Altstadt Diese Schülerinnen wollen etwas verändern

Gegen Rassismus und Diskriminierung: Babak Ghassim, Eva Habersetzer, Tamana Baqi, Amina Marouf, Nayaab Amanullah, Zilan Yaslak, Messtan Kader, Arbesa Thaqi, Gabriele Brunner, Farid Khowhani, Sara Bergh, Andjela Stojanovic (oben, v.l.n.r.), Emma Steinbrenner, Sahar Haidari, Mona Haidari, Sumeya Salh, Wijdan Hermi, Naim Balikavlayan und Marie Gueye (unten).

(Foto: Stefanie Preuin)
  • Die städtische Salvator-Realschule ist nun "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage".
  • Dieses Projekt läuft deutschlandweit, mehr als 2500 Schulen mit 1,5 Millionen Schülerinnen und Schülern beteiligen sich.
  • Die Schülerinnen der Mädchenschule in der Münchner Altstadt engagieren sich in einem Projekt gegen Hass, Diskriminierung und Sexismus.
Von Melanie Staudinger

Die Geschichte macht sprachlos. Zur Hölle sollten sie fahren, die beiden Mädchen, die da händchenhaltend auf einer Wiese im Englischen Garten sitzen, giftete die ältere Frau. Lesbische Frauen in der Öffentlichkeit, das gehe nun mal gar nicht. Die Szene, von der die blonde junge Frau da in einem Videointerview berichtet, ist erst vor kurzem passiert, in einer Stadt, die sich selbst so gerne als Weltstadt mit Herz betitelt.

Dass ein einfaches Händchenhalten so einen Hass auslösen könne, habe sie nicht geglaubt, sagt die Schülerin. Eine Mitschülerin von ihr erzählt eine andere Episode, dieses Mal aus dem Westpark. Auf einer Brücke habe sie Selfies mit einer Freundin gemacht. "Was macht ihr da?", fragte ein Mann. "Fotos", sagten die Mädchen. Das aber interessierte den Typ gar nicht. "Er wollte wissen, warum wir überhaupt in Deutschland sind." Die junge Frau, die akzentfrei deutsch spricht, trägt ein Kopftuch.

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In der großen Welt diskutieren viele in den sozialen Medien unter dem Stichwort "Me Too" über unangemessenes Verhalten von Männern gegenüber Frauen, über sexuelle Belästigung und Vergewaltigung. In Frankreich warnen prominente Frauen vor einer einseitigen Debatte. In Beverly Hills haben die Frauen bei den Golden Globes aus Solidarität mit der "Time's Up"-Bewegung schwarze Roben angezogen.

Und in München tragen die Schülerinnen der städtischen Salvator-Realschule heute ebenfalls schwarz. "Wir wollen damit unsere Solidarität mit den Frauen in der Entertainment-Branche zeigen, die sich gegen die systematische Ungleichbehandlung von Frauen, gegen sexuellen Missbrauch wenden", sagt Zehntklässlerin Marie Gueye vor ihren 300 Mitschülerinnen in der Turnhalle. Zeit sei es, das Schweigen, das Abwarten, die Diskriminierung, die Belästigungen und den Missbrauch zu beenden. "Dagegen müssen wir gemeinsam vorgehen", sagt Marie Gueye. Ihre Schule feiert heute eine ganz besondere Auszeichnung. Sie wird "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage".

Dieses Projekt läuft deutschlandweit, mehr als 2500 Schulen mit 1,5 Millionen Schülerinnen und Schülern beteiligen sich. Die Mädchen der Salvator-Realschule haben ihr eigenes Projekt gemacht: Sie haben sich offen und ehrlich mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, mit ihren eigenen Erfahrungen. Dazu gehört vor allem eine große Portion Mut. Es ist nun gut ein Jahr her, da haben die Mädchen an der Salvator-Realschule begonnen, miteinander zu sprechen.

Viele von ihnen haben das, was im offiziellen Deutsch so gern als Migrationshintergrund betitelt wird. Einige sind in München geboren, andere mit ihren Eltern zugewandert. Manche sprechen deutsch daheim, andere nicht. Manche sind muslimisch, andere christlich, jüdisch oder haben keinen Glauben. Sie eint, dass sie sich als Münchnerinnen fühlen. Und dass sie im Alltag mit vielen Problemen und Hürden kämpfen müssen.

Weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen von herrschenden Schönheitidealen. Weil diejenigen mit der hellen Haut generell als makelloser gelten. Weil der Po prall, aber nicht fett sein soll. Weil sie hübsch anzuschauen sein sollen, und am besten gleichzeitig noch klug, witzig, erfolgreich in der Schule und liebenswert. Sie wollen nicht in einer Welt leben, in der ein ausländisch klingender Name alleine reicht, um bei einer Job-Bewerbung zu scheitern, in der Männer ihnen vorschreiben wollen, wie sie ihr Kopftuch richtig zu tragen haben, in der sie viel zu oft auf der Straße von Jungs dumm angemacht werden.

Babak Ghassim von der Rebell Comedy unterstützt das Projekt der Schule.

(Foto: Stefanie Preuin)

Mit ihren Einschätzungen stehen die Realschülerinnen stellvertretend für viele andere. Auch die beiden Jugendbefragungen, die Stadt und Kreisjugendring bisher gemacht haben, zeigen ein düsteres Bild: 42 Prozent der Mädchen und jungen Frauen gaben an, dass sie sich an vielen Orten unwohl fühlten in der Stadt. Aus den Resultaten lässt sich ablesen: Wie zufrieden Jugendliche mit ihrem Leben und ihren Zukunftschancen in München sind, hängt stark von ihrem Geschlecht, ihrer Bildung und ihrer sozialen Herkunft ab. Besonders Mädchen mit Migrationshintergrund, die kein Gymnasium besuchen, beurteilen die Lebensqualität in der Stadt und ihre individuellen Chancen deutlich negativer. Obwohl junge Frauen im Schnitt bessere Schulabschlüsse erlangen als ihre männlichen Altersgenossen, sehen sie für sich eine schlechtere berufliche Perspektive.

Die Salvator-Schülerinnen haben mit ihrer Lehrerin Eva Habersetzer eine Arbeitsgruppe gegründet, sie haben sich unterhalten, viel recherchiert. Sie haben mit Farid Khowhani gesprochen, einem jungen Afghanen, der vor den Taliban fliehen musste, weil er in seiner Heimat jungen Frauen Englisch beibrachte. Sie haben Sponsoren für ihr Projekt gefunden und einen Paten, die Rebell Comedy, ein deutsches Stand-up-Comedy-Ensemble.

Deren Gründer Babak Ghassim ist extra von Aachen nach München gekommen. Er rät: "Ihr solltet euch auch überlege, ob ihr euch selbst begrenzt, euch selbst in eine Schublade steckt und klein haltet." Um Klischees zu brechen, müsse man den persönlichen Kontakt suchen. Wer sein Gegenüber kenne, reduziere diesen Menschen nicht leichtfertig auf sein Geschlecht, seine Nationalität, sein Einkommen oder seine Religion.

An der Salvator-Realschule sollen jetzt weitere Projekte folgen. Mit Sexualität wollen sich die Mädchen beschäftigen, und sie wollen ihre jüngeren Mitschülerinnen beraten. Zehntklässlerin Marie Gueye sagt: "Nur zusammen können wir erreichen, dass die Welt diskriminierungs- und rassismusfreier wird."

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