie brauchen Aas. Und zwar richtig viel Aas. "Deshalb hat sich die Art im Lauf der Evolution so entwickelt, dass die Jungvögel genau dann schlüpfen, wenn in den Alpen die Schneeschmelze einsetzt", sagt Wegscheider.

Denn dann kommen in den Bergen die vielen Kadaver von Gämsen und anderen Wildtieren zu Tage, die im Hochwinter von Lawinen mitgerissen worden sind. "Diese Kadaver sind genau die Nahrung, die die Jungvögel nach dem Schlupf brauchen", sagt Wegscheider. In den Bergen setzt die Schneeschmelze gewöhnlich Anfang März ein. Zieht man die 52 Tage Brutzeit der Bartgeier ab, erkennt man ihr exaktes Timing, das sich auch das Paar im Nürnberger Tiergarten erhalten hat. "So wie es derzeit aussieht, könnte das erste Jungtier in der ersten Märzwoche schlüpfen", sagt Projektleiter Wegscheider. Seine Stimme klingt sehr zuversichtlich.

© SZ vom 06.02.2021/kafe
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