IS im Irak Der Preis für die Befreiung Mossuls: Tausende Tote und eine Stadt in Trümmern

Die grüne Kuppel der 1170 erbauten Nuri-Moschee steht noch auf drei Säulen. Hier rief der Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat im Juli 2014 das Kalifat aus.

(Foto: Oliver Weiken/dpa)
  • Einst war Mossul eine reiche Stadt, ihre Bewohner stolz, heute ist sie eine lebensfeindliche Wüste.
  • Der süßliche Gestank der Verwesung dringt aus Trümmerhaufen, noch immer liegen Leichen darunter.
  • Um die Stadt wieder bewohnbar zu machen, sind 700 Millionen Dollar nötig.
Von Paul-Anton Krüger, Mossul

Das Haus von Raghib Kahwaji steht genau zwischen den Fronten. Da, wo auf den Landkarten der Altstadt von Mossul wochenlang das Schwarz der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf das Rot der irakischen Regierungseinheiten traf. Im Erdgeschoss hat der 57 Jahre alte ehemalige Flugzeugingenieur der irakischen Armee ein Elektrowarengeschäft betrieben. Darüber waren Lagerräume. Die Fassade hatte er mit gelben, orangen und grünen Kacheln verziert. Sie sind abgeplatzt, durchlöchert, teilweise auch der Beton darunter. Es sind die Spuren des härtesten Häuserkampfs seit dem Zweiten Weltkrieg, wie es der für die Operationen dort zuständige US-General Joseph Martin formuliert hat.

Im Falle von Kahwajis Haus hieß das: Im gegenüberliegenden Parkhaus hatten sich IS-Kämpfer verschanzt, am Busbahnhof in die andere Richtung die Antiterror-Spezialeinheiten. Wochenlang ging es keinen Meter vor oder zurück. Wochenlang flogen Tag und Nacht Maschinengewehrsalven, Granaten, Raketen hin und her.

Vom Busbahnhof ist ein verkohltes Gerüst aus bizarr verbogenen Metallträgern geblieben. Daran hängen Wellblechfetzen. Das war einmal das Dach, das Schutz gegen die glühende Sonne bot. Im Parkhaus stehen bis heute Autos, auf schiefen Betonflächen. Bomben der von den USA geführten Koalition haben die Decken durchschlagen, die Autofenster gesprengt. Nur die Stahlarmierungen haben verhindert, dass das Gebäude zusammenstürzt.

Ware für eine halbe Million Dollar sei zerstört oder geplündert

Im Erdgeschoss des Hauses lebte eine IS-Familie, Raghib Kahwaji und seine Söhne haben Decken gefunden, als sie mit dem Aufräumen begonnen haben. Lebensmittel und Kleider. Von Frauen und Kindern. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert ist. Im ersten Stock ist irgendein Geschoss eingeschlagen, eine Rakete vermuten sie. Wo einst deckenhoch Kartons mit Energiesparlampen gestapelt waren, fehlt heute die Fassade. Am Boden ein knöcheltiefer federweicher Teppich. Bei jedem Schritt knirschen die weißen Glasspiralen und Metallfassungen. Alles andere ist zu feiner Asche verbrannt. Im Stockwerk darüber mehr Kartons, unversehrt, die sie in das zweite Geschäft der Familie bringen.

Ware für eine halbe Million Dollar sei zerstört oder geplündert, sagt Kahwaji, der Jeans und ein blau kariertes Kurzarm-Hemd trägt, die grauen Haare seitlich gescheitelt. Er ist in Mossul geboren und hat sich hier ein neues Leben aufgebaut, nachdem er 1989, ein Jahr vor dem ersten Krieg mit den Amerikanern, aus der Armee des Diktators Saddam Hussein ausgeschieden war. "Sie haben nicht alles geplündert", sagte er mit leiser Stimme, und zeigt weitere Kisten mit Glühbirnen. Die Kabel freilich waren weg, mehrere Dutzend Kilometer. "Die konnten sie gebrauchen für ihre Bomben, für ihre Tunnel", sagt Kahwaji.

Der süßliche Gestank der Verwesung dringt aus Trümmerhaufen hervor

Die Altstadt von Mossul ist eine Ruinenlandschaft, erst jetzt, Monate nach dem Ende der Kämpfe, trauen sich manche der einstigen Bewohner zurück, um zu sehen, was von ihren Häusern geblieben ist, von ihrem Besitz - und ihren Angehörigen, Nachbarn, Freunden. Kahwaji hat die Stadt verlassen am Tag, als der IS einrückte. Er verbrachte drei Jahre in Dohuk und Erbil, in den Kurdengebieten.

Aber jetzt ist er zurückgekehrt, um seine Heimat wieder aufzubauen, die Altstadt, einst Herz der Handelsmetropole und zweitgrößte Stadt des Landes. "Mossul ist das Herz der Sunniten", sagte er. Die Regierung in Bagdad, von Schiiten dominiert, werde es nicht wieder herrichten. Aber Mossul sei immer eine reiche Stadt gewesen, ihre Bewohner stolz, sagt Kahwaji. Das gilt auch für ihn. "Der IS ist nicht umsonst hierher gekommen", sagt er. Lange bevor die Dschihadisten die Stadt überrannten, hatten sie Mossul unterwandert, erpressten Schutzgeld von Geschäftsleuten, zweistellige Millionensummen jeden Monat, in Dollar, versteht sich.

Welche Herausforderung es wird, die Stadt wieder aufzubauen, erschließt sich, wenn man über die Pontonbrücke nahe der zerbombten Jumhurriyah-Brücke vom Osten Mossuls über die grünen Fluten des Tigris in den Westen fährt. Über den Fluss hinweg hebt sich die Altstadt mit ihren Kuppeln grau ab von den umliegenden Vierteln. Es ist der Staub von Zement und Asche von den Bränden, die alles hier bedeckt. Eine lebensfeindliche Wüste.