Irak Wer die Toten von Mossul ignoriert, nimmt den nächsten Krieg in Kauf

Während der Gefechte in Mossul Anfang Juli dieses Jahres trauert ein Mann um seine getötete Tochter.

(Foto: dpa)

Der Preis für die Befreiung vom IS war viel höher als angenommen. Die internationale Koalition will das nicht wahrhaben. Damit legt sie die Saat für den nächsten Konflikt.

Kommentar von Moritz Baumstieger

Der Trend zur Urbanisierung macht auch vor den Kriegen nicht halt, gekämpft und gestorben wird heute vor allem in den Städten. Ob in Aleppo, Mossul, Raqqa oder nun in Sanaa: Aufständische haben erkannt, dass im Häusermeer der Metropolen ein idealer Kampfplatz steckt.

Vorbei sind die Zeiten, in denen der Vietcong im Dschungel abtauchte oder sich die Mudschahedin in den entlegenen Berghöhlen Afghanistans verkrochen. Heute liegen die Verstecke in den Kellern der Häuser, Schutz bietet die Masse der Zivilisten. So wird die Stadt wieder zur Festung: Sie ist kaum einzunehmen, aber steckt voller symbolischer Ziele, die der Gegner angreifen muss.

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Zahlen der Opfer wohl zehnfach höher als offiziell anerkannt

Die Eroberungen der Städte wird oft verbrämend Befreiung genannt, ihr Preis ist häufig die weitgehende Zerstörung. Das haben die schockierenden Drohnenvideos bewiesen: Da, wo einmal Mossuls Altstadt stand, sind nichts als Trümmer übrig geblieben. Unter diesen Trümmern liegen tote Zivilisten, das ist offensichtlich.

Über deren Zahl wird jedoch heftig gerungen. Die internationale Militärkoalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gibt niedrige Werte an, offenbar will sie den Eindruck erwecken, dass hier ein Präzisionskrieg geführt worden war. Wer diese Angaben anzweifelt, erhält zur Antwort, man werde die fraglichen Fälle untersuchen. Im Falle Mossuls sah sich das Militär bisher jedoch nicht in der Lage, ein Untersuchungsteam in die Stadt zu schicken.

Was der Koalition unter Führung der USA nicht gelingen will, schafften nun Reporter der Nachrichtenagentur AP: Sie sprachen mit Bestattern in Mossul, erhoben Daten, ergänzten diese durch Angaben der UN und von Nichtregierungsorganisationen. Das Ergebnis erschüttert: Die Zahl der Toten von Mossul liegt zehnfach höher als offiziell anerkannt, bei 9000 bis 11 000.

Wie viele Tote rechtfertigt die Befreiung einer Stadt?

Auch die neuen Untersuchungen belegen, dass der IS mit seinen menschenverachtenden Kriegstaktiken die meisten dieser Opfer zu verantworten hat. Ob es deshalb gerechtfertigt war, Tausende Einwohner für die Befreiung zu opfern - diese Frage können nur die Überlebenden mit ausreichender Autorität beantworten. Sie tun das recht unterschiedlich. Einige verehren die Toten von Mossul als Märtyrer, sie hätten mit ihrem Opfer weitere Jahre oder gar Jahrzehnte der Terrorherrschaft verhindert. Andere wenden ein, dass es kein Menschleben wert war, die Herrschaft der Zentralregierung über eine Stadt wiederherzustellen, die sie jahrzehntelang vernachlässigt hat.

Die internationale Militärkoalition gab ihre eigene Antwort auf dieses Dilemma. In dem Moment, in dem sie die erste Bombe auf IS-Stellungen warf, hat sie den Tod Unschuldiger in Kauf genommen - nun sollte sie sich auch dazu bekennen. Verantwortung trägt nicht nur, wer Menschen als Schutzschilder benutzt, sondern auch, wer auf diese Geiseln schießt.

Sich zu dieser Verantwortung zu bekennen, hat zum einen eine moralische Bedeutung: Wenn Syriens Diktator Baschar al-Assad Tausende Tote in Aleppo und anderen Landesteilen verhöhnt oder schlicht leugnet, ist die Empörung zu Recht enorm. Empören darf sich aber nur, wer selbst nicht angreifbar ist.

Doch auch, wer das Dilemma kühl mit politischen Argumenten abwägen will, muss den Opfern von Mossul Aufmerksamkeit schenken. Der IS konnte deshalb so stark werden, weil dem Schicksal der irakischen Sunniten sowohl in Bagdad als auch in Washington mit großer Gleichgültigkeit begegnet wurde. Nach der Befreiung Mossuls ist der nationale Neubeginn wieder abgewürgt worden - diesmal durch die Eskalation zwischen Kurden und Arabern. Wer nun die Toten von Mossul ignoriert oder gar verschweigt, anstatt ihnen ein Mahnmal zu bauen, nimmt den nächsten Krieg in Kauf.

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