Unterwegs im Cabrio:Fiat 124 Spider: Alt und neu im Vergleich

Lesezeit: 7 min

Fiat 124 Spider alt und neu

Zwischen diesen Autos liegen 50 Jahre: Der alte folgt dem neuen Fiat 124 Spider.

(Foto: Sebastian Hofmann)

Fiats neuer Roadster ist in allen Belangen besser, da sind sich unsere Autoren einig. Doch trifft er auch das Herz so zielsicher wie der alte 124 Spider von 1966? Eine Annäherung bei einer gemeinsamen Ausfahrt.

Test von Peter Fahrenholz und Jörg Reichle

Ein Sommertag im Allgäu, gut 30 Grad im Schatten, Flimmern überm Asphalt, es duftet nach frischem Gras und Waldboden. Und obendrüber spannt sich ein fast schon kitschig schöner, blauer Bilderbuchhimmel mit weißen Wolkentupfen. Eins steht fest: Wer hier und jetzt kein Cabrio fährt, ist für diese Art Auto ein für allemal verloren. Und doch ist offen fahren nicht gleich offen fahren. Im vorliegenden Fall trennen den Fiat Spider und sein Vorbild von einst fast 50 Jahre automobile Entwicklung. Fit und unternehmungslustig sind sie beide an diesem Tag. Der 124 Spider, Erstzulassung Mai 1969, vier Zylinder, 90 PS, 2+2 Sitze, präsentiert sich in Rosso Scuro und technisch tipptopp, der aktuelle metallicblaue Spider, ein reiner Zweisitzer, hält mit 1,4-Liter-Turbo, 140 PS und maximal 217 km/h dagegen. So wird die Ausfahrt, auch, zu einer Zeitreise.

Fahrenholz: Klar ist der Alte eine Schönheit. Dass der 124 Spider, der zur gleichen Zeit wie sein italienischer Konkurrent, der Alfa Spider auf den Markt kam, zu den Ikonen des Autobaus zählt, wundert nicht, wenn man ihn leibhaftig vor sich sieht. Perfekte Proportionen, eine klare Linie, kein opulenter Chromschnickschnack, obwohl das Auto doch auf dem amerikanischen Markt reüssieren sollte. Was es dann auch getan hat. Gut 170 000 der insgesamt fast 200 000 gebauten Spider gingen in die USA. So ein Auto zu bestaunen oder es zu fahren, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Der erste Griff über die Schulter nach links hinten, in Fleisch und Blut übergegangen seit vielen Jahren, geht jedenfalls ins Leere. Natürlich, den Sicherheitsgurt gab es damals noch nicht.

Reichle: Dafür hat man als Fahrer ein bildschönes klassisches Armaturenbrett vor sich, das seinen Namen auch wirklich verdient. Vor dem Lenkrad, so groß wie eine Riesenpizza, sind fünf chromumrandete Rundinstrumente ins Holzfurnier eingelassen, zwei große und drei kleine und wer die Bezeichnungen liest - Giri, Benzina oder Olio - hat den Zauber der traditionellen italienischen Autobaukunst im Grunde schon erfasst. Das gilt auch für die beiden filigranen Hebelchen rechts und links an der Lenksäule, für den Blinker und solche Sachen. Wie gemacht für elegante italienische Männer und fein gekleidete, sportliche Damen. Und dann dieser Klang! Kaum hat man das winzige Schlüsselchen im Zündschloss gedreht, schnurrt der Vierzylinder mit warmem Brummen los. Dass damals aber auch viel zusammengezimmert wurde, ist allerdings ebenfalls nicht zu übersehen. Spaltmaße, in denen mühelos ein kleiner Finger verschwindet, waren seinerzeit - nicht nur bei Fiat übrigens - eher Regel als Ausnahme und die Nähte der Kunstledersitze würden heute garantiert auch keine Qualitätskontrolle mehr überstehen.

"Sind 140 PS zu mickrig? Nein, sie sind es nicht"

Fahrenholz: Nicht nur die Nähte. Auch das Material der Sitze ist längst aus der Zeit gefallen. Kunstleder, das ist ohnehin ein arger Euphemismus. Soll irgendwie nach Leder klingen, ist aber in Wahrheit Kunststoff, und von atmungsaktiv konnte damals natürlich auch noch keine Rede sein. Das heißt, bei sommerlichen Temperaturen schwitzt man binnen weniger Minuten ganz fürchterlich. Zumindest am Rücken. Von vorne kühlt einen Gott sei Dank der Fahrtwind. Ist ja ein Cabrio. Da bietet der neue Spider natürlich einen ganz anderen Sitzkomfort. Knackig eng sitzt man hinter einem aufgeräumten Cockpit (klar, so klassisch schön wie beim Alten ist es nicht) und was gegen das Bein drückt ist nicht etwa der Geldbeutel in der Hosentasche, sondern der Seitenhalt des Sitzes. Geradezu eine Einladung für eine flotte Kurvenwedelei. Dafür bietet der 140 PS starke Turbo-Benziner Power genug. Die 90 PS des Ur-Spiders waren damals eine Ansage. Heute kommt bei 140 PS schnell die Frage auf, ob das denn für einen Sportwagen nicht zu mickrig ist. Ist es nicht.

Reichle: Ach, im Grunde ist die Leistung bei solchen Autos sowieso nicht so wichtig und die Höchstgeschwindigkeit noch weniger. Dass der Ur-Spider 170 km/h lief und der neue mehr als 200 - geschenkt. Viel mehr kommt es aufs Fahrgefühl an. Präzise Lenkung für den sauberen Strich, gut abgestuftes Getriebe, spontane Reaktion aufs Gaspedal, gut dosierbare Bremsen. Nur eben wendig und knackig muss sich das Ding bewegen lassen.

Fahrenholz: Wendig und knackig ist der neue Spider in jedem Fall. Saubere Schaltung, präzise Lenkung, spielerisch leichtes Handling. Wer sich unmittelbar danach in den Alten setzt, merkt 50 Jahre automobile Entwicklung schon auf den ersten Metern. Die Kupplung verlangt einen intakten Wadenmuskel und die Bremsen machen den Eindruck, als sollte man ihnen eine abrupte Vollbremsung lieber nicht zumuten. Und auf eine Servolenkung möchte man auch nicht mehr verzichten.

"Dem alten 124er hört man gerne bei der Arbeit zu"

Reichle: Braucht man aber auch nicht bei den schmalen Rädern des Ur-Spiders. Aber so Sachen wie ABS oder Airbag vermisst man doch schmerzlich. Also fahrdynamisch und in Sachen Sicherheit ist der aktuelle Spider klar im Vorteil. Die Kurven rund um den Niedersonthofener See saugt er geradezu gierig auf. Dazu die direkte Lenkung mit dem steil stehenden Volant und die gut dosierbaren Bremsen - ein Gedicht. Und der Klang? Na ja, Vierzylinder bleibt halt Vierzylinder, ein ergreifendes Auspuffkonzert sollte man da nicht erwarten. Richtig unangenehm klingt der Spider aber nicht, trotzdem verdient sich der Alte in Sachen Akustik einen Extrapunkt. Der einst vom Ferrari-Techniker Aurelio Lampredi konstruierte Vierzylinder war ja auch ein besonders aufwendiges Triebwerk: Querstrom-Zylinderkopf aus Leichtmetall und die beiden obenliegenden Nockenwellen wurden von einem Zahnriemen aus Kunststoff angetrieben, was damals wirklich revolutionär war. Der Fiat klingt zwar nicht ganz so sonor wie ein Alfa aus den Sechzigern, aber man hört ihm trotzdem gerne bei der Arbeit zu.

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