Corvette C7 Stingray im Doppel-Test Vier Reifen, zwei Meinungen

Die Corvette lässt keinen Sportwagenfan kalt. Manche vergöttern sie, viele hassen sie. Auch unsere Autoren sind sich nur in einem einig: dass sie sich nicht einig sind über das neue Modell. Ein Pro und Contra.

Von Thomas Harloff und Felix Reek

Pro: Die Corvette ist ein toller Sportwagen zum günstigen Preis. Deshalb darf sie sich ihren extravaganten Auftritt gönnen, meint Thomas Harloff.

Vier Auspuffrohre für ein Hallelujah: Wenn der Fahrer will, macht die Corvette ordentlich Krach.

(Foto: Vanderkaay/Chevrolet; General Motors)

Geht es um die Corvette, geht es meist auch um Klischees. Die einen diffamieren sie als "St.-Pauli-Ferrari", manche trauen ihr geradeaus alles, in Kurven umso weniger zu. Wieder andere stoßen sich an ihrem Design. Außen sei sie zu prollig und innen zu hässlich, lautet der Vorwurf.

Ob im Rotlichtmilieu tatsächlich vorrangig Corvettes als Dienstwagen eingesetzt werden oder doch eher Produkte aus München, Stuttgart oder Maranello, wurde nie statistisch nachgewiesen. Vorurteil Nummer zwei hat einst gestimmt, aber die Corvette-Generationen fünf und - vor allem - sechs haben es längst entkräftet.

Der Innenraum der neuen Corvette ist durchaus wohnlich eingerichtet - ein echter Fortschritt zu früheren Generationen.

(Foto: General Motors)

Natürlich mag es auch die neue Corvette, die wie schon die zweite und dritte Generation den Beinamen "Stingray" trägt, extrovertiert. Ob man in ihr den namensgebenden Stachelrochen wiedererkennt oder ob der enorme Kühlerschlund, die Kanten in der Karosserie und das mittig platzierte Auspuffrohr-Quartett am Heck einfach zu viel des Guten sind, ist Geschmackssache. Dafür ist das Cockpit nicht nur schicker gestaltet, sondern auch hochwertiger eingerichtet und besser verarbeitet als früher.

Außer Frage steht, dass kein anderes Sportcoupé in dieser Leistungsklasse weniger kostet: 466 PS für 69 990 Euro gibt es sonst nur auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Zieht man die in den USA beliebte "Kosten-pro-PS"-Rechnung heran, zeigt sich, wie günstig die Corvette ist. Bei ihr kostet ein PS 150 Euro - beim preiswertesten Porsche 911 sind es 258 Euro, Audi verlangt beim R8 für eine Pferdestärke mindestens 272 Euro, beim Ferrari 458 Italia und Lamborghini Huracán liegt dieses etwas andere Preis-Leistung-Verhältnis bei weit über 300 Euro. Aber seinen Preis hat man dem Zweisitzer nie zum Vorwurf gemacht. Im Gegenteil: "Günstig" wurde bei ihm mit "billig" verwechselt - ein Attribut, das negativ behaftet sein kann, erst recht bei Sportwagen.

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Wie ein Projektil aus dem Gewehrlauf

So muss sich die Corvette wieder und wieder, Generation für Generation, auf der Straße und der Rennstrecke beweisen. Und der Jahrgang 2014, Nummer sieben in der 1953 etablierten Ahnengalerie, vermag fahrdynamisch noch mehr zu begeistern als sein bereits sehr guter Vorgänger C6. Vorausgesetzt, man hat vor der Fahrt mit dem Drehschalter den "Sport"- oder "Track"-Modus angewählt - "Tour", "Eco" und "Weather" sind langweilig. Aber ist die Amerikanerin erst einmal vorgespannt, schießt sie nicht nur davon wie ein Projektil aus dem Gewehrlauf, sondern giert nach Kurven, als wolle sie alle Vorurteile ein für allemal beiseite wischen.

Ist der Vorderwagen erst einmal auf die Ideallinie eingeschwenkt, was dank der mitteilsamen und direkten Lenkung auch bei forscher Gangart problemlos funktioniert, verlässt die Corvette sie nicht mehr. Sie klinkt sich in die Kurve ein wie eine Achterbahn in ihre Schienen. Unruhiges Heck? Eine solche Kinderei ist etwas für die Viper oder einen hinterradgetriebenen AMG-Mercedes. Die Corvette bleibt selbst dann noch stabil, wenn es die Grenzen der Physik nicht mehr zulassen dürften. Drifts müssen erzwungen werden, aber Kurvendynamik und Fahrspaß bietet das Mädchen aus Kentucky im Überfluss, obwohl es mit seinen 1539 Kilogramm nicht mehr so schlank ist wie früher.

Die Corvette fällt auf im täglichen Straßenbild - erst recht in dieser Lackierung.

(Foto: General Motors)

Ihrer fünf voreingestellten Fahrprogramme und modernen technischen Details wie adaptive Stoßdämpfer, variable Ventilsteuerung oder Zylinderabschaltung zum Trotz: Gegenüber Hightech bleibt die Corvette skeptisch eingestellt. Dennoch funktioniert sie bestens. Während andere Sportwagen ein eher digitales Fahrerlebnis bieten - ja, auch der Porsche 911 -, lässt die Vette den Piloten an ihrem Vergnügen ungefiltert teilhaben. Natürlich hat sie auch Schwächen, darunter das manuelle Siebengang-Getriebe, das sich zwar kurz und knackig schalten lässt, aber in den oberen drei Fahrstufen zu lang übersetzt ist. Zudem wäre eine Sperre wünschenswert, die verhindert, direkt vom vierten in den siebten Gang zu schalten zu können. Auf der Landstraße braucht man eh nur den dritten, aber auf der Autobahn ist man bei hohem Tempo manchmal "Lost in Transmission".

Und die mangelnde Alltagstauglichkeit, die für die Innenstadt schwierige Fahrzeugbreite, der schwer erreichbare Kofferraum oder der nicht sozialverträgliche Spritverbrauch? Nimmt man hin, denn die Corvette ist eh kein Auto für jeden Tag. Eher eines für besondere Gelegenheiten - und mit ihr wird jede sonst schnöde Landstraßen-Tour zu einer solchen.