Mode Die ehrenwerten Gentlemen von Kurdistan

"Du weißt ja, der Bart und die Haare, das braucht Zeit": Ahmed Nauzad (rechts) hat mit Gleichgesinnten einen Gentlemen's Club in Erbil gegründet.

(Foto: Instragram/Mr.Erbil)

Mitten im kurdischen Autonomie-Gebiet haben drei Freunde einen Klub für stilbewusste Herren gegründet. Dabei geht es um viel mehr als Mode: um eine Lebenseinstellung - und um Gleichberechtigung.

Von Paul-Anton Krüger

Ein Gentleman kommt nicht zu spät, und so sagt Ahmed Nauzad: "Lass uns lieber Viertel nach machen. Du weißt ja, der Bart und die Haare, das braucht Zeit." Er erscheint dann auf die Minute genau; und erscheinen ist genau das richtige Wort. Die schwarzen Haare exakt gescheitelt, der Vollbart auf der Oberlippe leicht gezwirbelt, unterm Kinn sauber getrimmt, gebürstet, seidig glänzend. Kräftiger Händedruck, ein gewinnendes Lächeln, blitzbraune Augen. Er trägt ein nachtblaues Jackett, graue Weste, weißes Hemd, dazu ein weißes Einstecktuch mit blauem Rand und eine beige Krawatte, von der noch zu reden sein wird.

Tour durch den Norden des Irak

mehr...

Ahmed Nauzad fällt auf hier, in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete im Irak, wo man Männer eher in billigen Anzügen sieht, in traditionellen Ranku Choxa, weiten Hosen, oder in Uniform, Mossul und die Front im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat sind keine 80 Kilometer entfernt. Lange Bärte verbinden hier viele nicht mit Dandys, sondern mit halsabschneidenden Dschihadisten. Zumindest war das so bis Februar 2016 - damals gründete Nauzad mit zwei Freunden "Mr. Erbil", den ersten Gentlemen's Club in Kurdistan und im Irak.

Vorbild: Herren in Edelzwirn bei der Modemesse in Florenz

"Wenn man was Neues anfängt, wird man immer skeptisch beäugt", sagt Nauzad, 27, der lange in Ludwigshafen gelebt hat. In vielen Dingen ist die kurdische Gesellschaft nach wie vor konservativ; lokale Medien in Erbil wollten anfangs nichts wissen von ihrer Idee. Dabei war eines ihrer Motive, das Image der Kurden in der Welt zu verbessern. "Es gibt kaum positive Berichterstattung", sagt Nauzad, "höchstens über die Peschmerga, aber auch das hat ja wieder mit Krieg zu tun. Kaum jemand weiß, wie es hier ist."

Ohne den Krieg aber hätten sich die drei Freunde vielleicht gar nicht wiedergetroffen. Nauzad kehrte aus Deutschland zurück, als im Sommer 2014 der IS bis auf 30 Kilometer an Erbil heranrückte. Seine Familie war vor Saddam Hussein an den Rhein geflohen, kehrte aber nach dessen Sturz 2003 heim. Er sah seine Zukunft in Europa, doch als die Bedrohung so nahekam, fühlte er die Pflicht zurückzugehen. "Alleine wenn du da bist, hilfst du deiner Familie", sagt er.

Und die Welt wird bunt

Wenn ein Ex-Boy-Band-Sänger im Hawaii-Hemd auftaucht, ist das üblicherweise nicht gut für sein Image. Anders bei Harry Styles - da ist es gut fürs Hemd. mehr ... SZ-Magazin

Wieder in Erbil wollte er seine alten Kumpels wiedersehen und traf Omer Nihad und Goran Pschtiwan, die drei waren einst zusammen in die Schule gegangen. "Wir haben schon immer ein Faible für Mode gehabt", sagt Nauzad. Ihre Vorbilder: die Herren, die in edlem Zwirn zur Mode- und Accessoire-Messe Pitti Uomo in Florenz auflaufen. Sie fanden mehr als 20 Gleichgesinnte, organisierten das erste Treffen. Die Bilder von den gut gekleideten Herren im ehemaligen Kriegsgebiet verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken, die hier das wichtigste Kommunikationsmittel der jungen Generation sind. Inzwischen haben sie 80 000 Follower auf Instagram. Mitte Januar berichtete das US-Internetportal Vocativ, dann kam die BBC. Seither können sie sich "vor Anfragen aus allen Kontinenten kaum retten", sagt Ahmed Nauzad.