Lesung von Pep Guardiola "Die Lust ist ein weiter Horizont"

FC-Bayern-Trainer Pep Guardiola bei der Lesung im Literaturhaus in München.

(Foto: AFP)

Pep Guardiola liest aus den Werken seines Landsmannes Miquel Marti i Pol. Es wird ein poetischer Abend - getragen von einem Mann, der weit mehr ist als der Trainer von Bayern München.

Von Lars Langenau

Da läuft man den ganzen Tag im Anzug rum, weil man endlich mal mit Josep Guardiola auf Augenhöhe sein will. Modetechnisch jetzt. Und dann das: der braungebrannte Trainer des FC Bayern erscheint nicht im gewohnt hautengen Anzug, sondern ganz leger mit schwarzem T-Shirt, beigefarbener Jeans und weißen Sneakers. Der Meistertrainer mit dem markanten Drei-Tage-Bart auf dem Kopf und einem Drei-Wochen-Bart am Kinn als Stilikone an einem sehr heißen, ja katalanischen Abend in der bayerischen Hauptstadt. Hmm, fängt ja gut an.

Ist aber auch ein völlig ungewohnter Auftritt: Der Katalane liest am Dienstagabend im Münchner Literaturhaus Gedichte seines 2003 verstorbenen Landsmannes Miquel Marti i Pol. Es ist einer der ganz spärlichen Auftritte, in denen sich Guardiola dem gesellschaftlichen München stellt. Live zu erleben ist er für den gemeinen Münchner sonst nur am Harlachinger Trainingsgelände oder am Samstag in der Arena in Fröttmaning. In der Stadt oder gar in der Society macht er sich rar, um die Wörter 'nicht existent' zu vermeiden. Entsprechend ausverkauft war das Ereignis.

Und nun der Auftritt Guardiolas im Literaturhaus. Höchstwahrscheinlich ist es eine Premiere, dass ein Bundesligatrainer zu Gast an solch einem Ort ist. Doch diesem Mann aus der Region Barcelonas, dem nehmen wir das ab. Viele Fußballer haben in der Regel ja einen etwas komischen, um nicht zu sagen beschränkten Ruf. Als Intellektuelle gelten sie jedenfalls nicht. In der Regel (von Günter Netzer mal abgesehen). Bei dem 44 Jahre alten Katalanen war das schon immer ein wenig anders.

Wunderschöne poetische Texte im Sportteil einer Zeitung

Der Moderator des Abends, Michael Ebmeyer, fand erst vor 20 Jahren zum Fußball zurück. Ganz speziell über den Spieler mit der Nummer 4, den sie Dirigent nannten: Pep Guardiola. Der sei einer der ganz wenigen Fußballer gewesen, die "ein Spiel lesen konnten". Lyrik jedoch, wehrt sich Guardiola im Laufe des Abends, sei nicht das beste Genre zur Wiedergabe eines Sportereignisses, sondern die Erzählungen. Prosa eigne sich besser als die Lyrik. So finde man, sagt Guardiola, auch wunderschöne poetische Texte im Sportteil einer Zeitung. Dabei gehe es nicht um die Minute, wann und wer das Tor geschossen habe, sondern um die Geschichte dieses Tores. Um den Spielverlauf. Auch dies zu beschreiben könne große Kunst sein.

Was liegt da also näher als diese Person, der man höchste Fußballkunst zuschreibt, auch mal wirklich vor Publikum lesen zu lassen? Das Goethe-Institut und sein katalanisches Pendant, das Institut Ramon Llull, machten es möglich. In Katalonien, Spanien und der lateinamerikanischen Welt ist es schließlich auch viel normaler, Fußball in Literatur fließen zu lassen. Und folglich sind Moritz Rinke und Albert Ostermeier von der Literatur-Nationalmannschaft unter den Gästen, die genau das auch in Deutschland versuchen.

Unheil Naht

Vor jedem Spiel schiebt Pep Guardiola seinen Modelkörper mit Bedacht in einen schicken Super-Slim-Anzug. Was der sonst so pedantische FC-Bayern-Trainer allerdings vergaß: Er muss sich in dem teuren Zwirn auch noch bewegen können. Glosse von Michael Neudecker mehr ... Glosse

Guardiola verband eine poetische Freundschaft mit dem an Multipler Sklerose erkrankten Miquel Marti i Pol, dem dieser Abend gewidmet war. Einst las Pep dem 2003 verstorbenen Dichter in dessen Wohnung seine eigenen Gedichte vor, "obwohl es mir peinlich war". Musste ihm nicht, denn man spürt bei der Lesung Guardiolas großes Vergnügen am Klang der Worte.

"Niemand hat so von der Liebe und dem Tod geschrieben wie er"

Es sei eine inspirierende Freundschaft gewesen, sagt er. Inspirierend vor allem für ihn, weil er zu lesen begann. Nicht unbedingt für den Schriftsteller, der nicht mehr mit Fußball beginnen konnte. Martis Lyrik habe ihn auf den Teppich zurückbringen können. "Niemand hat so von der Liebe und dem Tod geschrieben wie er. Aufgrund seiner Krankheit musste er nach innen blicken." Und die Lyrik ermögliche es, mit so wenigen Worten so viel Tiefe widerzuspiegeln. Es ist eine einfache, zugängliche Sprache, die doch voller Reichtum ist.

Guardiola ist also ein bekennender Fan von Miquel Marti i Pol und ein selbstbewusster Katalane: "Ich bin nicht als Kulturbotschafter Kataloniens hierhergekommen und ich weiß nicht, welche Vorstellung über mein Land hier vorherrschend war." Aber es freue ihn, wenn die reiche Kultur und Kunst dieser Region wahrgenommen werde. Natürlich hätte er die Gedichte auch auf Deutsch lesen können, aber die Verantwortlichen hätten eben das Katalanische hören wollen. Und das hat sich gelohnt: Er hat eine schöne, tiefe, männliche Stimme, den Mund oft spitzend, die Zunge häufig heraus schnellend und wieder einrollend. Lispelnd und spielend mit den Betonungen.

Ein bisschen Che

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Doch, dass er Martis Gedichte einst zur Motivation der Barça-Spieler einsetzte, verweist er in das Reich der Legenden. "Nein, es war nicht nötig, sie so zu motivieren." Aber, so sagt er, er verschenkte Bücher an Spieler, die sich für Literatur interessieren. Ob das auch in München der Fall sei? Seine doppeldeutige Antwort: Es gebe auch Bayern-Spieler, die lesen - "und eigentlich sollten die mir mal deutsche Bücher empfehlen".