Wahl zum Bundespräsidenten Diesmal muss es eine Bundespräsidentin werden

Acht Frauen kandidierten bisher für das Amt des Bundespräsidenten (oben, von links nach rechts): Annemarie Renger (Foto aus dem Jahr 2005), Luise Rinser (Foto aus dem Jahr 1992), Hildegard Hamm-Brücher (Foto aus dem Jahr 1998), Luc Jochimsen (Foto aus dem Jahr 2010). Unten (von links nach rechts): Uta Ranke-Heinemann (Foto aus dem Jahr 1997), Dagmar Schipanski (Foto aus dem Jahr 2000) Gesine Schwan (Foto aus dem Jahr 2008) und Beate Klarsfeld (Foto aus dem Jahr 2012).

(Foto: picture alliance / dpa)

Frauen werden bisher nur für das höchste Staatsamt vorgeschlagen, wenn absehbar ist, dass sie die Wahl nicht gewinnen. Damit muss endlich Schluss sein.

Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Acht Frauen haben bisher versucht, Bundespräsidentin der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Sie sind - und das war zu keinem Zeitpunkt überraschend - alle gescheitert. Sie wussten selbst vorher schon, dass es so kommen würde. Es war immer so: Wenn eine Partei keine ernsthafte Chance hatte, einen eigenen Kandidaten in das höchste Staatsamt zu befördern, dann durfte hin und wieder ein Frau als Zählkandidatin antreten.

Dass das nicht jedes Mal zu einem unwürdigen Schauspiel wurde, war den Persönlichkeiten zu verdanken, die sich dafür bereitfanden. Gesine Schwan, Dagmar Schipanski, Hildegard Hamm-Brücher, Luise Rinser, sie und andere haben schon die Kandidatur als große Ehre begriffen und verteidigt.

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Und dennoch: So sollte es nicht noch einmal kommen. Der nächste Bundespräsident muss eine Frau, eine Bundespräsidentin sein. Warum? Weil nichts dagegenspricht, und weil bislang genauso wenig dafürgesprochen hat, dass es ein Mann sein muss. Trotzdem waren die elf Bundespräsidenten alle männlich. Nicht alle waren - drücken wir es vorsichtig aus - ein Gewinn für das Amt. Viele haben es auch würdig ausgefüllt, waren beliebt, haben die Menschen mitgenommen. Aber das hing nicht mit dem Geschlecht zusammen.

Natürlich gibt es in Deutschland Frauen, die die nötigen Fähigkeiten mitbringen. Die integer und sprachgewandt, zugleich intellektuell herausfordernd und bodenständig sind. Von denen zu erwarten ist, dass sie in allen Disziplinen glänzen, was sich - mit Verlaub - nicht für alle bisherigen männlichen Bundespräsidenten sagen lässt.

Da aber bislang trotzdem nur Männer gewählt wurden, ist es offensichtlich, dass jetzt - endlich - eine Frau das Amt übernehmen muss. Deshalb muss dem SPD-Chef Sigmar Gabriel eine eklatante Rückständigkeit bescheinigt werden. Er hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier als möglichen Kandidaten der großen Koalition ins Gespräch gebracht.

Gegen Steinmeier lässt sich nicht viel sagen. Er ist beliebt, macht seinen Job hervorragend. Er ist im Grunde der Erste, der einem einfällt, wenn es darum ginge, einen geeigneten Kandidaten zu finden - wenn es denn um einen männlichen Kandidaten aus der SPD geht. Deshalb zeugt Gabriels Vorstoß von einer erheblichen Einfallslosigkeit. Und es verwundert, dass sich Steinmeier darauf eingelassen hat. Gabriel wird ihn ja hoffentlich um Zustimmung gebeten haben, bevor er den Namen des Außenministers in den Ring warf.

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Steinmeier wird es nämlich nicht werden. Dafür wird schon allein die CSU sorgen, die - ein dreiviertel Jahr vor der Bundestagswahl - sicher nicht einem SPD-Mann ins Schloss Bellevue verhilft.

Kanzlerin Angela Merkel tut sich offenbar schwer, selbst einen Kandidaten zu finden. Aber wäre es nicht ein wunderbarer Konter auf Gabriels Gestrigkeit, wenn sie eine Frau als Kandidatin der Union aufs Schild heben würde? Die erste Kanzlerin sorgt dafür, dass die erste Frau zur Bundespräsidentin wird. Es gibt schlechtere Arten, Geschichte zu schreiben.

Und was ist mit Namen? Nicht an dieser Stelle. Frauen, die den Job ausgezeichnet ausfüllen würden, gäbe es genug, keine Sorge. Es müssen auch nicht die sein, die einem immer sofort einfallen, von Margot Käßmann bis Gerda Hasselfeldt.

Wenn Merkel will, wird sie jemanden finden. Sie hat auch Horst Köhler gefunden. Ein Name, den 2004 niemand auf dem Zettel hatte. Ein blasser, aber anständiger Präsident ist er geworden, dessen einziger echter Malus der unnötige Rücktritt war.

Eine Frau als Kandidatin wäre übrigens auch eine Chance für eine parteiübergreifende Lösung, selbst wenn sie mit einem Parteibuch von CDU oder CSU ausgestattet wäre. Die Linke würde einer Frau von der Union nur zustimmen, wenn sie Gregor Gysi hieße. Doch SPD und Grüne würden sich einer herausragenden Frau im Amt des Bundespräsidenten nicht verschließen können.

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