SZ-Serie: Nahverkehr weltweit:Neue Hochhäuser dürften die Probleme verschärfen

Dass der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin die Metro im Eiltempo ausbaut, schafft nur bedingt Entlastung. In den vergangenen sechs Jahren wurden 60 neue Stationen gebaut. Doch die Verlängerung bestehender Linien und der Bau neuer Teilstrecken lösen nicht das Problem der überlasteten Umsteigeknoten, im schlimmsten Fall führen nur noch zusätzliche Passagiere ins verstopfte Zentrum. Die neue Ringbahn MZK, die seit einem Jahr auf den Gleisen einer ehemaligen Güterstrecke fährt, hat die Metro ersten Untersuchungen zufolge immerhin um zehn bis 15 Prozent entlastet.

Aber eine neue Belastung für den öffentlichen Nahverkehr ist heute schon absehbar. Auf den Zustrom neuer Bürger reagieren die Stadtplaner mit Ausdehnung in zwei Dimensionen: in die Breite und Höhe. 2012 wurde das Stadtgebiet um 1600 Quadratkilometer auf mehr als das Doppelte erweitert. Das ist mehr als fünfmal so viel wie die Größe Münchens. 19 ehemals eigenständige Gemeinden gehören seit der Stadterweiterung zum "Neuen Moskau". Nun geht es in die Höhe. Die Stadtverwaltung will mehr als 4000 Häuser abreißen, die zur Zeit des Sowjetführers Nikita Chruschtschow erbaut wurden. Die "Chruschtschowki" sind nur vier oder fünf Etagen hoch: für das Zentrum einer Metropole geradezu verschwenderisch. Wenn an ihrer Stelle in den nächsten Jahren Häuser mit zwölf, 20 oder mehr Stockwerken wachsen, steigt auch die Zahl der Menschen, die im Zentrum bewegt werden müssen.

Heute fahren Diesel- und ab 2021 Elektrobusse

Von den Trolleybussen verabschiedet sich die Stadtverwaltung schrittweise. Mehr als 30 Linien mit den Oberleitungsfahrzeugen würden bis Jahresende auf Busse mit Dieselmotor umgestellt, klagen Kritiker. Die Wartung sei aufwendig, jedes Mal, wenn ein Stromabnehmer aus der Spur springe, behindere das den Verkehr, argumentiert die Stadt. Zudem belegen die Busdepots große Grundstücke im Zentrum, die sich wohl für große Summen an Investoren verkaufen ließen. Busse kann man auch weiter außerhalb parken.

Damit die Luft nicht noch schlechter wird, sollen von 2021 an nur noch Busse mit E-Antrieb angeschafft werden, verkündete Sobjanin. Wie diese unter den Umständen des russischen Winters funktionieren sollen, muss bis dahin noch geklärt werden. Die Akkus dürfen bei Temperaturen von minus 20 Grad und weniger nicht in die Knie gehen, sie müssen ja nicht nur den Motor antreiben, sondern nebenbei auch noch den Fahrgastraum heizen.

Die Maßnahmen zeigen langsam Wirkung

Im Kampf gegen den ewigen Stau wird das Zentrum umgebaut. Nicht mehr, sondern weniger Fahrbahnen soll es geben, damit die Leute ihr Auto lieber gleich stehen lassen. Über den Sommer wurden mehr als 80 Straßen renoviert, die Fahrbahnen verengt, Busspuren reserviert und Trottoirs verbreitert. Es gibt 20 Kilometer neue Radwege und erstmals sogar Ampeln für Radfahrer. Im Stadtgebiet verteilt stehen inzwischen mehr als 3600 Leihräder an 380 Verleihstationen bereit. Im Sommer sind sie beliebt, aber im russischen Winter keine Alternative zu Auto oder Bus.

Dennoch: Wenn man der Stadtverwaltung glauben darf, zeigen alle Maßnahmen zusammen langsam Wirkung. 70 Prozent der Moskauer wählten in der Hauptverkehrszeit inzwischen öffentliche Verkehrsmittel, verkündete das Bürgermeisteramt Mitte Oktober. 2010 seien es noch 63 Prozent gewesen. Die Zahl derer, die wegen der Verstopfung aller Wege lieber zu Hause bleiben, hat die Statistik nicht erfasst.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB