Erkenntnistheorie Der Mythos von der Filterblase

Ist die vielzitierte Filterblase in sozialen Medien tatsächlich so entscheidend für die politische Polarisierung der Gesellschaft?

(Foto: imago/Ikon Images)

Nach dem Sieg von Donald Trump richtet sich die Wut gegen die "Filterblase" in sozialen Netzwerken. Dabei missverstehen viele die Natur dieses Phänomens.

Von Christoph Behrens

Der Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl löst Staunen aus, mitunter auch Entsetzen. Nicht so sehr über die politischen Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre oder darüber, dass die Demokraten ihre Kernklientel - die einfachen Leute - aus den Augen verloren haben. Lauter noch ist der Ärger über Facebook und andere soziale Netzwerke.

Dort bekomme jeder Nutzer etwas anderes zu sehen, ausgewählt und vorsortiert von undurchsichtigen Algorithmen, so der Vorwurf. Jeder lebe nur noch in seiner eigenen Filterblase. "Soziale Medien verschärfen die politische Spaltung", urteilte USA Today. Nach dem Wahltag sprach das New York-Magazin von der "Filterblasenhaftigkeit" von Trumps Sieg, im Kanon mit anderen Medien. In diesen "radikalen Filterbubbles werden gegenteilige Informationen entweder ausgeblendet oder bekämpft", heißt es beispielsweise auch in der deutschen Fernsehsendung "Galileo".

Politik spielt in sozialen Netzwerken eine untergeordnete Rolle

Tatsächlich gibt es kaum Erkenntnisse darüber, wie stark sich die Filterblase konkret auf die Meinungsvielfalt auswirkt. Vorhandene empirische Studien lassen kaum auf eine extreme politische Polarisierung schließen, wie sie weithin angenommen wird. Beispielsweise fand der Statistiker Seth Flaxman von der Universität Oxford in 50 000 anonym ausgewerteten Browser-Historien von US-Bürgern aus dem Jahr 2016 nur einen sehr mäßigen Einfluss von Algorithmen auf die Meinungsvielfalt. Entgegen der populären Vorstellung, dass viele nur noch über soziale Netzwerke Nachrichten konsumieren, surfen laut der Untersuchung typische Internetnutzer meist direkt ihre bevorzugten Nachrichtenseiten an.

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Wer zusätzlich auf sozialen Netzwerken aktiv ist, hat laut Flaxman sogar eine höhere Chance, mit Meinungen von der anderen Seite des politischen Spektrums in Berührung zu kommen. Politik spiele in sozialen Netzwerken zudem eine untergeordnete Rolle, nur etwa jeder 300. Klick auf Facebook führe zu einem substanziellen nachrichtlichen Artikel. Es dominieren Links zu Fotos und Videos, Sport und Unterhaltung. Eine Studie der University of London kam zum Ergebnis, dass sich auf Twitter-Profilen in Deutschland und Italien häufig überhaupt keine politische Richtung ausbildet. Die 180 000 untersuchten Nutzer kamen meist nur geringfügig mit politischen Inhalten in Kontakt.

Entscheidend ist der Bekanntenkreis, nicht Algorithmen

Anhand von 3,8 Milliarden geteilten Links auf Facebook konnten Datenwissenschaftler im Fachblatt Science nachweisen, wie stark Algorithmen die Meinungsvielfalt konkret beeinflussen. Demnach sorgen Facebooks Sortierverfahren dafür, dass ein linksliberal eingestellter Nutzer im Schnitt acht Prozent weniger Inhalte von der anderen politischen Seite angezeigt bekommt als ohne den Filter. Das heißt, weniger als jeder zehnte Artikel, der tendenziell nicht zum eigenen politischen Weltbild passt, wird ausgeblendet. Bei Konservativen ist es weniger als jeder 20. Beitrag. Demnach ist der Stream von Konservativen sogar bunter als der von Liberalen. Amerikanische Konservative freunden sich laut der Science-Studie auf Facebook im Schnitt auch mit mehr Personen aus dem linken politischen Spektrum an als umgekehrt.

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Die wissenschaftlichen Arbeiten haben sicherlich Schwachstellen, beispielsweise ist der US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 noch nicht in den Daten erfasst. Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass Netzplattformen nicht automatisch immer abgeschotteter und polarisierter werden. Auf der englischen Wikipedia-Seite sind laut einer Analyse der Harvard Business School beispielsweise Artikel, die sich mit US-amerikanischer Politik beschäftigen, heute unvoreingenommener als noch vor einigen Jahren. Es scheint also nach wie vor große Inseln der Neutralität im Netz zu geben. Eine zweite Erkenntnis: Viel stärker als Filter-Algorithmen wirkt sich auf die dargebotene Vielfalt in sozialen Netzwerken wohl aus, mit wem man vernetzt ist und was derjenige teilt. Der Bekanntenkreis war allerdings auch schon im analogen Zeitalter ein äußerst wichtiger Faktor zur Meinungsbildung.

Die Frage lautet daher, ob die Filterblase in sozialen Netzwerken tatsächlich etwas Neues darstellt. In dem Aufsatz "Wie es ist, eine Fledermaus zu sein" aus dem Jahr 1974 betont der amerikanische Philosoph Thomas Nagel den "subjektiven Charakter von Erfahrung". Um herauszufinden, wie sich eine Fledermaus fühlt, könne man zwar mit den Armen schlagen, sich Insekten in den Mund stopfen oder nachts kopfüber in einer Höhle baumeln. Was man dabei herausfindet, ist allerdings nur, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu imitieren.

Die allererste Filterblase ist der menschliche Verstand

"Das aber ist nicht die Frage", schreibt Nagel. "Ich will wissen, wie es für die Fledermaus ist, eine Fledermaus zu sein." Das wisse aber nur die Fledermaus. Der menschliche Verstand stoße bei dieser Aufgabe an eine unüberwindbare Grenze, und nicht nur dort. Die gleiche Beschränkung gelte auch in weniger exotischen Fällen, behauptet Nagel, zum Beispiel gegenüber anderen Menschen. Wie ist es für einen Demokraten, ein Demokrat zu sein? Wie fühlt sich ein Republikaner? Tja.

Man könnte es so interpretieren: Die allererste Filterblase ist der menschliche Verstand. Erfahrungen sind radikal verschieden, wie sie sich für jemanden anderen anfühlen, können wir nicht wissen. Hinzu kommen die völlig unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt, die der Philosoph Martin Heidegger mit dem Begriff der "Geworfenheit" umschreibt. Jeder wird eben unter anderen Umständen geboren, an einem anderen Ort, mit anderen Eltern, anderer Sprache. Auf soziale Netzwerke bezogen heißt das, dass wir alle verschiedene Dinge dort sehen, weil wir alle verschiedene Menschen sind, von unterschiedlichen Ländern aus, unterschiedlich erzogen, mit verschiedenen Vorlieben auf die Welt blicken.