Skifahren in Frankreich Harmonie oder doch Hotels

Idylle im Dort Samoëns im Grand Massif.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Die Skiorte im Grand Massif versuchen, Erfolg und Tradition zu versöhnen. Wer die einzelnen Dörfer besucht, erlebt dort völlig verschiedene Welten.

Von Heiner Effern

Ausgewachsene Männer auf der Bühne, die auf Rädern Pirouetten drehen. Ein Mann mit Frack und Fliege, der auf einem Flügel die Melodien dazu spielt. Draußen auf der Veranda färben Scheinwerfer den frisch gefallenen Schnee violett und blau und orange. Dann begrüßt Manager Henri Giscard d'Estaing, der Sohn des früheren Staatspräsidenten Valéry, alle künftigen Gäste in der "außerordentlich schönen Landschaft" von Samoëns, die Naturbegeisterten, die Skifahrer, die Familien. Und schon ist auf dem Plateau oberhalb des Dorfs eine neue Vollbespaßungsanlage des Club Med eröffnet. Seither gilt auch hier in Hochsavoyen: Das Buffet ist immer reichlich gefüllt, der Tischwein frei, der Außenpool geheizt, und direkt hinter der Glastür des Skiraums warten die Pisten.

Unten im Ort zieht Pierre Bianco unter seiner Werkbank im Keller schwere Arbeitsgeräte hervor. Hammer, Meißel, Hacken, eines nach dem anderen legt er vor sich auf den Boden. Es sind Erbstücke seiner Familie, die viele Generationen lang von der Natur in Samoëns gelebt hat. Die Vorfahren Biancos schufteten als Steinhauer, sie bauten den Kalk in der Region ab und errichteten damit Kirchen, Kanäle oder Straßen in halb Europa.

Die Frahans, wie die Steinmetze aus der Region genannt wurden, arbeiteten auch im Auftrag Napoleon Bonapartes und Sébastian de Vaubans, des Baumeisters von Sonnenkönig Ludwig XIV. Bianco, der das Steinhauen als Künstler betreibt, ist einer der letzten seiner Art. Mit der neuen Attraktion oben am Berg kann sich einer wie er nur schwer abfinden. Disneyland fällt ihm dazu ein. "Das ist ein Vergnügungspark."

Jahrhunderte zogen die Männer aus Samoëns in die Ferne, um ihre Familien zu ernähren. Nun müssen die Menschen aus der Ferne nach Samoëns kommen, um den Einheimischen eine Zukunft zu ermöglichen. Die Frage ist: Wie viel wollen oder müssen die Nachfahren der Steinhauer dafür von ihrer Heimat preisgeben?

Der Tourismusdirektor will versöhnen

Nicolas Francfort will diese Frage lieber anders stellen, wie es sich für einen Tourismusdirektor gehört. Ihn treibt die Frage um: Wie kann man diese beiden Welten zusammenbringen, den gut zahlenden Touristen und den heimatbewussten Traditionalisten? Dafür hat er in den vergangenen Jahren ein Konzept entwickelt, das sehr banal klingt, Samoëns aber von den bekannteren klassischen Skiresorts wie Trois Vallées oder Portes du Soleil grundsätzlich unterscheidet. Er will die Kultur und die Menschen aus Samoëns zur Philosophie machen: "Lange haben den Gästen ein Appartement und ein großes Skigebiet gereicht, heute wollen sie ein breites Angebot haben, viel Atmosphäre, sie wollen französische Kultur spüren."

Samoëns soll mit den letzten Steinmetzen und deren geführten Touren punkten, mit der Käserei, mit den kleinen Läden, Geschäften und Cafés, dem nahen Naturreservat in Sixt-Fer-à-Cheval. "Wir wollen eine Beziehung zwischen Gastgebern und Urlaubern, ein Gefühl der Verbundenheit", sagt Francfort. Und natürlich lockt der Ort mit dem intakten Zentrum, das heute noch der graue Schiefer und das Holz aus der Region prägen.

Die verschachtelten Gassen protzen nicht mit exklusiven Läden, das Dorf strahlt nicht die Funktionalität der "Ski Factories" aus, wie der Tourismusdirektor die Konkurrenz gerne bezeichnet. Die alten, manchmal fast schroffen Häuser verströmen auch nicht das Puppenstuben-Flair der Provence, sie stehen für den rauen Charme Hochsavoyens. Die Betonsünden der in die Landschaft gepflanzten Skiresorts hat das Dorf im Tal weitgehend vermieden, nur auf dem Plateau in 1600 Metern Höhe zeugen noch einige Bauten neben dem neuen Club Med von der Zeit des Geldrauschs in den französischen Alpen.

Dabei gehörte Samoëns zur ersten Generation der französischen Skiorte, wie die berühmten Nachbarn in Chamonix. Zwar genießt das nur gut eine Autostunde von Genf entfernt gelegene Dorf keinen vergleichbaren Ruf, dennoch verfügt es zusammen mit den Orten Morillon, Les Carroz, Sixt-Fer-à-Cheval und Flaine über ein respektables Skigebiet, das Grand Massif. 68 Lifte und Bahnen befördern die Skifahrer in die Höhe. Für die Abfahrten stehen 265 Kilometer Pisten bereit. Mehr als die Hälfte davon sind als leicht zu bewältigen eingestuft. Wenn die Wolken gnädig sind und sich verziehen, lässt sich der Mont Blanc mit seiner beeindruckenden Silhouette blicken. Obwohl das Grand Massif für französische Verhältnisse eher niedrig liegt - der höchste Punkt des Skigebiets kommt auf 2480 Meter -, gilt es aufgrund seiner Lage und der vielen Nordhänge als schneesicher.

Wie eine andere Welt: Flaine mit seiner Bauhaus-Architektur.

(Foto: VIEW Pictures/mauritius images)

Fährt man nun mit den Skiern von Samoëns hinüber nach Flaine, wechselt man abrupt die Welten. Bis vor 60 Jahren lebten dort Steinböcke und andere Wildtiere, doch das Unternehmer-Ehepaar Éric und Sylvie Boissonnas träumte von einer Skistation der besonderen Art. Sie wollten einen völlig neuen Ort schaffen, der Massentourismus und Umwelt in Einklang bringt. Mensch, Natur und Kultur sollten eine moderne Einheit bilden. Sie übertrugen dem Bauhaus-Architekten Marcel Breuer, der unter anderem das 1958 eröffnete Palais der Unesco in Paris konzipiert hatte, die Planung. Breuer nahm den grauen Stein der Region auf, schuf ein Dorf aus Beton, hohe, teils spektakulär überhängende Bauten, die mit den Formen des Hochgebirges spielten. Das Zentrum wurde autofrei geplant, und die Flaneure können sich heute noch an Skulpturen von Jean Dubuffet und Pablo Picasso erfreuen.

Ein anspruchsvolles Experiment im Vergleich zu den Silobauten wie zum Beispiel in Les Menuires, der kleinen Schwester des berühmten Skiorts Val Thorens. Doch im Grand Massif reichte das alternative Angebot bis heute nicht, um die anspruchsvollen Skifahrer zu Stammgästen zu machen. Jene Spezies von Wintersportlern, die sich auf der Anfahrt mit Vorräten eindeckt, im einfachsten Hochhaus-Appartement übernachtet und die Retorten-Architektur in der grandiosen Kulisse hinnimmt, um sechs Tage am Stück die steilsten Hänge zu bezwingen. Nur 50 Prozent der Urlauber sind in Samoëns Stammgäste, der Ort muss sich immer wieder neu anbieten.

Dafür müssen die knapp 2500 Einwohner Kompromisse eingehen. Auch im Winter stehen Baukräne am Rand des Ortes, der auf nur 700 Metern Seehöhe liegt und sich über ein weites Plateau erstreckt. Genug Platz ist also da für neue Zimmer und Residenzen, für die sich der Tourismuschef Francfort vor allem eines wünscht: vollen Service und Wellness. Denn die Anfragen der reinen Selbstversorger gingen zurück. Samoëns verfügt über 22 000 Gästebetten, nur etwa 400 davon befinden sich in einem Hotelzimmer. Diese Zahl soll nun rapide steigen. Parallel dazu soll zunehmend ein Hotel-Vollservice für Appartements angeboten werden. Den Trend zu mehr Luxus liest Francfort auch am Verhalten der Geldgeber ab, die nicht mehr aus dem Ort, sondern aus der ganzen Welt kämen. "Sie wollen in Hotels investieren."

Das mit dem Geld aus dem Ausland gilt auch für den Club Med auf dem Hochplateau, der alleine so viele Hotelzimmer anbietet wie bisher der gesamte Ort. Hinter der französischen Traditionsmarke stehen chinesische Investoren, die am Berg diesen erstaunlich großen Komplex errichten durften. Auch wenn die abgeschlossene Clubwelt wenig mit dem neuen Konzept von Samoëns gemein hat, den Werbeeffekt nimmt man gerne mit. "Für uns ist das ein Zeichen, dass wir eine ganze besondere Destination sind", sagt Francfort.

Auf der anderen Seite trennen Einwohner wie den Bildhauer Bianco und den Club Med viel mehr als die 13 Kilometer Straße mit den gefühlt 100 Kehren. "Alles ist eine Frage des Geldes", sagt der Künstler, das Dorf müsse aufpassen, seine innere Harmonie und auch die Harmonie des Ortsbildes nicht zu verlieren. Doch auch Bianco weiß, dass die Menschen hier nicht mehr nach der Menge des abgebauten Steins bezahlt werden wie seine Vorfahren, die er oben im Wohnzimmer auf einem Foto vom Anfang des 20. Jahrhunderts stolz präsentiert. An der Wand hängt ein Gruppenfoto der Skischule. Und ja, sagt Bianco, das Plateau oben am Berg kenne er auch bestens. "Da habe ich vor Jahrzehnten die ersten Skikurse gegeben."

Reiseinformationen

Anreise: Mit dem Auto oder Flugzeug nach Genf. Von dort benötigt man im Pkw oder Taxi für die 50 Kilometer noch etwa eine Stunde nach Samoëns. Die Bahn fährt nur bis ins 20 Kilometer entfernte Cluses.

Übernachtung: Direkt an der Piste: Club Med, all inclusive, Doppelzimmer pro Woche ab 3780 Euro für zwei Personen, www.clubmed.de Im Ort: La Reine des Prés, Dreizimmer-Appartement für sechs Personen ab 1911 Euro, www.cgh-residences.com

Auskünfte zum Ort und zum Skigebiet: www.samoens.com und www.grand-massif.com; Anmeldung zu den geführten Touren der Steinhauer-Gilde über die Tourist-Info, Telefon: 0033 / 33 4 50 34 40 28 Auskünfte zu Flaine: www.flaine.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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