Landgericht Wegen Mordes angeklagter Stalker tritt vor Prozess in Hungerstreik

  • Roland B. soll seiner Ex-Freundin jahrelang nachgestellt und sie im August 2016 vor ihrer Wohnung in Obergiesing ermordet haben.
  • Der Gerichtsverhandlung vor dem Münchner Landgericht versuchte er sich durch einen Hungerstreik zu entziehen.
Von Susi Wimmer

Mehr als zwei Stunden lässt Roland B. die anderen Prozessbeteiligten warten. Dann, um 11.47 Uhr, folgt ein geradezu geisterhafter Auftritt des 46 Jahre alten Angeklagten. Eine magere Gestalt betritt den Verhandlungssaal, gehüllt in einen riesigen grünen Parka, die Kapuze über den kahlrasierten Schädel gezogen. Die erste Strafkammer des Landgerichts München I unter Vorsitz von Michael Höhne wird über den Mann verhandeln, der seiner Ex-Freundin jahrelang nachgestellt und sie im August 2016 vor ihrer Wohnung in Obergiesing ermordet haben soll. Und schon zum Prozessauftakt wird klar, dass Roland B. seinem Lebensmuster treu bleibt: Er entzieht sich der Realität, er übernimmt selbstmitleidig keine Verantwortung - und will sich sogar der Gerichtsverhandlung verweigern.

Tatsächlich hat die magere Gestalt mit der dunklen Hornbrille keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem braunhaarigen, munter wirkenden Mann von den Fahndungsfotos, die die Polizei nach der Tat veröffentlicht hatte. Roland B. und die in Obergiesing lebende Architektin Tsin-leh L. waren fast ein Jahr lang ein Paar, im August 2009 trennte sich die Frau. Eine Realität, die Roland B. nicht akzeptieren wollte, so sieht es die Staatsanwaltschaft. Sieben Jahre lang stellte er der Frau nach. Er rief sie an, schickte Mails, forderte Aussprachen. Einmal ging Tsin-leh L. darauf sogar ein, traf sich 2010 mit ihm in der Wohnung einer Freundin. Doch auch das klärende Gespräch reichte Roland B. nicht aus: Er stalkte seine Ex-Freundin weiter.

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Tsin-leh L. wusste sich durchaus zur Wehr zu setzen. Über zwei Jahre hinweg erwirkte sie Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz, erstattete Strafanzeige und sorgte dafür, dass der Architekt zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Was ihn aber auch nicht abschreckte. Es folgten weitere Nachstellungen, er versuchte, ihre Sachen zu beschädigen, die Frau erstattete eine Anzeige nach der anderen, und so sollte es am 18. August 2016 erneut zu einer Gerichtsverhandlung gegen Roland B. kommen.

Doch laut Staatsanwalt Laurent Lafleur plante er stattdessen, seine ehemalige Lebensgefährtin dafür zu bestrafen, dass sie nichts mehr von ihm wissen wollte. Er sagte einen geplanten Wanderausflug mit einem Freund ab, unter dem Vorwand, dass er so viel zu arbeiten habe. Am Nachmittag habe er an der Bayrischzeller Straße seiner Ex vor ihrer Wohnung aufgelauert. Sie wollte gerade in den Keller gehen, wo sie ihr Rad abgestellt hatte - aus Angst vor Beschädigungen durch den Stalker. Im Hauseingang soll B. dann mindestens 18 Mal mit einem Buchbindermesser auf die Frau eingestochen haben. Tsin-leh L. verblutete an Ort und Stelle.

So hartnäckig Roland B. Wahrheiten verleugnen konnte, so akribisch hatte er offenbar die Tat und seine Flucht geplant. Nach dem Mord soll er in seine Wohnung im Glockenbachviertel gefahren sein und die Kleidung gewechselt haben. Sein Handy ließ er in der Wohnung zurück, den Personalausweis nahm er mit. Und er muss im Vorfeld für seine finanzielle Versorgung Vorsorge getroffen haben. Zumindest konnte die Polizei in den folgenden Wochen keine Transaktionen auf B.s Konto ausmachen. Zielfahnder suchten nach ihm, es gab auch die These, dass sich der passionierte Wanderer irgendwo in den Bergen das Leben genommen haben könnte.