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Geschichte:Des Kaisers verschlampte Urkunde

Aschaffenburg: Urkunde Kaiser Ottos II. wiederentdeckt

Eine der Urkunden des Kaisers Otto II. von anno 982 wurde im Aschaffenburger Stiftsarchiv entdeckt. Sie galt als verschollen.

(Foto: Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg/dpa)

Nach 108 Jahren ist im Aschaffenburger Stadtarchiv ein mehr als 1000 Jahre altes Pergament von Otto II. wieder aufgetaucht. Experten sprechen von einer Sensation.

Von Hans Kratzer, Aschaffenburg

Es kommt nicht gerade häufig vor, dass kostbare, aber verschollene Dokumente aus der Vergangenheit plötzlich wieder auftauchen. Wenn es aber geschieht, dann steht schnell das Wort Sensation im Raum, und manchmal helfen Geschäftemacher auch nach, um solche Sensationen anzuheizen, was im Falle der vermeintlichen Hitler-Tagebücher anno 1983 in einem Fälschungsskandal endete. Tagebücher und Briefe rufen naturgemäß Neugier hervor, mittelalterliche Urkunden, die Rechtsgeschäfte beinhalten, vermögen ein ähnliches Interesse nicht sogleich zu wecken. Trotzdem erregte es große Aufmerksamkeit, als die Stadt Aschaffenburg kürzlich meldete, es sei im dortigen Stifts- und Stadtarchiv eine Kaiserurkunde aus dem frühen Mittelalter aufgetaucht.

Die verschollene Urkunde von Kaiser Otto II. (973 - 983) wurde entdeckt, als der Bestand des Stiftsarchivs für eine geplante Digitalisierung gesichtet wurde. Das auf Pergament beschriebene Dokument wurde dort im Jahr 1912 zum letzten Mal gesehen, seitdem war es nicht mehr auffindbar. Angefertigt wurde es im Oktober 982 im süditalienischen Capua, wo Kaiser Otto II. gerade in einen Krieg mit den Sarazenen verwickelt war. Mit der Urkunde schenkte er der Kirche des heiligen Petrus in Aschaffenburg Besitz in Meiningen und Walldorf.

Urkunden sind Dokumente, in denen zum Beispiel Verkäufe oder Schenkungen rechtlich besiegelt wurden. Sie wurden gut aufbewahrt, weil der neue Rechteinhaber sie vor Gericht als Beweisstück vorlegen konnte. Erst als Napoleon das alte Recht abschaffte, verloren sie ihre Bedeutung, landeten in Archiven und wurden zum Teil vergessen. Schon im Mittelalter wurden solche Urkunden abgeschrieben und ediert, weshalb ihr Inhalt oft bekannt ist, auch wenn sie nicht mehr auffindbar sind.

"Es ist sensationell und eine absolute Seltenheit, dass solche Originaldokumente aus dem 10. Jahrhundert auftauchen", sagt Gerhard Immler, Urkundenexperte im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Damals stellten nur Kaiser, Könige und Päpste Urkunden aus. Immler fällt auf Anhieb kein mit Aschaffenburg vergleichbarer Fall ein, jedenfalls nicht nördlich der Alpen. Vor Jahren, sagt er, sei ein Bruchstück des Nibelungenliedes gefunden worden, das benutzt wurde, um eine andere Archivalie damit einzubinden. "Hier aber handelt es sich um eine Original-Urkunde."

Dass Urkunden verschwanden, hat viele Gründe. Manchmal verschimmelten sie in feuchten Kellern, viele Schlösser sind mitsamt den darin gelagerten Papieren abgebrannt, ganze Archive wurden in Kriegen geraubt. Zwei mittelalterliche Urkunden aus dem Jahr 1418 wurden vor wenigen Wochen an das Staatsarchiv Nürnberg zurückgegeben. Sie waren im Nachlass eines ehemaligen US-Soldaten aufgetaucht. Die wertvollsten Bestände des Archivs wurden im Krieg ausgelagert, zum Schutz vor Luftangriffen. Eines der Depots wurde geplündert, mehr als 70 Pergamente verschwanden - darunter auch die beiden, die nun wieder nach Nürnberg zurückkehrten.

"Das macht die erhaltenen Stücke so wertvoll, jeder darauf vermerkte Name ist von großem Interesse", sagt Bernhard Grau, der Leiter des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, in dem viele wertvolle Urkunden lagern, die bis heute Interesse wecken. Zuletzt sorgte die kurze Zeit nach Wien ausgeliehene sogenannte Ostarrichi-Urkunde aus dem Jahr 996 für Furore. In ihr ist erstmals der Name Österreich vermerkt. Wie diese hat auch das Aschaffenburger Papier eine große Bedeutung für die mittelalterliche Urkundenforschung.

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Kaiser Otto II. vor den Toren von Paris.

(Foto: imago)

Mark Mersiowsky (Universität Stuttgart), einer der besten Kenner des frühmittelalterlichen Urkundenwesens, erklärt, warum man aller Abschriften zum Trotz für die historische Forschung trotzdem das Original brauche. Urkunden könnten zum Beispiel gefälscht sein, was am Original gut erkennbar sei. "Für die Untersuchungen werden heute sogar kriminalistische Methoden eingesetzt", sagt Mersiowsky. Dazu wird bei der Ottonenurkunde das Pergament geprüft, dazu die Tinte und die Form der Schrift. Mit den Methoden der modernen Urkundenforschung können solche Dokumente zeitlich eingeordnet und ihre Schreiber an den Strichen und Bögen gut identifiziert werden.

Die Aschaffenburger Ottonenurkunde wird deshalb auf jeden Fall neue Aufschlüsse bringen, obwohl ihr Inhalt schon bekannt ist. "Man sieht solche Urkunden heute ganz anders als in jener Zeit, als man sie abschrieb", sagt Mersiowsky. Die Vorstellung von Politik gerade im Frühmittelalter habe sich massiv verändert. Eine solche Urkunde sei nicht nur ein Rechtsdokument, das vom König und seiner Behörde übergeben wurde, "es ist auch als direktes Dokument der Kommunikation zwischen Kaiser und Getreuen zu betrachten." Man geht heute davon aus, dass nicht niederrangige Kleriker solche ottonischen Urkunden schrieben, sondern die großen Politiker jener Zeit. Mit den neuen digitalen Möglichkeiten könne man dieses Zeugnis nun am Schreibtisch bis in die letzte Faser hinein durchleuchten, während die früheren Forscher ihre Erkenntnisse auf langen Reisen durch Europa unter schwierigen Bedingungen zusammentragen mussten. Die ersten großen Urkundeneditionen, die als wissenschaftliche Sensation galten, werden deshalb mittlerweile mit Vorsicht betrachtet. Die Aschaffenburger Urkunde wird den Forschern noch viel Freude machen.

© SZ vom 07.07.2020/vewo

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