Interview mit Joachim Gauck (1) "Mutige Politiker ziehe ich vor"

Im Jahre 20 nach der Einheit diagnostiziert Joachim Gauck zu viel Furcht in der Politik und einen Hunger nach Sinn. Der frühere Präsidentschaftskandidat preist drei Sozialdemokraten - und geißelt den Erlösungsmythos der Linken.

Interview: Thorsten Denkler und Oliver Das Gupta

Joachim Gauck ist 1940 in Rostock zur Welt gekommen. Sein Vater wurde in den frühen Jahren der DDR nach Sibirien deportiert wegen angeblicher Spionage und "antisowjetischer Hetze". Der Berufswunsch Journalist blieb ihm in der DDR verwehrt. So studierte Gauck Theologie und wurde Pastor. Aus seiner staatskritischen Haltung machte er keinen Hehl, so dass die Staatssicherheit ihn überwachte.

Im Zuge der Aufbruchsstimmung in der DDR 1989 engagierte sich Gauck für das Neue Forum und wurde dessen Sprecher in Rostock. Ab Oktober 1989 führte er die anschließenden Großdemonstrationen an. Bei den einzigen freien Volkskammerwahlen wurde er in das DDR-Parlament gewählt - und kurz vor der Wiedervereinigung zum Beauftragten für die Stasi-Unterlagen berufen. Zehn Jahre stand Gauck der Behörde vor. Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler im Frühjahr 2010 nominierten SPD und Grüne Gauck als Bewerber für das höchste Staatsamt; er unterlag im dritten Wahlgang Christian Wulff.

An diesem Donnerstag wurde bekannt, dass Gauck der Geschwister-Scholl-Preis 2010 verliehen wird. Der ehemalige Bürgerrechtler erhält die Auszeichnung für sein Buch "Winter im Sommer - Frühling im Herbst".

Gauck, 70, arbeitet als Publizist und Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokratie". Für das Interview bittet er in sein Büro im Berliner Bendler-Block. "Sie sprechen mit einem stolzen Urgroßvater", eröffnet er das Gespräch; im August kam der erste Urenkel zur Welt.

sueddeutsche.de: Herr Gauck, welches Deutschland wünschen Sie Ihrem Urenkel, wenn er in 20 Jahren erwachsen sein wird?

Joachim Gauck: Ich setze große Hoffnungen auf die nachwachsende Generation - dass sie aus diesem phasenweise negativen Nationalismus, also unbedingt kein Deutscher sein zu wollen, etwas Besseres macht. Dass es ein Ja gibt zu dem Raum und dem Ort, an dem man lebt, zu dem man ja sagen kann, weil es dafür gute Gründe gibt. Ich frage mich, wie lange wir Deutschen unsere Kultur des Verdrusses noch pflegen wollen.

sueddeutsche.de: Was muss sich dazu ändern?

Gauck: Die Leute müssen aus der Hängematte der Glückserwartung durch Genuss und Wohlstand aufstehen. Sie dürfen nicht erwarten, dass andere für sie agieren. Eine Gesellschaft wird umso zukunftsfähiger, je aktiver sich die Bürger darstellen. Die Hoffnung, dass wir durch Konsum allein glücklich werden und die Bürgerexistenz vernachlässigen können, die trügt.

sueddeutsche.de: In Ostdeutschland ist nur noch ein geringer Teil der Bevölkerung gläubig. Viele haben die Kirche verlassen. Ist das eine Folge der Konsumfixierung?

Gauck: Wir erleben in allen Industriegesellschaften, dass die traditionellen Bindungskräfte von Religionen schwach werden - und dass eine klassische Wertorientierung, wie sie das aufgeklärte Bürgertrum vertritt, ausdünnt. Es ist aber nicht ganz verlorengegangen.

sueddeutsche.de: Es geht uns zu gut?

Gauck: Es ist die Folge eines Lebens, das nicht mehr jeden Tag von neuem errungen ist. Das ist in Krisenzeiten oder Diktaturzeiten anders. Da braucht man einen Kern. Wenn es uns rundum gutgeht, ist die Herausforderung nicht so stark, sich definieren zu müssen. Das Leben vollzieht sich. Es ist angenehm, oft auch locker, unterhaltsam. Man merkt nur an bestimmten Bruchstellen: Es fehlt irgendwas. Es gibt in Wohlstandsgesellschaften das Gefühl, es ist alles okay, nur ich fühl' mich nicht okay. Es gibt einen Hunger nach Sinn.

sueddeutsche.de: Sind wir zu materialistisch?

Gauck: Ehrlich: Ja, das denke ich. Es liegt nicht nur an unserer Zeit - dass die Menschen schnellen Genuss wollen, um sich glücklich zu stellen, gehört zur dunklen Seite der menschlichen Existenz. Erich Fromm hat nach dem Kriege das Buch Furcht vor der Freiheit geschrieben. Er rät zu einem anderen Weg, zu einem Leben in Bezogenheit, in Solidarität, um einen abgegriffenen Ausdruck zu benutzen. Dabei sieht Fromm den Menschen nicht als Singulum, sondern als zoon politicon.

sueddeutsche.de: Nach Aristoteles ist der Mensch dazu gemacht, in Gemeinschaft zu leben.

Gauck: Das zu begreifen, ist eine enorme Chance, glücklicher zu werden.

sueddeutsche.de: Wie bringen Sie das den Menschen bei, die Hartz IV empfangen und ihre Kinder nicht jeden Tag zur Schule bringen, weil sie keinen Sinn darin sehen?

Gauck: Erst einmal sage ich ihnen, dass es keine Tugend ist, wenn man dort sitzt, den ganzen Tag Zeit hat und den Gören kein Mittag macht. Das darf man auch kritisieren.

sueddeutsche.de: Das ist nicht der Punkt: Die Frage ist doch, wie man an diese Leute rankommt.

Gauck: Das kann Politik selten leisten. Das müssen Kumpels tun oder Leute, die in deren Nähe arbeiten. Neulich erzählte mir mein Fahrer von seinem Cousin, der mit den gesamten Sozialleistungen ungefähr 30 Euro weniger als er hat. Mein Fahrer muss aber fast immer um fünf Uhr aufstehen. Er sei der Dumme in der Familie, aber er sagte mir auch: "Ich kann das nicht, ich kann nicht so dasitzen." Da habe ich gesagt, dass er denen erzählen soll, wie gut er sich mit Arbeit fühlt. Wir sehen ja auch in den Kreisen der Hartz-IV-Empfänger Leute, die politisch aktiv sind und auf eine Demonstration gehen. In diesem Moment verändert sich schon ihr Leben. Sie zeigen Haltung. Das ist sehr viel wichtiger, als dafür zu sorgen, dass die Alimentierung immer rundum sicher ist.

Der linke Konservative

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