Stadt Dachau Der lange Weg zur Erinnerung

Die Stadt Dachau sucht eine Partnergemeinde in Israel - gerade weil ihr Name dort für die Naziverbrechen steht.

Von Helmut Zeller

Manchmal sind Worte gar nicht nötig. Nach dem Auftritt der Dachauer HipHop-Band "Lupin" im Kibbuz Ramat Rachel reichte Jakob Hirsch (86) dem Dachauer Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) spontan die Hand. Das Eis war gebrochen. Der einflussreiche Vorsitzende des Freundeskreises der Aktion Sühnezeichen (ASF) in Israel will jetzt Bürgel bei seiner Suche nach einer Partnerstadt unterstützen.

Dabei hatte er noch im Vorfeld versucht, die Teilnahme der Dachauer an der 50-Jahr-Feier der ASF in Jerusalem vor zwei Wochen zu verhindern. Er legte dem Gremium zwei Seiten Ausdruck aus Wikipedia über die Rolle der Musik im KZ Dachau vor. Nach dem Konzert sagte Bürgel: "Die Jugend ist der beste Botschafter."

Seit mehr als zehn Jahren schon nimmt Dachau immer wieder Anlauf zu dem Sprung, der dem kleinen Pocking bei Passau schon 1978 als erste Kommune in Bayern gelungen ist. Acht Städte und Landkreise, darunter Nürnberg, Würzburg oder Memmingen, haben inzwischen eine israelische Partnergemeinde gefunden. Aber deren Ausgangslage war mit Dachau, dessen Name in Israel das Bild von Nazi-Deutschland heraufbeschwört, nie zu vergleichen.

Einmal schien es zu gelingen. 2009 ging die Stadt Rosh HaAyin bei Tel Aviv auf die Offerte Bürgels ein. Doch im Land brach eine Welle des Protests los. Der Historiker Tom Segev sprach in der Jüdischen Zeitung von der "Geschmacklosigkeit eines Shoa-Witzes". Damals hoffte Bürgel, auf einen Schlag Dachaus Image verändern zu können. Heute macht er kleinere Schritte und sagt: "Man muss ein Gefühl für die Menschen bekommen."

Sein parteifreier Vorgänger Kurt Piller, der 1998 in Jerusalem ein Bäumchen pflanzte, warb in seiner Rede vor Israelis um Verständnis für die Stadt. Dachau hatte sich selbst lange Zeit als Opfer des Nationalsozialismus begriffen und jede Schuld von sich gewiesen. 1998 posierte Piller für ein Pressefoto im T-Shirt mit dem Schriftzug "Dachau" vor dem Stacheldraht der KZ-Gedenkstätte.

Vier Jahre später ging Dachau wieder auf Konfrontation zur Gedenkstätte, weil die Ausstellung dokumentierte, dass bis in die Mitte der 1930er Jahre enge wirtschaftliche Beziehungen zwischen Stadt und Lager bestanden. Bürgel hat seit seiner Wahl im Jahr 2002 zumindest die offizielle Politik mit der Gedenkstätte versöhnt.

Auch er betreibt Imagepflege für die Stadt. Aber in Jerusalem sprach er vor den ASF-Gästen nur von der "Demut", mit der Dachau den Naziopfern begegnen müsse. Früher, sagt er ehrlich, war ihm die Gedenkstätte gleichgültig. Seine Partei bekämpfte sie. Aber die Begegnungen mit Überlebenden haben den 56-jährigen Kommunalpolitiker gewandelt - zu einem "Freund", sagt Abba Naor (83), einer der Sprecher der Überlebenden der Dachauer KZ-Außenlager bei Kaufering/Landsberg.

"Ich sehe, was die Stadt Dachau in den letzten Jahren für die Erinnerung tut", sagt Shraga Milstein, Präsident von Massuah. Das 1972 gegründete Institut zum Studium des Holocausts ist neben Yad Vashem die bedeutendste Einrichtung im Land. Milstein, Überlebender von Bergen-Belsen, bot jetzt Dachau eine Kooperation an. Das Bemerkenswerte daran: Nicht der KZ-Gedenkstätte, sondern der Stadt gilt die Offerte. Gerade weil ihr Name für die Naziverbrechen steht, ist sie noch mehr als andere Städte von Bedeutung für die Zukunft der deutsch-israelischen Beziehungen.

"Ich weiß, welche Emotionen Dachau bei den Israelis hervorruft", sagt Bürgel. Es kommt auf die menschlichen Begegnungen an, und dabei setzen Milstein und Bürgel vor allem auf die Jugend. Mit den Musikern der Band "Lupin" hat das schon funktioniert. Die 20- bis 22-jährigen Dachauer haben sogar Jakob Hirsch für sich eingenommen.