Weiße Bären in Kanada "Das ist nicht Disneyland"

"Weißer Schwarzbär", so nennt ihn der Volksstamm, der hier im Nordwesten Kanadas heimisch ist.

(Foto: Daisy Gilardini/Getty Images/Perspectives)

Auf Gribbell Island in Kanada leben Geisterbären. Menschen können ihnen erstaunlich nahe kommen. Doch das ist gefährlich - für die Tiere.

Von Florian Sanktjohanser

Seit Stunden starren die Touristen immer wieder auf einen weißen Fleck im Urwald. Dort, hinter den Büschen am anderen Ufer, liegt Boss. Ein Geisterbär, der Herrscher über diesen Fluss im Regenwald von British Columbia. "Ich sah ihn, wie er sein Territorium gegen andere Bären verteidigte und Hunderte Lachse fing", sagt Kevin Smith. Doch nun ist Boss verletzt, wahrscheinlich ist seine Tatze gebrochen. Wird er nochmal aufstehen? Die Touristen bangen, sie alle wollen einen Geisterbären sehen. "Das hier ist nicht Disneyland", sagt Smith. "Das ist Leben und Tod am Fluss."

Der Geisterbär ist die Ikone dieses Regenwalds im Nordwesten Kanadas. Den First Nations ist er heilig, selbst in den Rauschjahren des Pelzhandels war er tabu. "Weißer Schwarzbär" nennen ihn die Tsimshian zutreffend. Und doch ist der Kermodebär, eine Unterart des Amerikanischen Schwarzbären, kein Albino. Eine rezessive Mutation des Gens MC1R lässt sein Fell erbleichen.

Dem exakt gleichen Gen verdankt Kevin Smith seinen roten Vollbart, der perfekt zu den wasserblauen Augen und seiner Kapitänswürde passt. Sein halbes Leben schon kreuzt der 46-Jährige durch den Great Bear Rainforest, ein 400 Kilometer langes Labyrinth aus Fjorden, Buchten, Meerengen und Inseln, größer als die Schweiz. Die einzige Art, hier zu reisen, ist per Boot. Und das schönste Boot hat Kevin Smith.

Lange wurde der Wald hemmungslos abgeholzt. Heute sind weite Teile geschützt

Die Maple Leaf, 1904 vom Stapel gelaufen, ist ein prächtiger Zweimaster, mit weißem Bug, blauen Segeln und Holzdeck. Zuerst war sie die Yacht eines Geschäftsmanns, dann ein Heilbutt-Boot. Mittlerweile ist sie das älteste Schiff in Kanada, das noch fährt. "Die Menschen verlieben sich in dieses Boot", sagt Smith. Menschen wie das englische Rentnerpaar an Bord. Die beiden Segler haben die Reise schon zum zweiten Mal gebucht. Beim ersten Mal habe es eine Woche durchgeregnet, erzählen sie. Trotzdem war es schön genug, dass sie zurückgekommen sind.

Warum, versteht man spätestens, als das Schiff an Princess Royal Island entlangtuckert. Die Sonne bricht durch die Wolken und lässt die rundgeschliffenen Granitköpfe glitzern, Wasserfälle ädern die steilen Regenwaldhänge der Fjorde. Als Zugabe spannt sich ein intensiver Regenbogen über das geflutete Yosemite-Abbild. Fjordland heißt dieser Provinzpark, "einer der schönsten Teile des Great Bear Rainforest", sagt Smith. "Und einer meiner Lieblingsorte auf der ganzen Welt."

Die Holzindustrie nannte die Gegend einst Midcoast Timber Supply Area. Ein Holzvorrat, mehr war der Regenwald für sie nicht. Der Kahlschlag lief auf industriellem Niveau. Bis sich 2016 Provinzregierung, Forstindustrie, Umweltschützer und indigene Völker nach langen Verhandlungen auf ein Abkommen einigten. 85 Prozent des Regenwalds sind nun geschützt, im Rest ist das Holzfällen strengen Auflagen unterworfen.

Ein Etappensieg, aber der Great Bear Rainforest bleibe gefährdet, sagt Smith. Er erzählt von einem geplanten Hafen für Flüssiggas und von Zuchtlachsen, die Krankheiten auf Wildlachse übertragen. Bis ihn ein Schrei des ersten Maats unterbricht: "Wal!" Alle stürmen an Deck. Es ist ein Buckelwal. Er prustet ein paar Fontänen in die Luft, zeigt seinen schwarzen Rücken und zum Abschied die Schwanzflosse, bevor er abtaucht. Die Gäste fotografieren begeistert. Sie wissen nicht, was noch kommt.

Wenn die Sonne durch die Wolken bricht, spannt sich schon mal ein Regenbogen über die bewaldeten Hänge.

(Foto: Florian Sanktjohanser)

Der erste Grizzly ist schon von Weitem zu sehen, während das Beiboot gegen die Strömung in den Mussel River röhrt. Ein fetter Alphabär, der am Strand nach Krabben gräbt. Als er davontrottet, richten sich Ferngläser und Kameras auf Bär Nummer zwei, der gerade einen Lachs filetiert. Er ist deutlich kleiner, hebt immer wieder ruckartig den Kopf und blickt sich um. "Bären vermeiden Kämpfe", erklärt Smith. "Jede Verletzung kann in der Fressphase vor dem Winterschlaf tödlich sein."

Ein Schiffsjunge entdeckt einen dritten Bären auf der Landzunge hinter dem Boot. "Jetzt sind wir von Grizzlys umzingelt", sagt Smith. Er erklärt noch einmal die Regeln, bevor er das Schlauchboot aufs Ufer setzt: Beisammen bleiben und die Bären nicht verärgern, weder durch Rufen noch durch Blitzen. Langsam nähern sich die Besucher dem zweiten Bär - bis er plötzlich auf sie zutrabt. Hinter ihm ist der Oberbär aus dem Busch gebrochen. Das Grüppchen rückt noch enger zusammen, Weglaufen wäre jetzt das Dümmste. Erstarrte Spannung. Doch der kleinere Bär guckt nur kurz herüber. Und geht als Schattenriss fotogen vor Meer, Schiff und untergehender Sonne den Strand entlang.