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Bayerisches Hauptstaatsarchiv:Die berühmte Ostarrichi-Urkunde wird nach Wien ausgeliehen

In der zweiten Zeile der Urkunde findet sich das Wort Ostarrichi.

(Foto: HSTA)

Für das Nachbarland ist das Dokument von überragender Bedeutung. Doch die Österreicher bekommen es nur für eine Woche.

"Ja natürlich, ganz Österreich ist schon aufgeregt", schwärmte Monika Sommer, Direktorin des "Hauses der Geschichte Österreich", am Montag in den ehrwürdigen Räumen des Bayerischen Hauptstaatsarchivs. Dass sie mit ihrer Einschätzung nicht ganz falsch liegt, war schon an der stattlichen Anzahl von Fernseh-, Radio- und Printjournalisten zu erkennen, die extra aus Wien und Salzburg angereist waren, um einer nicht alltäglichen Präsentation beizuwohnen, die für die Republik Österreich allerhöchste Bedeutung erlangt hat.

Vom 26. Oktober an, dem Nationalfeiertag, wird das "Haus der Geschichte Österreich" eine Woche lang jene berühmte und mehr als tausend Jahre alte Ostarrichi-Urkunde ausstellen, in der zum ersten Mal der Name Österreich erwähnt wird. Dass der Ausgangspunkt für dieses Ereignis in München liegt, hat einen simplen Grund: Das wertvolle Dokument wird schon seit langer Zeit im Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwahrt.

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Dieser Umstand ist weder einer Willkür geschuldet, noch ist er die Folge eines kriegerischen Raubs. Bernhard Grau, der Leiter des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, erklärte beim Pressetermin am Montag, wie die Urkunde, die für die Geschichte Österreichs eine fundamentale Bedeutung besitzt, in die Bestände des Hauptstaatsarchivs gelangt ist. "Auf diesem Papier ist ein Rechtsgeschäft dokumentiert", sagte Grau. Kaiser Otto III. übertrug mit dieser Urkunde am 1. November 996 dem Bischof von Freising Grundbesitz im Raum von Neuhofen an der Ybbs im heutigen Niederösterreich. Das Hochstift Freising verwahrte deshalb als Empfänger die Urkunde über die Jahrhunderte hinweg in seinem Archiv. Noch am Beginn des 19. Jahrhunderts diente sie als Nachweis für die darin verbrieften Rechtsansprüche. Erst durch die Säkularisation ging dieser Grundbesitz vor fast 220 Jahren verloren. Zur gleichen Zeit übernahm das Kurfürstentum Bayern große Teile des Freisinger Archivs. Damit kam auch die Ostarrichi-Urkunde in die Verfügungsgewalt der bayerischen Zentralarchive, sagte Grau.

Auf die Frage, ob die Österreicher sehr traurig seien, dass dieses für sie so wichtige Dokument nicht in Wien aufbewahrt werde, antwortete Monika Sommer lachend, man nehme die historischen Fakten natürlich zur Kenntnis, man freue sich aber auch sehr, dass die Urkunde in München hochprofessionell betreut werde.

Die Ausleihzeit für die Ausstellung in Wien beträgt genau eine Woche, länger kann sie aus konservatorischen Gründen nicht gezeigt werden. Margit Ksoll-Marcon, die Generaldirektorin der Staatlichen Archive in Bayern, betonte, die Ostarrichi-Urkunde sei eines der ältesten und hochkarätigsten Stücke aus den überregional bedeutsamen Beständen des Bayerischen Hauptstaatsarchivs. Der Transport und die Präsentation einer solch wichtigen Pergamenturkunde stellt deshalb höchste logistische und klimatische Anforderungen. Sie darf nur selten dem Licht ausgesetzt werden. Bei der kurzen Ansicht in München war es für die Betrachter nicht schwer, einen Hauch von Ehrfurcht zu verspüren. Ein Originalmanuskript, das in fein ziselierter Handschrift vor mehr als tausend Jahren angefertigt worden ist, bekommt man nicht alle Tage zu Gesicht. Man muss aber genau hinschauen, um das bedeutendste Wort zu entdecken. In der zweiten Zeile springt es einem dann ins Auge, das vierte Wort von rechts: Ostarrichi.

Metallabguss des Siegel von König Heinrich II.

(Foto: HSTA)

Erstmals überhaupt findet hier also die geografische Bezeichnung Ostarrichi Verwendung - die althochdeutsche Vorform des späteren Staatsnamens Österreich. Das "Haus der Geschichte Österreich" zielt aber nicht nur darauf ab. "Wir stellen auch ganz andere Fragen", sagten Monika Sommer und die Kuratorin Birgit Johler. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Ostarrichi-Urkunde eine wichtige Rolle auf der Suche nach einer neuen österreichischen Identität eingenommen, erklärte Sommer. Das Dokument werde erstmals auch unter dem Aspekt seiner Bedeutung für die Inszenierung der Identität des modernen Österreich gezeigt.

Bereits 1946 ist ein Ostarrichi-Jubiläum zum 950. Jahrestag des Abfassens der Urkunde gefeiert worden. Auf Initiative des damaligen Unterrichtsministers Felix Hurdes wurde die "Aktion '950 Jahre Österreich'" ausgerufen, um "die Jugend zu österreichischem Bewusstsein und zur Achtung vor der ruhmvollen Vergangenheit des Vaterlandes zu erziehen". Im "Haus der Geschichte Österreich" wird also zu Recht die Nutzung des Dokuments für identitätspolitische Zwecke in der Zweiten Republik thematisiert. Um nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Weg zur Wiedererlangung der Souveränität eine neue "Österreich-Identität" zu formen, suchte die junge Zweite Republik nach Bezugspunkten in der Geschichte und stieß dabei nicht zuletzt auf die Ostarrichi-Urkunde.

Das Siegel von Kaiser Otto III.

(Foto: HSTA)

Im Jahr 1976 wurde die Urkunde erstmals in Österreich gezeigt, und zwar im Stift Lilienfeld während der Landesausstellung "1000 Jahre Babenberger". Noch ein zweites Mal, 20 Jahre später, stand die Urkunde im Mittelpunkt der Jubiläumsfeiern zu "1000 Jahre Österreich" in Neuhofen an der Ybbs, wo sie einst ihren Ursprung hatte. In Wien war sie aber noch nie zu sehen. Da das Original-Siegel verloren gegangen ist, wurde bisweilen an der Echtheit der Urkunde gezweifelt. Diese Zweifel seien aber weitgehend ausgeräumt, hieß es am Montag in München.

Ostarrichi, Haus der Geschichte Österreich, Neue Burg, Heldenplatz, Wien, 26. Oktober bis 3. November, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag 10-21 Uhr, Telefon +43-153410-805.

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