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SZ-Serie: Nahverkehr weltweit:Moskau, chronisch verstopft

Oben gibt es Staus, auch die Metro platzt aus allen Nähten. Tag für Tag nutzen sieben Millionen Menschen die überlastete U-Bahn. Wenigstens die Touristen freuen sich.

Von Julian Hans

Die russische Hauptstadt ist wahrscheinlich eine der wenigen Metropolen, in denen der öffentliche Nahverkehr zu den Hauptattraktionen für Touristen zählt. Man sieht sie oft in einer der prunkvollen Hallen der Moskauer Metro zusammenstehen, den Kegelverein aus Neuss oder die Parteidelegation aus der chinesischen Provinz, wie sie die Gesichter zur Decke heben. Sie bestaunen die Mosaiken in der Majakowskaja-Station, tätscheln die bronzenen Kämpfer-Statuen am Revolutionsplatz und fühlen sich in der futuristischen Gagarinskaja gleich Jurij Gagarin in den Kosmos entrückt.

Derweil reden ihre Reiseführer verzweifelt gegen das Donnern und Kreischen der Waggons an. Alle zwei Minuten ergießen sich Ströme von Passagieren aus einem gerade eingefahrenen Zug, um im nächsten Augenblick die Besuchergruppe hektisch, aber möglichst unfallfrei zu umfließen.

So sehr die Moskauer Metro auch zum Staunen verleitet, im Alltag ist dafür keine Zeit. Und eigentlich auch kein Platz. Als 1935 die erste Linie fertiggestellt wurde, lebten in Moskau 3,5 Millionen Menschen. Damals schien das enorm viel zu sein, die Einwohnerzahl hatte sich seit der Oktoberrevolution 1917 in weniger als zwei Jahrzehnten verdoppelt. Heute leben in Moskau offiziell etwa zwölf Millionen Menschen, andere Schätzungen gehen von 15 Millionen aus. Das wäre jeder zehnte Bürger des Landes.

Zwar wurde die Metro seit der Stalin-Zeit auf 13 Linien, 206 Stationen und eine Länge von 350 Kilometern erweitert. Aber mit dem Boom der Stadt konnte der Nahverkehr nicht Schritt halten. Nach der Auflösung der Sowjetunion drängten Menschen aus allen Winkeln des untergegangenen Reiches in die Hauptstadt. Zugleich war in den Neunzigerjahren kein Geld in die Kassen der Stadt geflossen, um die Infrastruktur auszubauen. Das hat sich zwar vor über einem Jahrzehnt geändert, aber der Nachholbedarf ist immens.

Sieben Millionen Fahrgäste pro Tag

In keiner anderen Stadt in Europa oder Amerika ist der Nahverkehr derart ausgelastet wie in Moskau. Mehr Fahrgäste als die Moskauer Metro haben nur die U-Bahnen in Peking, Tokio, Seoul und Shanghai. An einem ganz gewöhnlichen Tag fahren sieben Millionen mit der Metro. Ende Dezember, wenn alle mit Vorbereitungen für die Feiertage beschäftigt sind, steigt die Belastung auf neun Millionen Passagiere am Tag. Die Leitung der Moskauer Metro hat berechnet, dass sich in der Rushhour in den Waggons mehr als sieben Personen auf einem Quadratmeter drängen.

Staus sind aber nicht nur unter der Erde ein Dauerthema der Moskauer. Die Hauptstadt leidet unter chronischer Verstopfung. Seit Jahren führt sie die weltweite Stau-Hitparade eines Navigationsgeräte-Herstellers an. Bei ihren Bemühungen, Abhilfe zu schaffen, müssen die Stadtplaner mit Entscheidungen leben, die Generationen ihrer Vorgänger getroffen haben. Moskau ist in Ringen aufgebaut, in deren Zentrum der Kreml liegt. Mehrspurige Ausfallstraßen führen sternförmig aus dem Zentrum ins Umland. Große Schlafsiedlungen mit Plattenbau-Hochhäusern liegen an der Peripherie. Dort gibt es kaum Firmen und Einkaufsmöglichkeiten. Also steht der Moskauer im Stau, wenn er morgens ins Zentrum fährt und nach Feierabend nach Hause. Am Wochenende steht er im Stau auf dem Weg ins Einkaufszentrum oder auf die Datscha im Umland. Und am Sonntagabend auf dem Heimweg erneut.

In der U-Bahn wiederholt sich das Dilemma. Oft fahren Bewohner der Außenbezirke nur ins Zentrum, um dort umzusteigen und mit einer anderen Radiallinie in einen anderen Außenbezirk zu fahren. Vor allem die Umsteige-Stationen sind überlastet, an denen die Passagiere von den radialen Linien in die Ringlinie wechseln. Wer hier zu Spitzenzeiten unterwegs ist, braucht manchmal schon eine Viertelstunde, nur um als Teilchen in der Masse im Trippelschritt über verstopfte Gänge und Rolltreppen zu seinem Gleis zu kommen.

Neue Hochhäuser dürften die Probleme verschärfen

Dass der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin die Metro im Eiltempo ausbaut, schafft nur bedingt Entlastung. In den vergangenen sechs Jahren wurden 60 neue Stationen gebaut. Doch die Verlängerung bestehender Linien und der Bau neuer Teilstrecken lösen nicht das Problem der überlasteten Umsteigeknoten, im schlimmsten Fall führen nur noch zusätzliche Passagiere ins verstopfte Zentrum. Die neue Ringbahn MZK, die seit einem Jahr auf den Gleisen einer ehemaligen Güterstrecke fährt, hat die Metro ersten Untersuchungen zufolge immerhin um zehn bis 15 Prozent entlastet.

Aber eine neue Belastung für den öffentlichen Nahverkehr ist heute schon absehbar. Auf den Zustrom neuer Bürger reagieren die Stadtplaner mit Ausdehnung in zwei Dimensionen: in die Breite und Höhe. 2012 wurde das Stadtgebiet um 1600 Quadratkilometer auf mehr als das Doppelte erweitert. Das ist mehr als fünfmal so viel wie die Größe Münchens. 19 ehemals eigenständige Gemeinden gehören seit der Stadterweiterung zum "Neuen Moskau". Nun geht es in die Höhe. Die Stadtverwaltung will mehr als 4000 Häuser abreißen, die zur Zeit des Sowjetführers Nikita Chruschtschow erbaut wurden. Die "Chruschtschowki" sind nur vier oder fünf Etagen hoch: für das Zentrum einer Metropole geradezu verschwenderisch. Wenn an ihrer Stelle in den nächsten Jahren Häuser mit zwölf, 20 oder mehr Stockwerken wachsen, steigt auch die Zahl der Menschen, die im Zentrum bewegt werden müssen.

Heute fahren Diesel- und ab 2021 Elektrobusse

Von den Trolleybussen verabschiedet sich die Stadtverwaltung schrittweise. Mehr als 30 Linien mit den Oberleitungsfahrzeugen würden bis Jahresende auf Busse mit Dieselmotor umgestellt, klagen Kritiker. Die Wartung sei aufwendig, jedes Mal, wenn ein Stromabnehmer aus der Spur springe, behindere das den Verkehr, argumentiert die Stadt. Zudem belegen die Busdepots große Grundstücke im Zentrum, die sich wohl für große Summen an Investoren verkaufen ließen. Busse kann man auch weiter außerhalb parken.

Damit die Luft nicht noch schlechter wird, sollen von 2021 an nur noch Busse mit E-Antrieb angeschafft werden, verkündete Sobjanin. Wie diese unter den Umständen des russischen Winters funktionieren sollen, muss bis dahin noch geklärt werden. Die Akkus dürfen bei Temperaturen von minus 20 Grad und weniger nicht in die Knie gehen, sie müssen ja nicht nur den Motor antreiben, sondern nebenbei auch noch den Fahrgastraum heizen.

Die Maßnahmen zeigen langsam Wirkung

Im Kampf gegen den ewigen Stau wird das Zentrum umgebaut. Nicht mehr, sondern weniger Fahrbahnen soll es geben, damit die Leute ihr Auto lieber gleich stehen lassen. Über den Sommer wurden mehr als 80 Straßen renoviert, die Fahrbahnen verengt, Busspuren reserviert und Trottoirs verbreitert. Es gibt 20 Kilometer neue Radwege und erstmals sogar Ampeln für Radfahrer. Im Stadtgebiet verteilt stehen inzwischen mehr als 3600 Leihräder an 380 Verleihstationen bereit. Im Sommer sind sie beliebt, aber im russischen Winter keine Alternative zu Auto oder Bus.

Dennoch: Wenn man der Stadtverwaltung glauben darf, zeigen alle Maßnahmen zusammen langsam Wirkung. 70 Prozent der Moskauer wählten in der Hauptverkehrszeit inzwischen öffentliche Verkehrsmittel, verkündete das Bürgermeisteramt Mitte Oktober. 2010 seien es noch 63 Prozent gewesen. Die Zahl derer, die wegen der Verstopfung aller Wege lieber zu Hause bleiben, hat die Statistik nicht erfasst.

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Quelle:
SZ vom 28.10.2017/harl
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