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Pflegeeinrichtungen:"Die Hürden für Neuaufnahmen sind sehr hoch"

Musiker geben in der Corona-Krise ein klassisches Konzert vor Altenheim in Vaterstetten, 2020

Der Kontakt nach draußen war für viele Altenheim-Bewohner wegen des Coronavirus lange nur vom Balkon aus möglich.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Georg Sigl-Lehner leitet ein Altenheim, das nun wieder neue Bewohner aufnehmen darf - unter strengen Auflagen. Doch aus seiner Sicht fehlt ein Konzept, um die Mitarbeiter regelmäßig zu testen.

Interview von Dietrich Mittler

Bayerns Alten- und Pflegeheime dürfen seit Montag auch ohne Quarantäne wieder Bewohner aufnehmen. Per Verfügung hat die Staatsregierung am Freitag den Anfang April verhängten Aufnahmestopp aufgehoben. Einerseits sind die Einrichtungen auf Neuzugänge angewiesen, andererseits kommen nun neue Probleme auf sie zu. Georg Sigl-Lehner - er ist Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern sowie Leiter des Altenheims St. Klara in Altötting - benennt diese deutlich.

SZ: Herr Sigl-Lehner, der Aufnahmestopp ist vom Tisch. Wie geht es Ihnen damit?

Georg Sigl-Lehner: Ja, das Schreiben ist noch ganz jung, ich habe es heute am Morgen bekommen. Es liegt künftig mehr oder weniger in unserer Verantwortung, ein - wie es da heißt - "einrichtungsindividuelles Schutzkonzept" auf den Weg zu bringen, das sicherstellt, "dass von zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern keine signifikante, potenzielle Ansteckungsgefahr mehr ausgeht". Dieses Konzept ist auf Verlangen dem Gesundheitsamt vorzulegen. Eines ist aber klar: Die Hürden für Neuaufnahmen sind sehr hoch.

Die Zahl der Bitten um Aufnahme in Ihre Einrichtung wahrscheinlich auch?

Augenblicklich sind es fünf bis zehn neue Anfragen - pro Woche, versteht sich.

Georg Sigl-Lehner ist Leiter des Alten- und Pflegeheims St. Klara im oberbayerischen Altötting. Im Herbst 2017 wurde der nun 54-Jährige zudem zum Präsidenten der Vereinigung der Pflegenden in Bayern gewählt.

(Foto: privat)

Die aktuelle Verfügung sieht vor, dass neu aufzunehmende Bewohner vor der Aufnahme ins Heim auf das Coronavirus zu testen sind. Aber wie steht es denn nun um Corona-Tests für das Personal Ihrer Einrichtung?

Damit sind wir bei einem ganz grundsätzlichen Problem. Eine einmalige Testung ist doch nur eine Momentaufnahme, die fünf Tage später nichts mehr wert ist. Es gibt schlicht kein tragfähiges Konzept für Testungen.

Das heißt?

Wenn ich jetzt alle meine Mitarbeiter einmal teste, gebe ich dafür 15 000 Euro aus. Das würden wir als Träger durchaus machen. Aber wie geht es dann weiter? Würde ich viermal im Monat testen, dann hätte die Sicherheit, die ich bräuchte. Aber das würde die Einrichtung 60 000 Euro kosten - nach jetzigem Stand.

Es wird also teuer.

Und damit nicht genug: Augenblicklich haben wir zehn Plätze nicht belegt - wegen des Aufnahmestopps einerseits und wegen der Auflösung der Doppelzimmer andererseits. Wir haben aber keine Kurzarbeit angemeldet. Das bedeutet Mindereinnahmen in Höhe von 40 000 Euro. Und wenn ich jetzt noch das Geld für die aus meiner Sicht notwendigen Tests ausgebe, bin ich bei Mindereinnahmen in Höhe 100 000 Euro im Monat. Wie lange halte ich das denn durch?

Wie lange denn?

Das kann ich gerade noch nicht beantworten. Ein Jahr lang aber sicher nicht.

Andere Probleme werden nun geringer: Im Heim sind wieder Besuche möglich.

Auch da gibt es noch Einschränkungen, etwa: Nur eine Person pro Tag und in einer festgelegten und zeitlich begrenzten Besuchszeit. Und was passiert? Vor kurzem ist eine Besucherin einfach in unser Haus eingedrungen, ohne Anmeldung, ohne unsere Erlaubnis. Dies erinnert mich an alte Zeiten aus meinen beruflichen Anfängen - da gab es auch diese strengen Besuchszeiten. Aus meiner Sicht ist das jedoch kein Zustand von Dauer, wir wollen im Grunde doch die Angehörigen bei den Bewohnern haben und damit offen sein.

Ein Dilemma - in zweierlei Hinsicht.

Ja, einerseits sind wir für die Sicherheit unserer Bewohner verantwortlich, andererseits müssen wir sehr aufpassen, dass wir unsere Heime nicht zu Anstalten machen.

Im Grunde blieb Ihnen aber bislang doch gar nichts anderes übrig - oder?

Gut, der Infektionsschutz ist zu garantieren, aber bei unseren Bewohnern haben wir es vielfach mit Menschen zu tun, die demenziell verändert sind. Was ich tagtäglich erlebe: Ich erkläre verwirrten Bewohnern die Schutzregeln, und kurze Zeit später kommt wieder die Frage: Wo ist meine Tochter, wo ist mein Sohn, wo meine Frau?

Schwierig!

Anderes Beispiel: Bei uns spielt sich das städtische Leben vor der Haustür ab. Da sollten sich die Bewohner aus Gründen des Infektionsschutzes gerade nicht aufhalten. Einige kommen nun aber dreißig, vierzig Mal zu uns und wollen jetzt da raus. Etwa, um "nach Hause zu gehen".

Und wie hindern sie demente Menschen daran? Durch Festhalten?

Auch Festhalten ist Gewalt! Nein, das geht nur durch gutes Zureden, durch Empathie und viel Geduld.

Wissen diese Leute eigentlich, was mit dem Wort "Corona" einhergeht?

Nein, die stark demenziell Veränderten nicht. Aber was alle merken: Es ist jetzt doch etwas anders.

© SZ vom 26.05.2020
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