Luther und sein Judenhass Bittere Note der Reformation

Das Denkmal von Martin Luther auf dem Markt in Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt)

(Foto: dpa)

Das Lutherhaus in Eisenach dokumentiert den Antijudaismus des Reformators - und die Mühen von Nazi-Protestanten, Juden aus der Bibel zu tilgen.

Von Rudolf Neumaier

Die evangelische Kirche in Deutschland hat sich in der vergangenen Woche von Martin Luthers Judenfeindlichkeit distanziert. Die Meldung klang etwas skurril.

Der Reformator Luther wirkte vor 500 Jahren. Die deutschen Protestanten brauchten also ein halbes Jahrtausend, um Luthers dumpfe Seite wahrzunehmen. Sie sprechen "hinsichtlich des Versagens der Kirchen gegenüber dem Judentum" von einem Lernprozess, der nach 1945 eingesetzt habe.

Ein ziemlich zäher Prozess, denn er dauert nun auch schon wieder zwei Generationen. Andererseits: Es lässt sich als Lernerfolg verbuchen, dass die Protestanten nicht weitere 500 Jahre brauchen, um sich ihrer antisemitischen Vergangenheit im Nationalsozialismus zu stellen.

Aus Enttäuschung wurde Hass

Das wiedereröffnete Lutherhaus in Eisenach schreitet voran: Es geht offensiv mit jener evangelischen Theologie um, die sich mit Aberwitz und Leidenschaft dafür einsetzte, den protestantischen Glauben an Hitler anzupassen. In Eisenach wirkte von 1939 an das "Entjudungsinstitut". Die Professoren dieser Einrichtung veröffentlichten antisemitische Schriften, wie Geier weideten sie Luthers schriftlichen Nachlass nach antijudaistischen Bemerkungen aus.

Davon gab es reichlich: Gerade der ältere Luther ätzte übelst gegen die Juden. Seine Druckschrift "Von den Jüden und iren Lügen" erschien im Jahr 1543. Lutherforscher führen den Hass des Reformators auf eine tiefe Enttäuschung zurück.

Luthers Hetzschrift "Von den Jüden und iren Lügen" erschien 1543.

(Foto: Katalog)

Er habe einen Übertritt vieler Juden zum Christentum erwartet. Zu seinem Christentum. Luther war davon ausgegangen, dass allein die korrupte katholische Kirche sie von diesem Schritt abgehalten habe. Doch die Juden konvertierten nicht. Das brachte Luther in Rage.

Seine Hetzschriften stellten sich als reicher Fundus für die NS-Protestanten dar. Vor allem aber schrieben diese Männer für Hitler die Bibel um: Das Alte Testament kassierten sie komplett, im Neuen Testament fielen alle Hinweise aufs Judentum ihrer Zensur anheim. Aus den vier Evangelien machten sie eins, die Schriftstellerin Lulu von Strauß und Torney legte Hand an.

In der Weihnachtsgeschichte strichen die Entjudungschristen den Namen David, in Kirchenliedern den Namen Abraham. Aus der Eisenacher Georgenkirche entfernten sie alle alttestamentarischen Inschriften - bis heute sind diese nicht wiederhergestellt. Und als die Theologen ihr Forschungsergebnis publizierten, wonach Maria und Josef keine Juden gewesen seien, reagierten die Pfarrer draußen in den Kirchen begeistert.

Das "Entjudungsinstitut", gegründet im Jahr 1939 auf der Wartburg unter dem Namen "Institut zur Erforschung (und Beseitigung) des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben", gab es bis 1945. Mancher Mitarbeiter kam danach wieder in gute Stellung.

Antijudaismus So wurden Juden im Westen seit jeher gehasst

US-Historiker David Nirenberg belegt, wie Juden seit 2000 Jahren in ganz Europa diskriminiert und verfolgt wurden. Gibt es eine westliche Tradition des Antijudaismus? Buchrezension

Luther verbrachte um 1500 als Heranwachsender drei Jahre in Eisenach. Seine Eltern im etwa 150 Kilometer entfernten Mansfeld hatten ihn dorthin auf die Lateinschule geschickt und bei Verwandten untergebracht. Später, als politisch verfolgter Reformator, versteckte sich Luther auf der Wartburg über der Stadt.

Eisenach zählt zu den 16 deutschen Kommunen, die sich gemeinsam das Prädikat Lutherstadt verliehen haben. Sie bilden die Route vieler amerikanischer Luther-Touristen, die vor dem Reformationsjubiläum in zwei Jahren durchs Land reisen. Allerdings fällt den Eisenachern auf, dass der Zustrom ausgerechnet in den Jahren erheblich zunimmt, in denen die katholischen Oberammergauer in Bayern ihr Passionsspiel aufführen.