Süddeutsche Zeitung

IS im Irak:Der Preis für die Befreiung Mossuls: Tausende Tote und eine Stadt in Trümmern

  • Einst war Mossul eine reiche Stadt, ihre Bewohner stolz, heute ist sie eine lebensfeindliche Wüste.
  • Der süßliche Gestank der Verwesung dringt aus Trümmerhaufen, noch immer liegen Leichen darunter.
  • Um die Stadt wieder bewohnbar zu machen, sind 700 Millionen Dollar nötig.

Von Paul-Anton Krüger, Mossul

Das Haus von Raghib Kahwaji steht genau zwischen den Fronten. Da, wo auf den Landkarten der Altstadt von Mossul wochenlang das Schwarz der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf das Rot der irakischen Regierungseinheiten traf. Im Erdgeschoss hat der 57 Jahre alte ehemalige Flugzeugingenieur der irakischen Armee ein Elektrowarengeschäft betrieben. Darüber waren Lagerräume. Die Fassade hatte er mit gelben, orangen und grünen Kacheln verziert. Sie sind abgeplatzt, durchlöchert, teilweise auch der Beton darunter. Es sind die Spuren des härtesten Häuserkampfs seit dem Zweiten Weltkrieg, wie es der für die Operationen dort zuständige US-General Joseph Martin formuliert hat.

Im Falle von Kahwajis Haus hieß das: Im gegenüberliegenden Parkhaus hatten sich IS-Kämpfer verschanzt, am Busbahnhof in die andere Richtung die Antiterror-Spezialeinheiten. Wochenlang ging es keinen Meter vor oder zurück. Wochenlang flogen Tag und Nacht Maschinengewehrsalven, Granaten, Raketen hin und her.

Vom Busbahnhof ist ein verkohltes Gerüst aus bizarr verbogenen Metallträgern geblieben. Daran hängen Wellblechfetzen. Das war einmal das Dach, das Schutz gegen die glühende Sonne bot. Im Parkhaus stehen bis heute Autos, auf schiefen Betonflächen. Bomben der von den USA geführten Koalition haben die Decken durchschlagen, die Autofenster gesprengt. Nur die Stahlarmierungen haben verhindert, dass das Gebäude zusammenstürzt.

Ware für eine halbe Million Dollar sei zerstört oder geplündert

Im Erdgeschoss des Hauses lebte eine IS-Familie, Raghib Kahwaji und seine Söhne haben Decken gefunden, als sie mit dem Aufräumen begonnen haben. Lebensmittel und Kleider. Von Frauen und Kindern. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert ist. Im ersten Stock ist irgendein Geschoss eingeschlagen, eine Rakete vermuten sie. Wo einst deckenhoch Kartons mit Energiesparlampen gestapelt waren, fehlt heute die Fassade. Am Boden ein knöcheltiefer federweicher Teppich. Bei jedem Schritt knirschen die weißen Glasspiralen und Metallfassungen. Alles andere ist zu feiner Asche verbrannt. Im Stockwerk darüber mehr Kartons, unversehrt, die sie in das zweite Geschäft der Familie bringen.

Ware für eine halbe Million Dollar sei zerstört oder geplündert, sagt Kahwaji, der Jeans und ein blau kariertes Kurzarm-Hemd trägt, die grauen Haare seitlich gescheitelt. Er ist in Mossul geboren und hat sich hier ein neues Leben aufgebaut, nachdem er 1989, ein Jahr vor dem ersten Krieg mit den Amerikanern, aus der Armee des Diktators Saddam Hussein ausgeschieden war. "Sie haben nicht alles geplündert", sagte er mit leiser Stimme, und zeigt weitere Kisten mit Glühbirnen. Die Kabel freilich waren weg, mehrere Dutzend Kilometer. "Die konnten sie gebrauchen für ihre Bomben, für ihre Tunnel", sagt Kahwaji.

Der süßliche Gestank der Verwesung dringt aus Trümmerhaufen hervor

Die Altstadt von Mossul ist eine Ruinenlandschaft, erst jetzt, Monate nach dem Ende der Kämpfe, trauen sich manche der einstigen Bewohner zurück, um zu sehen, was von ihren Häusern geblieben ist, von ihrem Besitz - und ihren Angehörigen, Nachbarn, Freunden. Kahwaji hat die Stadt verlassen am Tag, als der IS einrückte. Er verbrachte drei Jahre in Dohuk und Erbil, in den Kurdengebieten.

Aber jetzt ist er zurückgekehrt, um seine Heimat wieder aufzubauen, die Altstadt, einst Herz der Handelsmetropole und zweitgrößte Stadt des Landes. "Mossul ist das Herz der Sunniten", sagte er. Die Regierung in Bagdad, von Schiiten dominiert, werde es nicht wieder herrichten. Aber Mossul sei immer eine reiche Stadt gewesen, ihre Bewohner stolz, sagt Kahwaji. Das gilt auch für ihn. "Der IS ist nicht umsonst hierher gekommen", sagt er. Lange bevor die Dschihadisten die Stadt überrannten, hatten sie Mossul unterwandert, erpressten Schutzgeld von Geschäftsleuten, zweistellige Millionensummen jeden Monat, in Dollar, versteht sich.

Welche Herausforderung es wird, die Stadt wieder aufzubauen, erschließt sich, wenn man über die Pontonbrücke nahe der zerbombten Jumhurriyah-Brücke vom Osten Mossuls über die grünen Fluten des Tigris in den Westen fährt. Über den Fluss hinweg hebt sich die Altstadt mit ihren Kuppeln grau ab von den umliegenden Vierteln. Es ist der Staub von Zement und Asche von den Bränden, die alles hier bedeckt. Eine lebensfeindliche Wüste.

Um die Stadt wieder bewohnbar zu machen, sind 700 Millionen Dollar nötig

Die Straßen der Altstadt sind leer, zumindest jene, wo der Schutt schon geräumt ist. Gespenstisch still ist es, nur ein paar Vögel fliegen über die Trümmerwüste. Hin und wieder zerreißen Schüsse die Ruhe; Soldaten feuern auf Sprengfallen, um sie zur Explosion zu bringen. Manchmal folgt dann der dumpfe Knall einer Detonation. In vielen der Ruinen liegen noch Minen, unter manchen noch Leichen. Der süßliche Gestank der Verwesung dringt aus den Trümmerhaufen hervor. Auch deshalb lässt die Regierung noch niemanden zurück.

Mehr als 2600 Leichen hat der irakische Zivilschutz im Westen der Stadt geborgen, seit die Regierung am 10. Juli die Befreiung Mossuls erklärt hatte, die meisten von ihnen in der Altstadt. Und die meisten von ihnen mutmaßlich Zivilisten. Diese Zahl dürfte noch weiter steigen, bis zu 3500 zivile Opfer vermuten die Behörden unter dem Schutt. Die Regierung hatte den Bewohnern der Stadt geraten, sich in ihren Häusern zu verstecken und die Befreiung abzuwarten. Was im Osten Mossuls noch gut funktionierte, erwies sich im Westen der Stadt als tödliche Falle.

Nach Schätzungen der UN, die auf Satellitenbildern beruhen, wurden 32 000 Gebäude in Mossul beschädigt oder zerstört, die meisten davon im Westen der Stadt - und mehr als 5500 alleine in der Altstadt, dazu Hunderte Kilometer Straßen, Wasser- und Stromleitungen, Abwasserkanäle. Welchen Anteil an der Zerstörung im einzelnen Luftangriffe der US-geführten Koalition haben, die massiven Autobomben des IS, Artillerie und Mörsergranaten beider Seiten, lässt sich kaum sagen.

Im syrischen Aleppo, vor dem Fall Ende 2016 monatelang von der syrischen und russischen Luftwaffe bombardiert, sind laut den UN mehr als 33 500 Gebäude beschädigt oder zerstört worden - allerdings ohne den monatelangen Häuserkampf, bei dem die irakischen Einheiten nach US-Angaben 1400 Mann verloren und weitere 7000 Soldaten verletzt wurden. Während im Osten der Stadt die meisten Bewohner zurückgekehrt sind, leben noch etwa 800 000 Menschen aus dem Westen in Flüchtlingslagern, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) meldet.

Kaum eine Stadt im Irak war so vielfältig, so reich an kulturellem Erbe

Um die Stadt nur einigermaßen wieder bewohnbar zu machen, sind nach ersten Schätzungen 700 Millionen Dollar nötig, doch liegen in Mossul nicht nur Gebäude in Trümmern. Eine einmalige Stadtgesellschaft ist zerstört, in der früher Muslime und Christen zusammenlebten, Sunniten und Schiiten, Araber und Kurden und Turkmenen. Kaum eine Stadt im Irak war so vielfältig, so reich an kulturellem Erbe. Auch davon hat der IS viel zerstört.

Nicht zuletzt die Große Nuri-Moschee in der Altstadt mit ihrem berühmten schiefen Minarett. Der IS hat sie gesprengt, damit sie nicht den Befreiern in die Hände fällt. Um zu ihr zu gelangen, muss man durch Löcher in Häuserwänden steigen, die der IS geschlagen hat, damit sich seine Kämpfer unbemerkt von den Drohnen bewegen konnten. Das Eingangstor zu dem 1170 erbauten Gotteshaus steht noch, die schwarze Metallgittertür ist verbogen. Die grüne Hauptkuppel hält sich auf drei Säulen.

Von der Kanzel darunter hatte sich Abu Bakr al-Bagdadi zum Kalifen deklariert, den "Islamischen Staat" ausgerufen. "Fuck IS!", haben Soldaten mit schwarzer Farbe neben die Gebetsnische gesprüht. Jemand hat die Reste der Korane aufgesammelt, behutsam in einen Sack gelegt. Der Stumpf des Al-Habda-Minaretts ragt auf hinter dem Schutthaufen, der einmal der Gebetsraum war. Ein Mahnmal in einer apokalyptischen Ruinenlandschaft.

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SZ vom 30.09.2017/kjan
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