Deutscher Fußball-Bund WM-Affäre: DFB geht gegen Beckenbauer und die Fifa vor

Franz Beckenbauer wird im Verband immer noch als "Lichtgestalt" betrachtet, dennoch geht der DFB jetzt gegen ihn vor.

(Foto: REUTERS)
  • Der DFB hat ein Verfahren gegen die gesamte einstige Spitze des Organisationskomitees der WM 2006 eingeleitet.
  • Darüber hinaus geht der Deutsche Fußball-Bund auch noch gegen den Weltverband Fifa vor.
  • Es geht um die fragwürdigen Umstände bei der Vergabe der WM 2006 und darum, etwaige Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe nicht verjähren zu lassen.
Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Klaus Ott

"Ja, wo samma denn", hat sich Franz Beckenbauer im Herbst vergangenen Jahres über den Deutschen Fußball-Bund (DFB) aufgeregt. Der Spruch wurde, wie manch andere Äußerung von ihm, ein Klassiker. Die DFB-Spitze hatte im Fernsehen von dem 70-Jährigen verlangt, er solle sich "intensiver" daran beteiligen, fragwürdige Umstände bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland aufzuklären. Beckenbauer entgegnete, er habe ein Gespräch angeboten, aber keine Antwort bekommen: "Was ist das denn für ein Niveau?"

Jetzt geht es aus Sicht der Betroffenen wieder um Stil- und Anstandsfragen, und diesmal ist nicht nur Beckenbauer betroffen. Der DFB hat nach Informationen von SZ, NDR und WDR aus Sorge, etwaige Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe könnten verjähren, still und heimlich ein in der Fußballbranche sehr ungewöhnliches Verfahren eingeleitet. Bei den Betroffenen sorgt das teilweise für große Aufregung.

Das Verfahren richtet sich gegen die gesamte einstige Spitze des Organisationskomitees (OK) der WM 2006. Also gegen den einstigen OK-Chef Beckenbauer; gegen die ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach; gegen den früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt; sowie gegen den Beckenbauer-Vertrauten Fedor Radmann.

Darüber hinaus geht der Deutsche Fußball-Bund auch noch gegen den Weltverband Fifa vor. Und gegen den Testamentsvollstrecker des 2009 verstorbenen früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus. Eine illustre Runde, von Beckenbauer über die Fifa bis hin zu Louis-Dreyfus. Ihnen könnte am Ende, auf Betreiben des DFB, ein Regress in Millionen-Höhe drohen. Das Verfahren, das seit einigen Wochen bei einer öffentlichen Schiedsstelle in Hamburg läuft, bekommt seine besondere Brisanz durch den Namen Beckenbauer.

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Der frühere Nationalspieler wird im Verband immer noch als "Lichtgestalt" betrachtet, weil er gleich drei WM-Titel gewonnen hat. Als Spieler (1974), als Teamchef (1990) - und als Bewerbungschef, der das Turnier 2006 nach Deutschland holte und zum Sommermärchen machte. Doch ausgerechnet über dem Sommermärchen liegt inzwischen ein Schatten, seit das Magazin Der Spiegel vor wenigen Monaten einen dubiosen Deal im Vorfeld der WM 2006 enthüllt hat.

6,7 Millionen Euro waren mit Hilfe von Louis-Dreyfus verschoben worden und am Ende vermutlich in einer schwarzen Fifa-Kasse gelandet. Seit Monaten durchleuchten Anwälte der Kanzlei Freshfields im Auftrag des DFB den Millionen-Deal. Zudem ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung. Strafen und Steuernachzahlungen stehen im Raum. Sollte dem DFB wegen der WM-Affäre rückwirkend sogar die Gemeinnützigkeit für das Jahr 2006 aberkannt werden, könnte der Gesamtschaden bis zu 25 Millionen Euro betragen. Um die "notwendigen Vorkehrungen" zu treffen, so teilt es der DFB mit, habe man sich an die ÖRA in Hamburg gewandt. ÖRA, das ist kein Vereinskürzel, das steht für Öffentliche Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle. "Verhandeln statt prozessieren", lautet deren Motto, beispielsweise bei Scheidungen. So weit ist es beim DFB und Beckenbauer noch nicht.

Der Fußball-Bund hat bei der ÖRA einen Antrag auf "Einleitung eines Güteverfahrens" gegen seine einstigen Spitzenleute sowie gegen die Fifa und den Testamentsvollstrecker von Louis-Dreyfus eingereicht. Solch ein Antrag hemmt die Verjährung; es sorgt also dafür, dass keine Ansprüche verloren gehen. Die 6,7 Millionen Euro waren von 2002 bis 2005 zwischen WM-OK, Louis-Dreyfus und Fifa hin- und her geschoben worden.

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Oftmals verfallen Ansprüche nach zehn Jahren, so dass sich der DFB und seine heutige Verbandsspitze Ende 2015 gezwungen sahen, zu handeln. Kurz vor Silvester wurde die ÖRA eingeschaltet. Ein Verfahren in Hamburg gilt unter Juristen als eine der einfachsten und preiswertesten Möglichkeiten, eine Verjährung zu verhindern.

Die ÖRA ist bundesweit zu einer festen Größe in solchen Fällen geworden. Sie wird mittlerweile gut 2500 Mal im Jahr als außergerichtliche Verhandlungsinstanz angerufen. Oft geht es um Handwerker-Rechnungen, Miet-Streitigkeiten oder Konflikte mit der Bank. Die große Fußball-Welt inklusive Franz Beckenbauer als Verfahren bei der ÖRA, das ist so neu und einmalig, dass einige der Betroffenen völlig überrascht waren, als sie davon erfuhren.

Und das nicht einmal durch die ÖRA selbst, die solche Anträge teilweise erst über Monate hinweg abarbeiten kann, sondern eher durch Zufall. Einige derjenigen, gegen die der Verband in Hamburg rein vorsorglich Ansprüche geltend gemacht hat, haben bislang offenbar nicht einmal den dort gegen sie eingereichten Antrag zu sehen bekommen.

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Aus dem Umfeld der ehemaligen OK-Leute heißt es, der DFB hätte das Problem auch eleganter lösen können als mit einem solchen Verfahren. Etwa mit einer einfachen Erklärung, wonach die betroffenen Herren im Falle einer späteren Auseinandersetzung darauf verzichteten, Verjährung geltend zu machen. Der DFB wiederum wollte offenbar lieber auf Zeit spielen und deshalb den scheinbar unauffälligen Weg über die ÖRA gehen, um niemanden zu verstimmen. Schließlich soll der eine oder andere Ex-Funktionär sein Wissen über die WM-Affäre preisgeben und so zur Aufklärung beitragen. Darauf setzt jedenfalls der DFB. Das Vorgehen gegen Beckenbauer & Co in Hamburg hat sich aber herumgesprochen, einige der alten Spitzenleute sind nun vergrätzt.