bedeckt München 22°

Elektroautos:Rare Zellmaterialien

Es ist eine historische Zäsur: Im vergangenen Jahr wurde für Elektroautos erstmals mehr Batteriekapazität benötigt als für die Computer- und Unterhaltungselektronik. Das ist erst der Anfang eines enormen Nachfrageanstiegs, der die gesamte Zuliefererkette verändern wird. Bis zum Jahr 2025 will der Volkswagen-Konzern 80 elektrifizierte Modelle auf den Markt bringen - darunter 50 reine Batteriefahrzeuge. Laut den Analysten von IHS Merkit wird dafür etwa ein Viertel des derzeitigen Lithiumangebots benötigt. Die Deutsche Rohstoffagentur (Dera) erwartet, dass sich der weltweite Bedarf für Lithium-Ionen-Batterien von etwa 33 000 Tonnen bis zum Jahr 2025 mindestens verdoppeln wird.

Noch ist nicht absehbar, wie weit mögliche Rohstoffengpässe den Preis von Elektroautos beeinflussen werden. Klar ist aber, dass sich der Lithium-Preis seit 2012 vervierfacht hat. Die gute Nachricht: Lithium als unerlässlicher Rohstoff für Batterien dürfte in den kommenden Jahren nicht knapp werden. Diese Auffassung vertritt zumindest die Deutsche Rohstoffagentur. Trotz der steigenden Nachfrage sei die Versorgung gesichert. Die Förderländer weiteten ihr Angebot aus, was letztlich sogar zu einem Überschuss des Leichtmetalls führen könne.

Kritisch könnte der Engpass bei Kobalt werden. Bis vor kurzem wurde dem Nebenprodukt bei der Gewinnung von Kupfer oder Nickel nicht viel Aufmerksamkeit zuteil. Traditionell wird das Metall zum Härten von Stahl verwendet. Seine hohe elektrische Leitfähigkeit macht es zum begehrten Rohstoff für den Pluspol (Kathode) der Li-Ionen-Akkus. Tesla hat den Kobaltanteil in seinen Batterien bereits halbiert, doch der steigende Bedarf holt solche Entwicklungsfortschritte schnell wieder ein. Seit 2015 hat sich der Preis von Kobalt nahezu verdreifacht, weil der Ausbau von Förderkapazitäten nicht mit der steigenden Nachfrage der Autobranche mithalten kann.

Problematisch ist auch die Abhängigkeit von einem einzigen Förderland: Etwa zwei Drittel der weltweiten Kobalt-Produktion entfallen auf den Kongo. Wie stark die Verhandlungsposition der Minengesellschaften ist, musste Volkswagen kürzlich erfahren. Die Wolfsburger wollten langfristige Lieferverträge für das rare Metall abschließen. Doch auf Festpreise für das Schlüsselelement der Batterieproduktion ließen sich nur die wenigsten Lieferanten ein. Nicht nur für die Autohersteller, sondern auch für die Käufer von E-Mobilen birgt die schwierige Rohstoffversorgung also erhebliches Störpotenzial.

Abwartende Kunden

Fortschritt bedeutet, dass neue Technologien billiger werden. So wie Lithium-Ionen-Batterien im Auto. Dank steigender Energiedichte und großer Stückzahlen sinken die Kosten jedes Jahr um zehn Prozent. Mit sogenannten Feststoff-Batterien könnte sich dieser Preisverfall noch beschleunigen, denn sie versprechen die doppelte Energiedichte zum halben Preis. Experten erwarten marktreife Produkte ab dem Jahr 2025 - die Frage ist, ob sich eine zunehmende Zahl von Kunden beim Kauf eines Elektroautos zurückhält, um gleich mit der neuen Super-Batterie in die Zukunft zu starten. BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich schätzt den Entwicklungsstand bei Feststoffbatterien und Brennstoffzellen ähnlich hoch ein. Noch ist also gar nicht klar, welcher alternativer Antrieb letztlich das Rennen macht.

In der Autobranche geht daher die Angst vor verunsicherten und zögerlichen Kunden um: "Wir müssen ab 2020 sehr viel mehr Elektrofahrzeuge verkaufen, sonst werden wir die CO₂-Ziele in Europa verfehlen. Dann drohen gewaltige Strafzahlungen", betont Volkswagen-Chef Matthias Müller. In China müssen die Hersteller ab 2019 zehn Prozent ihres Absatzes mit Elektroautos bestreiten. In Europa läuft der Aufbau der Ladeinfrastruktur schleppender, obwohl die CO₂-Vorschriften ähnlich wirken wie eine Elektro-Quote: Bis 2023 muss die VW-Gruppe laut CAR-Center Automotive Research 350 000 Elektroautos jährlich verkaufen und den Rest der Flotte nahezu vollständig mit 48-Volt-Systemen milde hybridisieren, um Strafzahlungen zu vermeiden. Die Spannung steigt, ob die Elektro-Offensive bis dahin bei den Kunden angekommen ist.

© SZ vom 05.01.2018/harl

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite