SZ-Serie Nahverkehr weltweit:Kilometerlange Staus in "Mordor"

Und auch für viele Warschauer (offizielle Einwohnerzahl: 1,76 Millionen) ist Verkehr vor allem eins: ein täglich wiederkehrender Albtraum. So haben viele Firmen ihre Hauptquartiere nordwestlich des Warschauer Flughafens in glänzenden Neubauten aufgeschlagen; allein hier arbeiten Zehntausende Menschen. Eine U-Bahn-Station aber gibt es nicht. Viele Warschauer nennen das Hauptquartier-Viertel "Mordor" - in Anlehnung an das Reich des Bösen im Buch "Herr der Ringe", das seine Bewohner zwar hinein-, aber kaum je wieder hinausließ. Vor allem abends sind Mordors Staus in andere Stadtteile oder ins Umland kilometerlang.

Auch neue Wohnviertel sind nicht besser dran. Das U-Bahn-Netz ist neu, aber klein: Nur eine Linie verbindet den Norden mit dem Süden Warschaus. Eine zweite Linie, die das Stadtzentrum mit Quartieren jenseits der Weichsel verbindet, nahm erst 2015 den Betrieb auf und ist noch eine Rumpflinie mit wenigen Stationen. So fahren in Warschau bisher gerade mal 48 U-Bahn-Züge. In Wilanów, einem Modeviertel in der Nähe eines ehemaligen Palasts des polnischen Königs im Südosten der Stadt, haben Investoren Wohnblocks für Zehntausende aus dem Boden gestampft. Das öffentliche Nahverkehrsnetz aber ist hier miserabel. Verkehrsplaner sind schon froh, dass mit Millionen der EU bald wenigstens eine schnelle Straßenbahnlinie ins Stadtzentrum entsteht.

Und so setzen sich viele Warschauer fluchend, aber unverdrossen ins Auto, mit weiter steigender Tendenz. Auf 1000 Warschauer kommen 619 Autos - fast doppelt so viel wie in Berlin. Benzin ist billig, Parken ebenfalls. Und wo es keine Parkplätze gibt, parken Warschauer auf Bürgersteigen, Rasenstücken oder was sonst gerade verfügbar ist - Strafzettel oder Abschlepper müssen sie bisher kaum fürchten.

Der private Autoverkehr - in Warschau fast ein Drittel des Verkehrs - ist nicht nur wegen Staus und verlorener Zeit ein Problem. Von den 50 Städten mit der dreckigsten Luft in Europa liegen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gleich 33 in Polen, darunter auch die alte Königsstadt Krakau. Warschaus Feinstaubwert wiederum lag am 8. Januar 2018 bei bis zu 416 Mikrogramm auf einen Kubikmeter Luft - die EU erlaubt gerade einmal 50 Mikrogramm. Dem "Warschauer Smog-Alarm" zufolge entsprechen zwei Stunden Hauptstadtluft dem Konsum von täglich mehr als drei Zigaretten. Aber die Autos sind nicht die einzigen Dreckschleudern. Polen heizt und produziert seinen Strom immer noch zu einem großen Teil mit heimischer Kohle; jede Regierung scheut den Konflikt mit den immer noch 90 000 Bergleuten.

Vorerst kein kostenloser Nahverkehr in Warschau

Die Idee, die Luft etwa durch die Einführung eines in einigen polnischen Kleinstädten kostenlosen Nahverkehrs zu entlasten, wurde im Warschauer Stadtrat Ende 2017 abgelehnt; wegen der hohen Kosten und auch, weil Fachleute befürchteten, die gut verdienenden Warschauer würden selbst bei kostenlosem Nahverkehr weiter im Auto sitzen. Radikalere Lösungen - die Innenstadt für Autos zu sperren oder wie in London nur noch gegen horrende Tagesmaut zugänglich zu machen - sind nicht einfach umzusetzen.

Vor allem im Warschauer Umland gibt es an vielen Stellen kein ausgebautes öffentliches Nahverkehrsnetz. Und in Warschau sind die 475 000 Plätze in 1500 Bussen, 425 Straßenbahnen, den 48 U-Bahn-Zügen sowie 19 Vorortzügen zu den Stoßzeiten schon jetzt komplett ausgelastet. Außerdem wird in Polen bald gewählt: in Warschau im Herbst 2018, ein Jahr darauf auf nationaler Ebene. Stadtväter, die den unpopulären Schritt einer Autosperre oder -maut beschließen, könnten bald abgewählt werden.

Gewiss: Fußgänger und Radfahrer würden sich über harte Maßnahmen gegen Autofahrer freuen. Allerdings geht selbst bei kurzen Wegen kaum ein Warschauer noch zu Fuß. Angesichts nur halbherzig ausgebauter oder fehlender Radwege steigen auch nur wenige Warschauer aufs Rad. Während in deutschen Großstädten die Fahrradnutzung kontinuierlich steigt und in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen schon über 40 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, waren Warschauer Verkehrsplaner schon stolz, als sie vor kurzem einen Verkehrsanteil von fünf Prozent für das Fahrrad melden konnten.

Die SZ berichtet in dieser Serie über den Nahverkehr in den Metropolen der Welt. Alle Folgen unter www.sz.de/nahverkehr

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