Proteste in Russland Putins wahre Gegner

Seine Konkurrenten um das Amt des Präsidenten sind chancenlos - Wladimir Putins wahre Gegner findet man auf der Straße: Menschenrechtler, Künstler, Rockmusiker, Journalisten und Umweltschützer. Erstmals in seiner politischen Laufbahn ist der Ex-KGB-Agent mit Widerstand aus der Bevölkerung konfrontiert. Die wichtigsten Protestgruppen im Überblick.

Von Hannah Beitzer

Seit den Parlamentswahlen im Dezember 2011 gingen in Russland Tausende Menschen auf die Straße, um für mehr Demokratie zu demonstrieren. Doch wer steckt eigentlich hinter den Protesten?

Wahlen in Russland Proteste in Russland

Wer steckt hinter den Demonstrationen in Russland?

(Foto: Livejournal.com/Vkontakte)

Kritische Blogger

Seitdem Wladimir Putin zu Beginn seiner Amtszeit fast alle großen Medien unter staatliche Kontrolle gebracht hat, gilt das Internet in Russland als Insel der Meinungsfreiheit. Vor allem auf der Plattform Livejournal.com tummeln sich zahlreiche regierungskritische Blogger - der bekannteste von ihnen wurde zu einem der Köpfe der Proteste: Alexej Nawalny. Der Anwalt wurde mit seinem Blog gegen die allgegenwärtige Korruption in Russland bekannt. Von ihm stammt die Bezeichnung "Partei der Gauner und Diebe" für die Kreml-Partei Einiges Russland. Bei den Protesten im Dezember wurde er verhaftet und saß gut zwei Wochen im Gefängnis - währenddessen befüllten Freunde seinen Blog. Nawalny ist allerdings nicht ganz unumstritten: Er schreckt nicht vor nationalistischen Parolen zurück und beteiligte sich an Aktionen, die sich vor allem gegen die Bewohner des Kaukasus richten.

Umweltaktivisten

Selbst als Wladimir Putin noch Popularitätswerte von nahezu 100 Prozent hatte, gab es schon eine Gruppe, die ihn nicht besonders leiden konnte: Umweltschützer. Ihr Protest entzündete sich vor allem an der geplanten Rohdung eines Waldstücks nahe der kleinen Stadt Chimki, die wenige Kilometer von Moskau entfernt liegt. Dort sollte unter anderem eine Autobahn von Moskau nach Sankt Petersburg gebaut werden. Die Proteste waren ein kleiner Vorgeschmack darauf, was man nun auf Russlands Straßen beobachten kann: Zahlreiche Anwohner begehrten gegen die Abholzung auf, die Medien berichteten über die Demonstrationen - nicht ohne Folgen: ein Journalist, der kritisch über das Projekt berichtete, wurde ins Koma geprügelt. Eines der bekanntesten Gesichter der Umweltbewegung ist Jewgenija Tschirikowa. Ihr wurde mit dem Entzug des Sorgerechts für ihre Kinder gedroht, einige ihrer Mitstreiter wurden zusammengeschlagen.

Oppositionelle Journalisten

Oppositionelle Journalisten leiden besonders unter Putin: Schon kurz nachdem dieser im Jahr 2000 das Präsidentenamt von Boris Jelzin übernommen hatte, begann er, die Medien auf Linie zu bringen. Er konzentrierte sich dabei besonders auf das Fernsehen, das Medium mit der größten Reichweite und dem größten Einfluss auf die Meinung der Bevölkerung. Der kremlkritische Fernsehsender NTW wurde von dem teilstaatlichen Konzern Gazprom übernommen, auch der pro-westliche Sender ORT geriet unter Kontrolle des Kreml. Journalisten, die dennoch kritisch über Putin und seine Politik berichten, leben seitdem gefährlich: Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen Reporter eingeschüchtert, zusammengeschlagen oder gar getötet wurden. Das bekannteste Opfer ist wohl die 2006 getötete Journalistin Anna Politikowskaja - ihre Mörder sind bis heute nicht belangt worden. Kein Wunder also, dass sich auch viele Journalisten unter den Putin-Gegnern finden. Zum Beispiel Leonid Parfjonow: Der namhafte Fernsehjournalist wurde 2004 vom Sender NTW gefeuert, als er gegen die Zensur aufbegehrte. Oder auch die Fernsehjournalistin Olga Romanowa: Das Gründungsmitglied der "Liga der Wähler" setzte sich für die Freilassung ihres wegen Wirtschaftsverbrechen inhaftierten Ehemannes Alexej Koslow ein.

Künstler

Auch zahlreiche Künstler können mit Putin nicht viel anfangen. Der populäre Krimiautor Boris Akunin, dessen historische Romane um den Agenten Fandorin auch in Deutschland bekannt sind, setzt sich unter anderem für die Freilassung des inhaftierten Ölmagnaten Michail Chodorkowski ein. Als er gemerkt habe, wie viele Menschen gegen das System von Wladimir Putin seien, habe es für ihn kein Zurück mehr gegeben, beschreibt er sein Engagement.

Der Journalist und Dichter Dmitrij Bikow ist Teil des Projekts "Bürgerdichter". Er schreibt Verse über Putin und die Politik, die von einem Schauspieler vorgetragen und im Internet gepostet werden. Am bekanntesten ist aber sicher Jurij Schewtschuk. Der Sänger der Rockband DDT spricht bei Konzerten über Politik und nimmt regelmäßig an Demonstrationen teil. 2010 kritisierte er gegenüber Putin vor laufenden Kameras die Einschränkung der Freiheitsrechte. Legendär sind inzwischen auch die Sponti-Auftritte der Punkband Pussy Riot. Mit Neonstrümpfen, Sturmhauben und Fäkalsprache schockiert die Underground-Gruppe Russlands Establishment - und will Putin eigenen Aussagen zufolge zu Fall bringen.

Menschenrechtler

Viele von ihnen träumten schon während der Sowjetunion von mehr Demokratie - vergeblich, wie sich nach dem Amtsantritt Wladimir Putins im Jahr 2000 herausstellte. Die frühere Dissidentin Ljudmila Alexejewa zum Beispiel setzt sich seit Jahrzehnten für die Menschenrechte in ihrem Heimatland ein. Sie ist Menschenrechtsberaterin des Präsidenten - und in dieser Funktion oft genug frustriert. Denn auch Menschenrechtler leben in Russland gefährlich, vor allem, wenn sie sich mit der Situation im Kaukasus beschäftigen: So wurden zum Beispiel 2009 die Aktivistin Natalja Estemirowa von der wichtigsten russischen Menschenrechts-Organisation Memorial und ihr Kollege Andrej Kulagin ermordet. Aber auch jenseits grausamer Verbrechen ist der Alltag für NGOs in Russland schwierig: Oft werden sie in ihrer Arbeit behindert.

Liberale und Linke

Solidarnost heißt die führende liberale Bewegung in Russland - und auch sie hat einige bekannte Köpfe zu bieten: Der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow gehört zu ihrem Führungskreis, er beteiligte sich wie viele andere Oppositionsvertreter an den jüngsten Protesten gegen das umstrittene Ergebnis der Parlamentswahl im Dezember. Hauptsächlich in Russland bekannt ist Boris Nemzow: Er war unter Boris Jelzin Vize-Regierungschef und wollte auch schon einmal Bürgermeister der Olympiastadt Sotschi werden. Politisch links davon stehen der umstrittene Schriftsteller Eduard Limonow von der Partei Das andere Russland und Sergej Udalzow, Chef der oppositionellen Linksfront. Beide werden oft bei Demonstrationen festgenommen, Udalzow wurde allein 2011 acht Mal zu kurzen Haftstrafen verurteilt.

Satiriker

Wenn gar nichts mehr geht, dann geht immer noch Humor: Im Protest gegen Putin überbieten sich seine Gegner jedenfalls mit kreativen Einfällen: So inszenierte die Studentin Ljudmila Alexandrowa sogenannte "Nanomeetings": Da sie und ihre Freunde in der sibirischen Stadt Barnaul nicht selbst demonstrieren durften, stellten sie kleine Puppen mit Protestschildern in den Schnee. Bereits legendär ist auch die "Bewegung der blauen Eimer". Die blauen Eimer, die sich die Mitglieder der Organisation auf die Autodächer kleben, sollen an die Blinklichter auf den Limousinen erinnern, mit denen sich die Elite in Russland tagtäglich rücksichtslos ihren Weg durch die überfüllten Straßen der Metropolen bahnt. Es gibt Reime, Lieder, Comics und Satire-Videos gegen Putin - zum Beispiel jenes, das Putin anstelle seines Intimfeindes Michail Chodorkowskij hinter Gittern zeigt.