Venedig Invasion der Seemonster

Immer größere Kreuzfahrtschiffe laufen Venedig an - eine britische Organisation warnt vor den katastrophalen Folgen: Sie befürchtet, der Schiffverkehr könnte der Lagunenstadt "den Todesstoß versetzen".

Von Titus Arnu

Die Szene erinnert an den Science-Fiction-Film "Independence Day": Ein glitzerndes, fremdartig wirkendes Objekt schiebt sich langsam auf die Stadt zu. Es gleitet lautlos in Richtung Markusplatz, passiert die Pestkirche und biegt in den Giudecca-Kanal ein. An Bord des schimmernden Raum-Schiffes sind zum Glück keine feindseligen Außerirdischen, sondern nur 3000 Touristen.

Wenn moderne Kreuzfahrtschiffe die Lagunenstadt Venedig ansteuern, wirkt dies trotzdem wie eine Begegnung der dritten Art. Neben diesen schwimmenden Hochhäusern aus Stahl und Glas sieht die historische Stadt mit ihren Palazzi, kleinen Fußgängerbrücken und engen Kanälen aus wie Mini-Italien im Legoland. Die schwimmenden Luxushotels sind bis zu 300 Meter lang und 15 Stockwerke hoch. Sie bringen jährlich mehr als eine Million Touristen nach Venedig.

Das seien zu viele, beklagen Kritiker des Massentourismus; zu wenige, finden die Reiseveranstalter. Die führenden Kreuzfahrtunternehmen MSC und Royal Caribbean setzen längst noch größere Schiffe auf dem Mittelmeer ein. Die MSC Fantasia etwa ist 400 Meter lang und hat Platz für mehr als 4000 Passagiere.

Um zu ermöglichen, dass solche Giganten Venedig anlaufen können, soll der Hafen weiter ausgebaut werden. Nach Einschätzung von Umweltschützern könnte das aber der gesamten Lagune "den Todesstoß versetzen". Mehr Hochwasser und eine stärkere Belastung für die Gebäude wären die Folge, warnt nun die britische Organisation Venice in Peril (Venedig in Gefahr). Zusammen mit der Universität Cambridge stellten die Umweltschützer am Montag den "Venice Report" vor, einen Bericht über die Auswirkungen des Massentourismus für die Lagunenstadt.

Dem Bericht zufolge hat sich die Zahl der Kreuzfahrtschiffe vom Jahr 2000 bis heute von 200 auf 510 Schiffe pro Jahr erhöht. Zudem nimmt der Bericht geplante Großprojekte kritisch unter die Lupe; der Hafenausbau, ein neues Kreuzfahrtterminal und ein großes Luxushotel am Flughafen würden der Stadt mehr Schaden zufügen als nutzen, sagen die Umweltschützer. Durch die Pläne der Stadtverwaltung und der Reiseunternehmer werde der Untergang des einmaligen Kulturschatzes beschleunigt.

"Die Tatsache, dass immer größere Schiffe Zugang zur Lagune erhalten, ist für die Gesundheit der Natur nicht ohne Folgen", sagte die Ökologin Jane da Mosto. Auch die Gefahr durch Hochwasser werde zunehmen. Die Pläne der Hafenbehörde, den Ausbau des Schiffsverkehrs voranzutreiben, seien vor diesem Hintergrund katastrophal. Vorgesehen ist eine Vertiefung der Fahrrinnen, damit größere Schiffe ein- und auslaufen können, sowie ein neues Terminal im Industriegebiet Porto Marghera am Festland.

Aus Sicht der Kreuzfahrtpassagiere mag die Fahrt in den Hafen von Venedig zu den schönsten Erlebnissen ihrer Reise gehören. Die Sicht der Anwohner ist deutlich getrübt: Vom Rummel profitierten nicht die Venezianer, sondern die Reiseveranstalter, sagen Kritiker.

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