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Ermordeter NS-Gegner:Dietrich Bonhoeffer - Symbol für christlichen Widerstand

Die Kirchen in Deutschland boten den Nazis nicht die Stirn, es gab sogar Sympathie für deren Ideologie. Einer der wenigen, die Widerstand leisteten, war der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der dafür hingerichtet wurde.

Von Markus C. Schulte von Drach

Die Kirchen in Deutschland zeichneten sich während des "Dritten Reiches" im Allgemeinen nicht durch großen Widerstand gegen Hitler und sein Regime aus. Wichtige Vertreter der evangelischen Kirche begrüßten die Machtübernahme Hitlers sogar, Protestanten bildeten die Organisation "Deutsche Christen", die der Nazi-Ideologie anhing.

Dietrich Bonhoeffer

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer rang sich zu der Entscheidung durch, dass ein "Tyrannenmord" an Hitler gerechtfertigt wäre.

(Foto: dpa)

Die katholische Kirche stand dem Nationalsozialismus ambivalent gegenüber. Viele Katholiken blieben auf Distanz zu Hitlers Ideologie, der Vatikan setzte - trotz Protesten wie etwa der Enzyklika "Mit brennender Sorge" - auf Diplomatie, um den Einfluss auf die deutsche Gesellschaft nicht zu verlieren. Außerdem nahmen Nazis wie Katholiken eine deutlich antikommunistische Haltung ein. Wo die Kirchen die Nazis nicht unterstützten, arrangierten sie sich eher, als Widerstand zu leisten.

Einige Ausnahmen gab es in Kreisen der Kirchenführung. So zogen etwa Bischof Clemens August Graf von Galen und der Kardinal Michael von Faulhaber schon mit ihrer relativ verhaltenen öffentlichen Kritik an den Nazis deren Hass auf sich.

Das aber war nichts im Vergleich zu dem, was der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer an Widerstand leistete - und dafür erleiden musste. Schon Ende April 1933, drei Monate nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, unter dem Eindruck des Judenboykotts und des Arierparagraphen, äußerte sich Bonhoeffer kritisch. Die Deutsche Evangelische Kirche unter dem Nationalsozialisten und Reichsbischof Ludwig Müller war dem Hitler-Regime gegenüber überwiegend loyal. Nur einzelne Gemeinden und Theologen wie Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer waren nicht bereit, den Umgang mit den Juden zu akzeptieren.

Im Oktober 1933 trat Bonhoeffer, der am 4. Februar 1906 in Breslau geboren wurde, eine Stelle als Gemeindepfarrer im Londoner Viertel Forest Hill an, da er es nicht mehr ertragen konnte, in Deutschland Christ zu sein. Doch 1935 kehrte er zurück. Die Gründung der "Bekennenden Kirche" durch evangelische Christen hatte ihm wieder Hoffnung gegeben. Er betreute die Ausbildung von Pastoren - illegal, nachdem die Nazis sein Predigerseminar 1937 geschlossen hatten.

Offiziell im Dienst der Abwehr, heimlich für Tyrannenmord

1938 kam er über Hans von Dohnanyi, seinen Schwager, in Kontakt zu Admiral Wilhelm Canaris, General Ludwig Beck und weiteren heimlichen Gegnern Hitlers. Während Bonhoeffer sich bemühte, in den Kirchen den Widerstand gegen die Kriegsvorbereitungen zu schüren, versuchte er von 1940 an seine Kontakte im Ausland für die Hitler-Gegner zu nutzen. Er wurde dazu von der Abwehr unter Canaris sogar offiziell in Dienst genommen. Zu dieser Zeit kam Bonhoeffer offenbar zu der Überzeugung, dass im Falle Hitlers der Tyrannenmord gerechtfertigt sei - trotz des Gebots "Du sollst nicht töten".

Nachdem einige Anschlagspläne von Wehrmachtsoffizieren und Angehörigen der Abwehr auf Hitler gescheitert waren, wurden Bonhoeffer und von Dohnanyi im April 1943 verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis in Tegel gebracht. Nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 fand die Gestapo in einem Geheimarchiv der Abwehr Papiere Dohnanyis, aus denen hervorging, dass dieser und Bonhoeffer zum Widerstand gehörten. Beide wurden in die Gestapo-Zentrale in Berlin gebracht, wo auch Admiral Canaris, General Oster und andere Mitglieder des Widerstands festgehalten wurden. Im Februar 1945 wurde Bonhoeffer dann ins KZ Buchenwald verlegt, Anfang April ins KZ Flossenbürg.

Am 5. April ordnete Hitler die Hinrichtung aller noch lebenden Mitverschwörer des 20. Juli an - zu denen auch Bonhoeffer gezählt wurde. Nach einem SS-Standgericht ohne Verteidigung wurde er am 9. April gehängt.

Mit seinem Leben und seinem Tod wurde der Theologe zum Symbol eines explizit christlichen Widerstandes gegen die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten. Eines Widerstands, den die allermeisten katholischen oder evangelischen Christen in Deutschland sonst nicht geleistet hatten. Seine Gebete und Briefe, die er während der Haft mit dem Tod vor Augen verfasste, sind beeindruckende Dokumente eines festen Glaubens unter furchbaren Bedingungen.

© SZ.de/pamu
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