Obama in Hiroshima Warum Japan keine Entschuldigung für Hiroshima will

US-Präsident Barack Obama (links) trifft Japans Premier Shinzo Abe.

(Foto: dpa)

Seit Jahrzehnten nutzt Tokio die Atombombe, um seine Schuld unter Trümmern zu begraben. Würde sich Obama für die Bombenabwürfe entschuldigen, geriete Japan unter Zugzwang.

Kommentar von Christoph Neidhart

Gästen gegenüber ist man höflich, seltenen, lange erwarteten Gästen gegenüber allemal. Insofern war es keine Überraschung, dass die Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama versicherten, sie erwarteten keine Entschuldigung, wenn er im Juni die Gedenkstätte für die Opfer der ersten Atombombenabwürfe besucht - als erster amtierender US-Staatschef überhaupt. Im August 1945 hatte die amerikanische Luftwaffe mit einer einzigen Bombe in Hiroshima etwa 80 000 Menschen getötet, die meisten waren Zivilisten. Ebenso viele Menschen wurden verletzt und verstrahlt. Nach dem Kriegsvölkerrecht kann ein derartig großer Angriff auf die Zivilbevölkerung durchaus als Verbrechen gelten.

Dennoch betonten sowohl die Bürgermeister der bombardierten Städte als auch Japans Außenminister Fumio Kishida, eine Entschuldigung Washingtons sei nicht nötig. Selbst die "Hibakusha", die Überlebenden der Atomangriffe, forderten keine Worte des Bedauerns von Obama, so berichteten Medien - obwohl zugleich eine Umfrage ergab, dass 56 Prozent sich genau das von dem Gast wünschten.

Denn in Wahrheit ist die Lage so: Nicht das japanische Volk oder die Hibakusha wollen keine Entschuldigung der USA, sondern die Regierung von Premierminister Shinzo Abe. Sie fürchtet ein amerikanisches Bedauern sogar. Das Grauen, für das die Namen Hiroshima und Nagasaki bis heute stehen, hat es Japan nämlich ermöglicht, sich in seinem Selbstverständnis am Ende des Krieges vom Aggressor, der sich in vielen Regionen Asiens unzähliger Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hatte, in ein Opfer amerikanischer Brutalität zu verwandeln. Als hätten die Atombomben Japans Schuld unter ihren Trümmern begraben.

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Die Reise ist von großem symbolischen Wert: Im August 1945 hatten US-Streitkräfte Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen und damit Japan zur Kapitulation im Zweiten Weltkrieg gezwungen. mehr ...

Japan ist ein Opfer ohne Täter - jedenfalls darf kein Täter genannt werden. "Ruhet in Frieden, wir werden den Fehler nicht wiederholen", lautet die Inschrift an der Gedenkstätte in Hiroshima. Wer dieses "Wir" ist, steht nirgends. Während der Besatzungszeit unterdrückten die USA alle Informationen über die Atombomben. Die Hibakusha wurden zum Schweigen gezwungen. Seither hat Tokio sich militärisch an Washington gebunden.

Eine Militärallianz, erbaut auf den Trümmern der Bombe

Die Amerikaner rechtfertigen sich, die Atombomben hätten den Zweiten Weltkrieg im Pazifik schneller beendet und damit sogar Leben gerettet; die Japaner glauben, ihre Regierung habe sich, wie es der Kaiser in seiner Kapitulationsrede sagte, wegen der "neuen Waffe" ergeben. Historiker haben beide Mythen widerlegt, doch Tokio und Washington haben ihre Militärallianz auf sie gebaut. Die Folge: Die USA müssen sich nicht entschuldigen, und Tokio musste sich als vermeintliches Opfer nie seinen Kriegsverbrechen stellen. Zeigte Obama in Hiroshima Reue, brächte er Abe damit in Zugzwang, sich bei den einst von Japan geschundenen Völkern Asiens zu entschuldigen. Und daran denkt der Regierungschef nicht.

In internationalen Gremien tritt Japan - als das einzige Opfer von Atombomben - für die nukleare Abrüstung ein. Aber seine Sicherheitspolitik stützt sich wesentlich auf den atomaren Schutzschild der USA. Die Regierung in Tokio nutzt die Hibakusha aus, um Japans Opferrolle zu belegen, vernachlässigt sie aber sonst. Viele Betroffene mussten sich Hilfe vor Gericht erstreiten, manchen wurde sie verweigert.

Mit der Ankündigung von Obamas Besuch in Hiroshima sind diese Widersprüche wieder aufgebrochen. Zahlreiche Hibakusha wünschen sich eine Entschuldigung von Obama, selbst wenn das Abe zwänge, sich ähnlich zu äußern. Dazu wird es nicht kommen. Doch Obama sollte den Überlebenden wenigstens zuhören. Sonst gerät sein Besuch zum bloßen Fototermin.

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