Ermordung von israelischen Religionsschülern Die nächste Eskalationsstufe

Drei junge Israelis sind tot, Ministerpräsident Netanjahu schwört Vergeltung. Wer steckt hinter der Tat? Fest steht: Die Ermordung der Teenager bedeutet eine weitere Eskalation im verfahrenen Nahostkonflikt.

Ein Überblick von Hannah Beitzer

Israel beschuldigt die radikalislamische Hamas - und fordert Konsequenzen von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und seiner gemäßigten Fatah. Die Hamas wiederum weist alle Schuld von sich und unterstellt Israel unlautere Motive. Die Entführung und Ermordung dreier israelischer Teenager nordwestlich von Hebron im Westjordanland ist ein Verbrechen. Und eine weitere Eskalation im Nahostkonflikt. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was ist passiert?

Drei 16- bis 19-jährige Talmud-Schüler sind am 13. Juni auf ihrem Heimweg von der Schule spurlos verschwunden. Zuletzt wurden sie beim Trampen in der Nähe des jüdischen Siedlungsblocks Gusch Etzion zwischen den Palästinenserstädten Bethlehem und Hebron im südlichen Westjordanland gesehen. Berichten zufolge ist es einem der Jungen nach der Entführung noch gelungen, die Polizei anzurufen - doch offenbar nahm ihn zunächst niemand ernst. Erst Stunden später begann die Suche. Die Jugendlichen waren zu diesem Zeitpunkt wohl schon tot. Sie wurden offenbar kurz nach ihrer Entführung erschossen. Ihre Leichen wurden erst jetzt unter einem Steinhaufen nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort gefunden, an dem sie zuletzt gesehen wurden. Sie sollen noch heute beerdigt werden.

Wer steckt hinter der Entführung?

Israel vermutet die radikalislamische Hamas hinter der Entführung und Ermordung der Schüler. "Die Hamas ist verantwortlich und die Hamas wird bezahlen", sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Montag zu Beginn einer Dringlichkeitssitzung seines Sicherheitskabinetts. Bereits in der vergangenen Woche hatte der israelische Geheimdienst die Namen und Bilder zweier angeblicher Täter veröffentlicht, jedoch keine Belege für deren Schuld vorgelegt. Demnach seien die beiden Verdächtigen ehemalige Häftlinge aus Hebron sowie Mitglieder der Hamas.

Die Hamas beschuldigte ihrerseits Israel, den Tod der drei Jugendlichen für weitere Militäraktionen gegen die Palästinenser zu benutzen. "Wir weisen alle israelischen Unterstellungen und Drohungen gegen uns zurück", hieß es in einer Erklärung. Keine palästinensische Gruppe - auch nicht die Hamas - habe sich zu der Aktion bekannt. Bis heute fehlen Beweise, dass die extremistische Organisation hinter der Entführung steckt. SZ-Korrespondent Peter Münch schreibt dazu:

Allerdings gilt Hebron als Hamas-Hochburg, und eine Tat wie diese gilt gewissermaßen als ihre Spezialität, seitdem der israelische Soldat Gilad Schalit 2006 in den Gazastreifen verschleppt und fünf Jahre später gegen mehr als tausend Gefangene ausgetauscht worden war.

Wie reagiert Israel auf die Ermordung der Jugendlichen?

Bereits das Verschwinden der drei Teenager hatte den größten israelischen Militäreinsatz im Westjordanland seit dem Ende der Zweiten Intifada 2005 ausgelöst. Im Visier der israelischen Armee sei die gesamte Infrastruktur, die die Hamas im Westjordanland aufgebaut hat, schreibt Peter Münch. Seit der Entführung hat die israelische Armee bei Razzien nach eigenen Angaben etwa 420 Palästinenser festgenommen, die meisten davon Hamas-Mitglieder. Das blieb nicht ohne Reaktion. Aus dem Gazastreifen feuerten Extremisten Raketen in Richtung Israel ab.

Nach dem Fund der Leichen hat Israel nun massive Angriffe auf den Gazastreifen geflogen. Es seien "Präzisionsschläge" gegen 34 Ziele im Gazastreifen geführt worden, teilten die Streitkräfte am Dienstagmorgen mit. Zuvor hätten militante Palästinenser seit Sonntagabend mindestens 18 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert. Für Israel war es der heftigste Luftangriff auf das Palästinensergebiet seit dem letzten großen Schlagabtausch mit der Hamas im November 2012.

Sicherheitsleute der Hamas erklärten, es seien mehr als 25 Luftangriffe innerhalb von weniger als zehn Minuten gewesen. Augenzeugen sprachen von Dutzenden Explosionen. Ziele seien Militäreinrichtungen der Hamas und des Islamischen Dschihad gewesen. Die Einrichtungen seien in Erwartung israelischer Luftangriffe bereits vorher evakuiert gewesen. Auch vom Meer aus habe die israelische Marine den nördlichen Gazastreifen beschossen.

Was bedeutet die Ermordung der Jugendlichen für den Friedensprozess?

Bereits vor der Entführung der Schüler hatte es im Friedensprozess herbe Rückschläge gegeben. Ende April hat sich die Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nach jahrelanger Spaltung mit der Hamas versöhnt und eine Regierung der nationalen Einheit gebildet. Die Hamas hatte 2007 gewaltsam die Herrschaft im Gazastreifen übernommen. Israel, die EU und die USA stufen sie als "Terrororganisation" ein. Seitdem herrschte die gemäßigtere Fatah nur noch im Westjordanland.

Nach der Versöhnung der beiden großen Palästinenserlager wurden die Friedensgespräche unter Vermittlung von US-Außenminister John Kerry ergebnislos abgebrochen. Israel äußerte sich verärgert über die Bereitschaft der USA, mit der neuen palästinensischen Einheitsregierung zusammenzuarbeiten. Kurz darauf kündigte die Regierung an, in den besetzten Palästinensergebieten weitere 1500 Wohnungen errichten. Der israelische Siedlungsbau ist einer der größten Konfliktpunkte im Friedensprozess.

Israel fordert nun die Fatah-Organisation auf, als Konsequenz aus der Entführung ihre Einheitsregierung mit der Hamas aufzukündigen. SZ-Korrespondent Peter Münch schrieb bereits vor einigen Wochen zu den strategischen Zielen Israels:

Premierminister Benjamin Netanjahu verfolgt das Ziel, einen Keil in die palästinensische Einheitsregierung zu treiben, die gerade erst die moderate Fatah des Präsidenten Mahmud Abbas mit der Hamas gebildet hat. Die Bruchlinien werden bereits deutlich: Die Hamas hat Abbas scharf dafür kritisiert, dass er die Entführung verurteilt hat und die seit langem praktizierte Sicherheitskooperation mit Israel fortsetzt. Damit vertrete er nicht die Positionen des palästinensischen Volkes, heißt es aus Gaza.

Was geschieht weiter?

Israel droht der radikalislamischen Hamas mit einer harten Reaktion. Das israelische Sicherheitskabinett hat nach Medienangaben jedoch bisher keine unmittelbare Entscheidung über eine solche harte Maßnahme getroffen. Das Gremium werde am Dienstag nach der Beerdigung der Schüler erneut zusammentreten, sagte ein hoher israelischer Beamter nach Angaben der Zeitung Haaretz. Palästinenserpräsident Abbas berief nach dem Fund der Leichen eine Dringlichkeitssitzung der Palästinenserführung für Dienstag ein. Dabei soll es um die Auswirkungen der jüngsten Entwicklungen gehen, berichtete die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa am Montag.

Mit Material von dpa.