Friedenstruppen für Kulturschätze Italien fordert Kultursoldaten für Kriegsgebiete

Jahrtausende alte Kunst - wie hier im Irakischen Nationalmuseum in Bagdad - ist von blinder Zerstörungswut durch Terrorgruppen bedroht.

(Foto: AFP)
  • Die Terrormiliz Islamischer Staat plündert im Irak Museen aus und walzt antike Stätten wie Nimrud und Hatra mit Bulldozern nieder.
  • Italiens Kulturminister Dario Franceschini fordert eine "internationale schnelle Eingreiftruppe, um Denkmäler und archäologische Stätten in Konfliktgebieten zu schützen".
  • Völkerrechtlich ist die Kultur im Krieg durch eine Haager Konvention längst geschützt. Angriffe auf Denkmäler, Kunstwerke, Moscheen, Kirchen oder Synagogen gelten als Kriegsverbrechen. Doch das beeindruckt die Terroristen des Islamischen Staats nicht.
Von Stefan Ulrich

Antoine de Saint-Exupéry hat einmal geschrieben, es lohne sich, für eine Kathedrale zu sterben. Aus diesem Geist heraus versuchten im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen "Monuments Men", Kulturgüter vor der Zerstörung oder der Verschleppung zu schützen. Auch heute sind zahlreiche Kunstwerke von größtem Wert für die ganze Menschheit massenweise in Gefahr. Die Terrormiliz mit dem anmaßenden Namen Islamischer Staat plündert im Irak Museen aus und walzt antike Stätten wie Nimrud und Hatra mit Bulldozern nieder. Die Weltöffentlichkeit beklagt diesen Kulturmord - wortreich, aber hilflos. Doch nun macht der italienische Kulturminister Dario Franceschini einen Vorstoß, der sich an Saint-Exupérys Satz orientiert. Er fordert eine "internationale schnelle Eingreiftruppe, um Denkmäler und archäologische Stätten in Konfliktgebieten zu schützen".

Früher seien Kulturschätze in Kriegen eher zufällig getroffen worden, sagte Franceschini dem britischen Guardian. Heute würden sie dagegen ganz gezielt als Symbole von Kulturen und Religionen vernichtet. Angesichts dieser Gefahr könne der Schutz des Kulturerbes nicht einfach einzelnen Staaten - wie etwa dem Irak - überlassen werden. Die Weltgemeinschaft sei da als Ganzes gefragt. Deshalb müsse sie "Kultur-Blauhelme" losschicken, nach dem Vorbild der Friedenstruppen der Vereinten Nationen, die mit einem blauen Helm ausgestattet sind.

Ausgerechnet Italien will fremde Kulturen retten, wo das Land doch kaum in der Lage ist, die eigenen Kulturstätten zu schützen, ließe sich einwenden. Doch das wäre ungerecht. Gewiss, Italien hat Probleme, all seine Schätze zu erhalten. Aber es hat auch die wohl beste Sondereinheit zur Verteidigung der Kunst geschaffen. Das "Carabinieri-Kommando zum Schutz des Kulturerbes", das in einem Barockpalast der römischen Altstadt residiert, gilt weltweit als beispielhaft. Auch aus fernen Ländern wie der Mongolei kommen Spezialisten nach Rom, um dort zu lernen, wie man geraubte Kunst aufspürt, Fälschungen erkennt und Hehlern das Handwerk legt. Selbst die Kulturpolizei im stolzen Frankreich räumt ein, die italienischen Kollegen seien auf diesem Gebiet die besten. Italien hat also sehr wohl etwas zu sagen, wenn es um die Verteidigung des Weltkulturerbes geht.

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Völkerrecht beeindruckt Terroristen nicht

Völkerrechtlich ist die Kultur im Krieg längst geschützt. Eine Haager Konvention aus dem Jahr 1954 verbietet es, Kulturgut zu zerstören, zu beschädigen oder zu plündern. Das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag stuft Angriffe auf Denkmäler, Kunstwerke, Moscheen, Kirchen oder Synagogen als Kriegsverbrechen ein. Doch das beeindruckt die Terroristen des Islamischen Staats überhaupt nicht. Daher will Franceschini jetzt Kultursoldaten ins Gefecht schicken.

Nun versagen die Vereinten Nationen und deren Sicherheitsrat oft bei der Aufgabe, Zivilisten im Krieg zu schützen. Ist es da nicht blauäugig, Blauhelme für die Kunst zu fordern? So makaber es klingt: Die Bedrohung des Weltkulturerbes könnte den UN-Sicherheitsrat leichter zur Einheit bringen als die Bedrohung vieler Menschenleben.

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