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Ingolstadt:"Wir schrubben da nicht einfach mal kurz drüber"

Audi baut mit am In-Campus in Ingolstadt, zuvor müssen die Chemikalien im Boden weg.

Die Arbeit auf der Industriebrache bei Ingolstadt ist eines der größten Sanierungsprojekte in Deutschland.

(Foto: Audi)

Wo früher eine Raffinerie stand, wollen Audi und die Stadt eine Denkfabrik bauen. Doch zuerst müssen die Altlasten weg. Stellt sich die Frage: Wie reinigt man 600 000 Tonnen Erde?

Es ist ein unangenehmer Ort, eine Mondlandschaft mit Hügeln und Kratern; Schubraupen dröhnen vor sich hin und seltsam wirkende Riesengeräte noch ein bisschen lauter. Es staubt, obwohl ein Befeuchtungswagen seinen spritzigen Dienst verrichtet. Und es riecht nach Erde und Benzin auf der Industriebrache im Ingolstädter Südosten, auf der kein Schutz ist dieser Tage vor den knallenden Sonnenstrahlen. Richtig angenehm soll es hier werden, in fernen Jahren, wenn der "In-Campus" in Betrieb geht - ein Areal für irgendwann Tausende Mitarbeiter, mit modernen Gebäuden, Gastronomie und viel Natur. Eine Denkfabrik für den Autobauer Audi vor allem, eine Heimstätte der digitalen Zukunft für Ingolstadt.

Man kann sich das heute nicht im Geringsten vorstellen. Eine Raffinerie stand hier, über Jahrzehnte, und hat ein giftiges Erbe hinterlassen, das sich tief hineingefressen hat in den Boden: 900 Tonnen Schweröl, 200 Tonnen Leichtbenzin, dazu kommen per- und polyfluorierten Chemikalien, kurz PFC, vom Löschschaum der einstigen Betriebsfeuerwehr. Auf einer Tafel im grünen Planungscontainer des Areals sind die chemischen Obergruppen aufgeschrieben. Würde man alle Formeln ausschreiben - eine Kinoleinwand wäre nötig. Deshalb putzen sie jetzt in Ingolstadt, recyceln und sanieren, noch vier Jahre lang. Unter anderem mit einer Bodenwaschmaschine, der momentan größten in Deutschland, 1200 Tonnen Erde reinigt sie am Tag.

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Rüdiger Recknagel und Fachleute seines Teams trifft man am Container. Der Leiter für Umweltschutz bei Audi hat ein bauchiges Glas dabei, voll mit Sand und Kies. Riecht man hinein, wähnt man sich an einer Tankstelle. "Sechs Millionen solcher Gläser holen wir raus und reinigen den Inhalt", sagt Recknagel. "Wir schrubben da nicht einfach mal kurz drüber übers Gelände". Dass es mehr ist als "drüberschrubben", wird er an diesem Tag noch einige Male betonen.

Im Container haben sie Informationen aufbereitet, auch für interessierte Bürger. Besser noch ist der Weg aufs Dach des Kastens, für die Dimension: Eine Fläche von hundert Fußballfeldern bearbeiten sie. Es ist ein beliebtes Vergleichsmaß, hier aber kann man es gut zu Rate ziehen, weil das Stadion des FC Ingolstadt gleich nebenan steht. Vom Dach aus wirkt es nahezu klein neben der weiten Ödnis. Es handelt sich um eines der derzeit größten Sanierungsprojekte in Deutschland.

1200 Tonnen

Erde am Tag reinigt die Bodenwaschmaschine - die größte in Deutschland. Das Erdreich ist unter anderem mit 900 Tonnen Schweröl und 200 Tonnen Leichtbenzin belastet. Insgesamt werden 600.000 Tonnen Boden gereinigt. Etwa 90 Prozent davon können wieder verfüllt werden.

Das Gelände steht auch für einen Zeitenwandel. 1965 ist die Erdölraffinerie Ingolstadt AG (Eriag) in Betrieb gegangen, Bayern machte sich damals auf den Weg zum Industrieland. "Wer jetzt und heute von Ingolstadt spricht, meint Öl", sagte der damalige Wirtschaftsminister Otto Schedl (CSU) und in der Staatsregierung hatte man etwa Texas vor Augen, als man Ingolstadt, in der Mitte Bayerns, eine besondere Dynamik in Aussicht stellte, "eine Entwicklung amerikanischen Maßstabes".

Das ist lange her, im Jahr 2009 machte der Ingolstädter Betriebsteil der mittlerweile gegründeten Bayernoil endgültig dicht. Grundsätzliche Sätze, wie damals von Minister Schedl, klingen heute zum Beispiel aus dem Mund des Oberbürgermeisters Christian Lösel (CSU) so: "Der digitale Wandel ergreift die gesamte Gesellschaft wie nie zuvor. Ein digitales Ingolstadt ist ein zukunftsfähiges Ingolstadt." In dem Sinne soll auf der Brache Zukunft entstehen. Symbolischer Kaufpreis des Areals war ein Euro. 2014 wurde die In-Campus GmbH gegründet, die Stadt hält 4,9 Prozent, Audi den Rest; beide haben aber gleiches Stimmrecht vereinbart. Zwei Jahre später wurde ein "öffentlich-rechtlicher Sanierungsvertrag" unterzeichnet.

Das Gelände im Südosten Ingolstadts soll zum In-Campus – einem Joint Venture zwischen dem Autobauer Audi und der Stadt – werden.

(Foto: Audi)

Eine Rundfahrt mit Rüdiger Recknagel, nur ungern verlässt man den Ledersitz seines knallgelben Elektroautos, raus in die Wüste. Recknagel und Kollegen sind begeistert von dem Projekt. Weil sie es noch nie mit so etwas zu tun hatten - ein komplettes Raffineriegelände zu sanieren; womöglich auch, weil es ziemlich gut tut, als Audi-Mensch mal wieder Positives zu berichten in Zeiten von Abgasskandal und Führungskräftekrise.

Recknagel lässt die alte Raffinerie gedanklich aufleben, obwohl nichts mehr steht, keine Schornsteine, Tanks, Anlagen, Güterplätze, kann man den Verlauf der Produktion nachvollziehen - an den Belastungen. Im Norden kamen einst Rohöl und Zwischenprodukte an, wurden im Prozessfeld verarbeitet, veredelt, gelagert, verladen. Daher sind die Schäden chemisch-physikalisch zu unterscheiden; und je nach dem kommen spezielle Verfahren zum Einsatz: Luftgebläse, Bodenaushub samt Waschmaschine sowie eine Grundwasserreinigung.