Frühe Aussagen von KZ-Häftlingen Berichte aus der Hölle

Deportierte Juden bei ihrer Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz im Mai 1944

(Foto: dapd)

Schon während des Zweiten Weltkriegs sammelte eine Kommission Aussagen von Überlebenden der eben befreiten Konzentrationslager. Die damals noch frischen Erinnerungen der NS-Opfer sind besonders frappierend.

Von Hans Holzhaider

Lublin war einst eines der Zentren jüdischer Gelehrsamkeit in Europa. Das Grab des Rabbi Jaakov Jizchak Horowitz auf dem jüdischen Friedhof in Lublin war ein Wallfahrtsort für gläubige Juden, und die 1930 eingeweihte Jeschiwa war damals die größte Talmudschule der Welt.

Aber unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wurde Lublin zum Zentrum des größten Massenmordes der Geschichte. Von hier aus steuerte der SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik die "Aktion Reinhardt", die systematische Ermordung der Juden und Roma im besetzten Polen und der Ukraine. Zwischen Dezember 1941 und November 1943 wurden in den Vernichtungslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka und in einigen anderen Lagern 1,7 bis zwei Millionen Menschen getötet.

Am 23. Juli 1944 wurde Lublin von der Roten Armee befreit. Unmittelbar danach begannen jüdische Intellektuelle, die den Holocaust auf zum Teil abenteuerliche Weise überlebt hatten, Zeugenaussagen und andere Beweise für den Massenmord zu sammeln und zu veröffentlichen. Sie gründeten die "Zentrale Jüdische Historische Kommission", die am 29. August 1944 erstmals zusammentrat. Im März 1945 wurde die Kommission nach Łódź und 1947 nach Warschau verlegt, wo sie schließlich im Żydowski Instytut Historyczny, dem Jüdischen Historischen Institut, aufging.

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In den drei Jahren ihres Bestehens führten rund einhundert Mitarbeiter mehr als 7000 Interviews mit Überlebenden der Vernichtungsaktionen. Noch im Kriegsjahr 1945 erschien eine erste Dokumentation mit 126 Zeugenaussagen. Bis 1947 wurden 39 Titel veröffentlicht, teils auf Polnisch, teils auf Jiddisch. Nur zwei dieser Publikationen waren bisher in deutscher Sprache zugänglich: Die berühmte Lieder- und Gedichtesammlung "Es brennt" von Mordechai Gebirtig und der Bericht von Leon Weliczker, der als Angehöriger eines jüdischen Sonderkommandos an der Beseitigung der Spuren von Massenverbrechen im Gebiet von Lemberg mitwirken musste ("Im Feuer vergangen. Tagebücher aus dem Ghetto", Berlin 1958).

Der Historiker Filip Friedman, der Leiter der Historikerkommission, berichtete später, wie Weliczker ihm seine Aufzeichnungen überbrachte: "Am folgenden Tag meldete sich bei mir ein hochgewachsener Jüngling, in Lumpen gekleidet, halb barfuß, mit der erdfahlen Gesichtsfarbe eines Bunkerinsassen. Voll Stolz zeigte er mir seinen Schatz - Notizen über seinen Aufenthalt im Lwower Ghetto, im Janowskalager und in der Todesbrigade. ,Das ist alles, was ich gerettet habe', sagte er ganz einfach, ,ich habe es gehütet wie meinen Augapfel'."

So oder ähnlich gelangten die meisten der Augenzeugenberichte in die Hände der jüdischen Historikerkommission. Der in Warschau geborene Berek Freiberg war 14 Jahre alt, als er im Mai 1942 in das Vernichtungslager Sobibór eingeliefert wurde. Wer seinen Bericht liest, kann nicht fassen, wie dieser Junge das unsägliche Martyrium von Misshandlungen, ständiger Todesangst, täglicher, stündlicher Konfrontation mit den bestialischsten Grausamkeiten 18 Monate lang überleben konnte. Im Juli 1945 schilderte der 17-Jährige seine Erlebnisse einer Mitarbeiterin der Kommission. Er hatte nichts von dem vergessen, was er in diesen 18 Monaten erlebt hatte. Es war, als hätte sich jedes grausame Detail in seine Erinnerung eingebrannt.

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Abraham Jacob Krzepicki wurde im August 1942 aus dem Warschauer Getto nach Treblinka deportiert. Nach nur 18 Tagen gelang ihm die Flucht, und er kehrte nach Warschau zurück. Rachel Auerbach, eine Mitarbeiterin des Historikers Emanuel Ringelblum, dessen Untergrundarchiv nach dem Krieg unter den Trümmern des Gettos wiedergefunden wurde, schrieb Krzepickis Aussage nieder - es ist der erste Augenzeugenbericht über die Vernichtungsaktion in Treblinka. Krzepicki wurde im April 1943 beim Aufstand im Warschauer Getto getötet.

Rachel Auerbach wurde selbst 1944 Mitglied der Historischen Kommission und berichtete über eine Inspektionsreise nach Treblinka im November 1945 mit einer Gruppe von Überlebenden, einem Staatsanwalt, einem Untersuchungsrichter und einigen Kommunalpolitikern. Sie beschreibt nicht nur ihren "unerträglichen Schmerz" und ihre Wut über das, was die Deutschen den Juden dort angetan haben, sondern auch ihre Erschütterung über die Spuren eines Treibens, dass erst nach dem Ende des Mordens stattfand: "Alle Arten von Plünderern und Marodeuren kommen in Scharen mit Schaufeln in der Hand hierher. Sie graben, suchen und plündern; sie sieben den Sand, ziehen Teile von halbverfaulten Leichen und verstreuten Knochen aus der Erde in der Hoffnung, dass sie wenigstens auf eine Münze oder einen Goldzahn stoßen."