Panama Papers Panama Papers - mein Haus, meine Yacht, mein Briefkasten

Illustration: Peter Hoffmann

Auch Superreiche sind nur Menschen: Mehr als das Finanzamt fürchten sie nur die Ehefrau - im Scheidungsfall.

Von Nicolas Richter

Hawaii, der Inselbundesstaat im Pazifik, ist für alle Lebenslagen gerüstet. Möchte ein Liebespaar seine Hochzeit im Sonnenuntergang feiern, so kann es Pauschalangebote an diversen Stränden buchen, einschließlich örtlicher Musiker, die in bunten Hemden auf der Ukulele spielen. Möchte sich ein Ehepartner wiederum scheiden lassen und sucht er jemanden, der Zivilklagen zustellt, so finden sich ebenfalls engagierte lokale Dienstleister.

Einer von ihnen ist Christopher Williams, ein freiberuflicher Gerichtsvollzieher, der meist Räumungsklagen überreicht, zuweilen aber auch Scheidungsfälle übernimmt. Als Überbringer schlechter Nachrichten ist er doppelt gerüstet: Er beherrscht Kampfsportarten, hält sich aber gleichzeitig für sehr einfühlsam. Ende 2010 legt er sich so ins Zeug, als wäre er Privatdetektiv: Er lauert am Flughafen von Lihue, nordwestlich von Honolulu auf Kauai, und lässt dabei eine versteckte Kamera laufen.

Diesmal wartet er nicht auf einen säumigen Mieter, sondern auf einen russischen Oligarchen, den das Magazin Forbes für einen der reichsten Menschen überhaupt hält. Er heißt Dmitrij Rybolowlew und ist Mitte vierzig; nach dem Ende der Sowjetunion hat er mit dem Verkauf von Düngemittel sagenhaften Reichtum angehäuft. Man nennt ihn den "Kali-König". Allein seine Kunstsammlung soll Hunderte Millionen Dollar wert sein.

Aber natürlich sind auch Oligarchen nur Menschen. Rybolowlew soll untreu gewesen sein, Ehefrau Jelena verlangt die Scheidung, nun streiten sie sich unter anderem um ein Anwesen mit Palmenhain an der hawaiianischen Küste, welches der Ehemann von dem Schauspieler Will Smith gekauft haben soll. Deswegen hat Jelena Rybolowlewa nun den Gerichtsvollzieher engagiert: Er soll ihrem Mann eine Zivilklage in die Hand drücken; so möchte sie ihre Ansprüche auf das Haus anmelden.

Der Gerichtsdiener Williams behauptet, er habe die Klage damals tatsächlich an den Mann gebracht - wenn auch nur unter schwerem körperlichen Einsatz. Sein Film zeigt Geländewagen, die durch ein Tor fahren, mutmaßlich die des Oligarchen. Da springt Williams auf, jagt ihnen nach, gelangt an das offene Fenster eines fahrenden Wagens, keucht, ruft "Dmitrij!" (Den Nachnamen sagt er nicht, weil er ihn nicht aussprechen kann.) Auf dem Film lässt sich der Adressat zwar nicht erkennen, trotzdem ruft Williams "served" - "hiermit zugestellt".

So skurril der vermeintliche Beweisfilm auch ist: Er veranschaulicht, mit welchem Aufwand die reichsten Ehepaare der Erde operieren, wenn sie am Ende ihrer Beziehung um weltweit verstreutes Vermögen kämpfen. Der Rosenkrieg der Rybolowlews hat jahrelang vor der gesamten Weltöffentlichkeit stattgefunden. Es ist bekannt, dass die Ehefrau ihren Mann verdächtigte, das gemeinsame Vermögen zu verstecken. Dmitrij Rybolowlew hat diesen Vorwurf stets zurückgewiesen, und im vergangenen Herbst einigten sich beide Seiten schließlich auf einen Vergleich.

Dennoch ist die Geschichte der Rybolowlews noch immer ein Schulfall dafür, wie die reichsten Menschen ihr Geld und ihre Güter auf Steuerparadiese verteilen. Und was das bedeutet, wenn die Ehe kaputt ist und es gilt, das Vermögen nicht nur aufzuteilen, sondern überhaupt wiederzufinden. Interne Dokumente der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca verraten, mit welcher Dringlichkeit die Anwälte Jelena Rybolowlewas im Scheidungsverfahren versuchten, Gemälde, Möbel und eine Yacht sicherzustellen, von denen sie glaubten, der Ehemann habe sie böswillig verschwinden lassen.

Das Material, das der Süddeutschen Zeitung zugespielt und von Journalisten weltweit ausgewertet worden ist, zeigt ferner, dass die Kanzlei ihre Verschleierungsdienste wohl auch bewusst im Zusammenhang mit Ehescheidungen geleistet hat. Vermögende Kunden (meist Männer) baten die Offshore-Experten bei Mossack Fonseca, Geld vor jemandem zu verstecken, den sie wohl noch mehr fürchteten als das Finanzamt: die eigene Ehefrau. Die Berater, denen nichts Menschliches fremd zu sein scheint, zeigten sich hilfsbereit.