300 Jahre Friedrich der Große Der schwule Fritz

Genialer Feldherr, toleranter Fürst, Philosoph auf dem Thron: Friedrich II. avancierte in den vergangenen drei Jahrhunderten zum gut ausgeleuchteten deutschen Vorbild. Am nächsten stand dem Preußenkönig sein Kammerdiener Fredersdorf. Ihm vertraute Friedrich blind bei Geld, Spionen und Hämorrhoidenleiden. Der erhaltene Briefwechsel zwischen König und Diener zeigt den Alten Fritz ohne Legende - dafür voller Liebe.

Von Oliver Das Gupta

"Ich küsse den Docter, wan er Dihr gesundt macht! (...)...ich wollte Dihr so gerne helffen, als das ich das leben habe", versicherte Friedrich II. in einem seiner vielen Briefe seinem engsten Vertrauten Michael Gabriel Fredersdorf. Offiziell bekleidete der viele Jahre kränkelnde Empfänger ein Amt mit dem schnöden Titel "geheimer Kämmerier" des preußischen Monarchen.

Tatsächlich kumulierte sich bei dem Diener immense Macht, er übte wichtigste Funktionen aus: Fredersdorf verwaltete Friedrichs Schatulle, kontrollierte den Zugang zum Monarchen, orderte Künstler und Kunstwerke, installierte sogar die wohl erste preußische Spionageabwehr. "Le grand factotum du roi Frédéric", nannte ihn Voltaire, Fredersdorf war Friedrichs "Mädchen für alles". Ein anderer Zeitzeuge bezeichnete ihn als heimlichen "Premierminister", der "im Grunde alle Hofämter" ausfülle.

Der Diener sei, so gestand der König seinem Bruder August Wilhelm vor einer Schlacht, einer der sechs Menschen, die er "am meisten geliebt" habe. Und doch spielen jener Fredersdorf und sein Verhältnis zum Alten Fritz in der Fachliteratur bislang höchstens eine Nebenrolle.

Der 300. Geburtstag des knorrigen Preußenkönigs hat zu einer wahren Schwemme an Publikationen geführt. Friedrich, der schon zu Lebzeiten "der Große" genannt wurde, avancierte nach seinem Ableben 1786 zum deutschen Universalheroen: Da ist der geniale wie todesmutige Feldherr, der mit den eigenen Truppen ins Kampfgetümmel galoppierte. Und der aufgeklärte Absolutist, der Toleranz predigte und sich als erster Diener des Staates verstand. Schließlich der Schöngeist, der komponierte und Flöte spielte, der philosophische Abhandlungen und Gedichte verfasste, mit den Größen seiner Zeit korrespondierte und Voltaire an seinen Hof nach Sanssouci holte.

Generationen nach ihm beriefen sich immer wieder auf den Mann, der am 24. Januar 1712 zur Welt kam. Dass der König Zynismus und bisweilen Gemeinheiten verspritzte und auch in seinen Regierungsgeschäften bei weitem nicht immer glücklich agierte, wurde von einer wuchtigen Verklärung überdeckt. Friedrich, das war Vorbild und Maßstab, das war der Beweis von Preußens Größe und Deutschlands Überlegenheit: "Ein Nachfolger Friedrichs des Großen dankt nicht ab", verkündete folgerichtig Kaiser Wilhelm II. noch 1918 - wenige Monate später floh das labile Großmaul ins Exil.

Auch die Nazis beriefen sich auf den Preußenkönig

Die Nationalsozialisten stellten Adolf Hitler in eine Reihe mit Friedrich, dem Reichsgründer Otto von Bismarck und dem Weltkriegshelden Paul von Hindenburg: der Hohenzollernfürst als Vorläufer für einen durchgeknallten Völkermörder. Dabei stellte der "subtile, Französisch sprechende, sexuell ambivalente Flötenspieler" genau das dar, was der nationalsozialistischen Ideologie zuwiderlief, wie der britische Historiker Christopher Clark einmal formulierte.

Noch im April 1945 klammerte sich Hitler an den Nimbus Friedrichs, der in Schlachten triumphierte und trotz mancher Niederlage den Krieg nicht verlor. Als einziger Wandschmuck im Führerbunker diente ihm ein Porträt des Hohenzollern.

Wenige Jahre zuvor überraschte Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß den Tyrannen zum 50. Geburtstag mit einem besonderen Präsent: Er schenkte ihm Dutzende Briefe Friedrichs an Fredersdorf, die prima zur antisemitischen Staatsdoktrin passten. Die Korrespondenz enthielt judenkritische und judenfeindliche Äußerungen des Königs. Was die Nazis bei der Durchsicht der erst wenige Jahre zuvor aufgetauchten Briefe ingnorierten: der intime Ton, in dem sich der König und Fredersdorf austauschten.

Historisch wertvoll sind die etwa 300 erhaltenen oder dem Inhalt nach bekannten Papiere, weil sie Fridericus Rex ohne Legende zeigen. Fern der Etikette schrieb der König Klartext mit "dem einzigen ihm wirklich Vertrauten" (Biograph Christian von Krockow). Beide verband wohl auch eine Beziehung, die, zumindest zeitweise, auch körperlicher Natur war. "Vermutlich hatten die beiden am Anfang auch Sex", sagt die Historikerin Eva Ziebura in der Welt und fügt hinzu: "Im 18. Jahrhundert stellte man sich da nicht so an."

Als ob ein schwuler Herrscher eine Schande wäre

Fredersdorf habe Friedrich in frühen Jahren "in mehr als einer Weise zur Aufmunterung" gedient, schrieb seinerzeit der mit Friedrich zeitweise verkrachte Voltaire. Später interessierte sich Friedrich für andere Männer, doch dessen ungeachtet blieb das Verhältnis unverändert eng - und Fredersdorfs Kompetenzen wuchsen im Hintergrund. Mit Blick auf die mächtige Mätresse des französischen Königs Ludwig XV. hat der Münchner Friedrich-Biograph Wolfgang Burgdorf einen passenden Titel für Fredersdorf: "preußische Pompadour".

Bis in die Gegenwart scheuen sich viele Geschichtswissenschaftler, die Neigung Friedrichs zu Männern zu thematisieren. Als ob ein schwuler Herrscher eine Schande wäre, als ob die Homosexualität Friedrichs seine historische Größe schrumpfen würde.

Der Historiker Johannes Kunisch etwa beharrt darauf, dass es "keinen ernstzunehmenden Hinweis" auf seine Homosexualität gebe. Eine gewisse Empörung ist manchen Autoren durchaus anzuermerken: "Sind heutige Schulmädchen, die sich, wie es in Mode gekommen ist, zur Begrüßung auf den Mund küssen, gleich Lesben?", fragt der Journalist Tom Goeller in seiner Abhandlung Der Alte Fritz.

Hans Joachim Neumann, langjähriger Klinikdirektor an der Berliner Charité, schrieb schon vor Jahren in seinem Friedrich-Buch, der König habe sich nur homosexuell verhalten - wenn er zum Beispiel seine "wahre Achtung für den griechischen Geschmack in der Liebe" kundgetan habe. Doch für eine "echte Homosexualität" würden die Beweise fehlen, behauptete der Mediziner.