Augsburg "Wer Boxen lernt, geht anders auf die Straße raus"

Angeleitet von Trainerin Tina Rupprecht malträtiert Atefa Rahimi (re.) den Sandsack. Die 19-jährige Afghanin sagt: "Ich kämpfe gerne. Und es schützt mich."

(Foto: Stefan Puchner)

In Augsburg lernen Mädchen, die nach Deutschland eingewandert sind, wie man sich verteidigt und dabei auch noch Selbstvertrauen gewinnt.

Von Christian Rost, Augsburg

Tina Rupprecht ist eine zierliche junge Frau mit blondem Pferdeschwanz, der man am besten aus dem Weg geht, wenn sie die Hände zu Fäusten ballt. "Eins, zwei, Leber!", ruft sie und drischt auf den Sandsack ein, den die Wucht der Schläge ordentlich ins Schaukeln bringt. Erst verpasst sie dem Sack eine Linke, dann eine Rechte, und schließlich haut sie gezielt dorthin, wo Menschen die Leber mit sich herumtragen.

Mit dem Sack möchte man um keinen Preis der Welt tauschen. Die 25-Jährige ist Profiboxerin und hat sich in der Klasse Minimumgewicht bereits zweimal den Weltmeistertitel geholt. Demnächst steigt sie wieder bei einer WM in den Ring, vorher zeigt sie aber jungen Frauen, die als Flüchtlinge oder Migrantinnen nach Augsburg gekommen sind, wie man boxt, sodass es richtig weh tut. Sie sollen lernen, wie man sich verteidigt, die Selbstkontrolle behält und letztlich mit mehr Selbstvertrauen durchs Leben geht.

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An einem Freitagnachmittag treffen sich vier junge Frauen und zwei junge Männer, die unbedingt auch mitmachen wollen, obwohl es sich um einen Kurs für Mädchen handelt, im Augsburger Boxklub Haan mit ihrer Trainerin. Im obersten Stockwerk eines nüchternen Gewerbebaues hängen rings um einen Boxring Dutzende Sandsäcke von der Decke, daneben liegen auf einer freien Fläche Hartgummimatten auf dem Boden.

Begleitet von anpeitschendem Hip-Hop, der aus Lautsprechern dröhnt, führt der Boxnachwuchs auf den Matten jeweils paarweise einen Tanz mit genau definierter Schrittfolge aus. In Schlagdistanz, also nicht mehr als eine Armlänge voneinander entfernt, bewegen sich die Paare vor und zurück, dann seitwärts. Das ist Beinarbeit.

Noch kommen die Boxhandschuhe nicht zum Einsatz, aber schon in der nächsten Runde gilt es, den Gegner seitlich an der Schulter zu treffen. Tina Rupprecht gibt ein ordentliches Tempo vor, und Wolfgang Taubert kommt ziemlich ins Schwitzen. Taubert ist Sportbeirat der Stadt Augsburg und engagiert sich im Freiwilligenzentrum, das sich um junge Flüchtlinge und Migranten kümmert. Er hatte die Idee für den Boxschnupperkurs, als er im Fernsehen eine Reportage über Frauen in Indien sah, die Kampfsport betreiben, um sich gegen sexuelle Übergriffe wehren zu können. Taubert versucht sich ebenfalls an einem Sandsack und merkt: "Boxen ist ganz schön anstrengend."

Mihaela Caruta und Atefa Rahimi halten länger durch. Mihaela ist 18 Jahre alt, sie stammt aus Rumänien und besucht wie die 19-jährige Afghanin Atefa das Bayernkolleg Augsburg. Beide machen dort auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur, und beide waren begeistert, als sie das Freiwilligenzentrum zum Boxkurs einlud. Mihaela und Atefa treiben schon länger Kampfsport, die eine Thai-Boxen, die andere Karate.

Jetzt haben sie das klassische Boxen entdeckt und sind begeistert. "Ich prügle mich gerne", sagt Mihaela und verpasst einem Sandsack einen herzhaften Tritt. Vor ihr muss man genauso Respekt haben wie vor Atefa, die mit ihren langen dunklen Haaren und dem sanften Blick nicht unbedingt aussieht, als würde sie die Konfrontation suchen. Doch sie sagt: "Ich kämpfe gerne." Das allein hat sie aber nicht zum Boxen gebracht: "Es schützt mich auch."

Zwei Nachmittage sind zu kurz, um boxen zu lernen

Andreas Haan, der Geschäftsführer des Boxklubs, unterstützt das Projekt für Flüchtlinge und Migranten. "Viele Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern zugewandert sind, haben schlechte Erfahrungen gemacht." Sie würden ausgegrenzt, verlören ihr Selbstvertrauen. Der Boxsport könne ihnen helfen, sich zu behaupten. "Wer Boxen lernt, geht anders auf die Straße raus", sagt Haan und berichtet von einem Mädchen, das in der Schule gemobbt worden sei und mit dem Sport begonnen habe. "Nach einem halben Jahr war sie schwäbische Meisterin, und in der Schule wollten plötzlich alle ihre Freunde sein."

Zwei Nachmittage dauert der Kurs, um die jungen Frauen ans Boxen heranzuführen. Das ist natürlich viel zu kurz, um den Sport tatsächlich zu lernen. Es dauert Jahre, bis man sich im Ring behaupten kann. Tina Rupprecht war zwölf Jahre alte, als sie anfing zu boxen. Mit den Mädchen würde sie gerne weitertrainieren, sagt die Übungsleiterin. "Da sind einige Talente dabei." Allerdings können sie sich den Mitgliedsbeitrag für den Klub nicht leisten.

Wolfgang Taubert versucht deshalb, vom Amt für soziale Leistungen Fördermittel zu bekommen. Auch will er Firmen als Sponsoren gewinnen. Taubert betrachtet Sport als "wichtiges Instrument zur Integration". Dabei setzt er nicht nur auf Boxen, sondern auch auf andere Disziplinen. Er vermittelt junge Flüchtlinge und Migranten an Fußballclubs, organisiert für sie Schwimmkurse und von November an Eislaufen.

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