Deutscher Einmarsch in Prag Das Trauma der Tschechen

Prag 1939: Eine Kette von Polizisten trennt aufgebrachte Tschechen von einrückenden Truppen der deutschen Wehrmacht.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Im März 1939 marschiert die Hitlers Wehrmacht in der "Rest-Tschechei" ein. Die Besetzung wird zur Sprungfeder für die spätere Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung.

Von Oliver Das Gupta, Prag

Die Deutschen kommen am Vormittag des 15. März 1939. Mit Kübelwägen rollen sie über den Wenzelsplatz, durch das herausgeputzte Viertel Josefov, das einst Judenghetto war. Sie knattern auf Krädern über die Karlsbrücke zur Kleinseite, hinauf zur Prager Burg, dem Hradschin.

Viele Bürger säumen die Straßen an diesem kalten Märztag. Fassungslos schauen sie auf die Wehrmachtssoldaten, die mit ihren Maschinengewehren und Stahlhelmen an ihnen vorbeifahren. Die meisten Prager sind wütend und verzweifelt, manche recken die Fäuste, einige wenige freuen sich.

An diesem Morgen stirbt an der Moldau die Hoffnung, der deutschen Expansionswut standzuhalten. Für die Tschechen bedeutet diese "Niederlage ohne Krieg", wie der Münchner Historiker Martin Schulze Wessel sagt, das "zentrale Trauma des 20. Jahrhunderts". Für die Weltpolitik bedeutet der Einmarsch das Ende der "Appeasementpolitik", mit dem die Regierungen in London und Paris das aggressive Nazi-Deutschland bändigen und den Frieden in Europa sichern wollten.

Großbritannien und Frankreich geben nun Garantieerklärungen für Polen ab, das mutmaßlich nächste Ziel von Adolf Hitlers Regime. Diese Garantien sollten nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wirksam werden. Der Einmarsch in Prag vor 75 Jahren ist in diesem Sinne der Auftakt des Zweiten Weltkrieges.

Durchlitt die Hölle von Auschwitz: Lisa Mikova in ihrer Prager Wohnung.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Begonnen hatte die tschechoslowakische Tragödie im September 1938. Damals hatten Frankreich und Großbritannien auf der Münchner Konferenz Hitler die deutschsprachigen Sudetengebiete zugestanden - die Regierung in Prag wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. "Es war wie ein Verrat", sagt die Zeitzeugin Lisa Mikova nun, "wir waren sehr enttäuscht".

Es habe damals Demonstrationen gegeben und den Willen, sich zu wehren. "Wir dachten, es gibt Krieg", sagt die heute 92-Jährige, die damals ein Teenager war. Doch zum Krieg kam es 1938 noch nicht. Die tschechoslowakische Regierung akzeptierte unter Protest das Münchner Abkommen.

Es war das Ende der multiethnischen Tschechoslowakei. Hitler annektierte die Sudetengebiete, Polen und Ungarn besetzten zusätzlich Regionen. Die Slowakei blieb formell mit Prag verbunden, doch dort installierte sich eine Regierung, die deutschfreundlich und klerikalfaschistisch war. Zurück blieb ein Rumpfstaat, den Hitler verächtlich "Rest-Tschechei" nannte.

Der Diktator hatte beim Münchner Abkommen den Briten und Franzosen erklärt, dass ihn "der tschechische Staat nicht mehr interessiert und das garantiere ich meinetwegen: Wir wollen gar keine Tschechen". Das war eine glatte Lüge. Schon wenige Wochen später, im Oktober 1938, wies Hitler an, die "Zerschlagung der Rest-Tschechei" zu planen.